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Interview

Mutter von Sofia Sapega - "Nicht das Leben meiner Tochter zerstören"

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Das Schicksal des festgenommen Bloggers Protassewitsch und seiner Freundin Sapega ist ungewiss. "Ich befürchte, dass sie in Haft bleibt", sagt Sapegas Mutter im ZDF-Interview.

Eine Frau hält Porträts von Roman Protassewitsch und seiner Freundin Sofia Sapega während eines Solidariätsprotests in Riga.
Eine Frau hält Porträts von Roman Protassewitsch und seiner Freundin Sofia Sapega während eines Solidariätsprotests in Riga.
Quelle: epa

ZDF heute: Haben Sie Kontakt zu Ihrer Tochter Sofia?

Anna Duditsch: Nein, ich habe keinerlei Kontakt zu Sofia. Wenn ich richtig verstanden habe, ist alles, was uns möglich ist, ihr Briefe zu schreiben.

ZDF heute: Wie haben Sie die ersten Meldungen von der Verhaftung Ihrer Tochter aufgefasst?

Duditsch: Ich fühle mich seit der Nachricht wie in einem Trancezustand, es kommt mir vor, als geschehe das alles nicht mit uns. Es ist alles sehr schwer.

Wir wussten, dass sie auf diesen Flug gebucht war. Die Nachrichten kamen, wir erfuhren, dass Roman [Roman Protassewitsch, Anm. d. Redaktion] festgenommen wurde, mir war klar, dass meine Tochter mit ihm zusammen war.

Ich habe nur eine kurze Mitteilung von ihr bekommen, das Wort "Mama". Dann war ihre Nummer nicht mehr erreichbar.

Ihre Kommilitonen haben am Flughafen von Vilnius auf sie gewartet, wir haben alle bis zuletzt gehofft, dass sie an Bord sein würde. Sie haben gewartet, bis der letzte Passagier durch die Grenzkontrolle war. Sie haben mir mitgeteilt, dass Sofia nicht an Bord war. Danach, so gegen 21 oder 22 Uhr, hat jemand von der Polizei angerufen und mitgeteilt, dass meine Tochter verhaftet worden sei. Also Sonntag, spät am Abend.

Am Montagmorgen sind wir nach Minsk gefahren und haben einen Rechtsanwalt engagiert, sind zu unserer Botschaft gefahren, haben dort mit dem Konsul gesprochen. Dann hat man immerhin dem Konsul einen Kontakt ermöglicht. Wir stehen mit dem Konsul in ständiger Verbindung.

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Sofia ist in einem deprimierten Zustand, was ja auch aus der Situation verständlich ist. Sie ist stark, sie versucht, sich zusammenzureißen. Inwieweit sie die Kraft hat, all das auszuhalten, womit sie jetzt konfrontiert ist, kann ich nicht sagen.

Selbst erwachsene und starke Männer werden unter diesen Bedingungen gebrochen. Ich weiss nicht, was mit meiner Tochter werden wird.

ZDF heute: Was befürchten Sie für Ihre Tochter?

Duditsch: Ich befürchte, dass sie in Haft bleibt. Ich möchte nicht, dass das Leben meiner Tochter zerstört wird.

ZDF heute: Was ist von den Vorwürfen der Justiz zu halten? Offenbar wirft man Sofia "Anstiftung zu Hass" vor.

Duditsch: Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass meine Tochter unschuldig ist. Ich habe es schon oft gesagt und kann es nur wiederholen, sie ist Studentin. Sie selbst, unsere ganze Familie, wir waren immer außerhalb der Politik. Meine Tochter hat das normale Leben einer 23-jährigen jungen Frau geführt.

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ZDF heute: Hat Sofia politisch gearbeitet? In einem veröffentlichten Video spricht sie ja davon, dass sie für einen oppositionellen Telegram-Kanal gearbeitet hat.

Duditsch: Das ist entsetzlich. Seit Beginn der Proteste in Belarus haben wir sehr viele Videos dieser Art gesehen. Das ist nicht das erste Video. Ich kenne Sofia besser als irgendjemand sonst. Und ihre Freunde, die mich seit der Veröffentlichung des Videos angerufen haben, alle meine Freunde und Bekannten bestätigen, dass Sofia sich völlig unnatürlich verhält und nicht wie sie selbst. Diese Kopf- und Augenbewegungen - ich hatte das Gefühl, entweder flüstert ihr jemand den Text vor oder sie musste ihn auswendig lernen. Das ist meine persönliche Meinung, die aber auch von anderen geteilt wird.

ZDF heute: Hat die Arbeit von Roman Protassewitsch sie vielleicht beeinflusst?

Duditsch: Schwer zu sagen. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, denn als Mutter habe ich sie natürlich vor möglichen Konsequenzen gewarnt, aber Konsequenzen von diesem Ausmaß haben wir uns natürlich nicht vorstellen können.

ZDF heute: Was sind Ihre nächsten Schritte?

Duditsch: Wir werden nicht locker lassen. Wir werden vor allem die russische Seite - wir sind Bürger Russlands - um Hilfe bitten. Das alles ist ein Fehler. Ich bitte unseren Staat und auch den belarussischen Staat nachdrücklich, nicht das Leben meiner Tochter zu zerstören. Weil die Vorwürfe, die jetzt gegen sie erhoben werden, sehr ernste Konsequenzen haben können. Eine lange Haftstrafe. Ich hoffe auf jede Hilfe. Ich werde kämpfen bis zuletzt, es geht um mein Kind.

Das Interview führte Axel Storm, ZDF-Studio Moskau.

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