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Vor den Wahlen - "Ich möchte ein neues, freies Belarus"

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Vor den Wahlen in Belarus stehen Regierungskritiker einmal mehr unter Druck. Schauspieler Roman Tschitko erzählt über Einschüchterungen und seinen Wunsch, trotzdem weiterzumachen.

Schauspieler Roman Tschitko sitzt im Interview in einer leeren Fabrikhalle auf einem Holzboot
Der 23-jährige, weißrussische Schauspieler und Regierungskritiker Roman Tschitko.
Quelle: ZDF

Roman Tschitko, 23, ist Ensemble-Mitglied des "Freie Theater Belarus", einer 2005 gegründeten Untergrund-Theatergruppe, die heute vor allem mit ihren Online-Inszenierungen für Furore sorgt.

Die Truppe setzt sich mit unterschiedlichsten gesellschaftlich relevanten Themen auseinander, womit sie bei den offiziellen Stellen in Ungnade gefallen ist. Die Folge: Viele Mitglieder sind ins Ausland gegangen.

Die im Land gebliebenen Schauspieler proben halbillegal, unter anderem in abgelegenen Fabrikhallen und wurden schon mehrfach zusammen mit ihren Zuschauern festgenommen.

ZDFheute: Mit euren Aufführungen seid ihr schon oft in den Fokus des Staates geraten. Warum?

Roman Tschitko: Weil das Theater über wichtige Sachen spricht. Über Sachen, die für die Regierung und die Herrschenden unvorteilhaft sind. Deshalb gibt‘s Probleme, mit Festnahmen, Einschüchterungen und Verfolgungen. Wir machen Aufführungen zu ganz unterschiedlichen Themen. Es gibt welche mit einer sozialen Thematik, die den Staat betreffen und dem Staat gefällt das nicht.

Daher setzt man uns unter Druck und gängelt uns. Wie vor zwei Jahren, als wir eine Aktion zur Unterstützung der LGBT-Community veranstalteten. Mich nahmen sie bereits nach der Aktion fest, als wir ein Video dazu herausbrachten.

ZDFheute: Wie ist die Situation gerade für Euch?

Tschitko: Das "Freie Theater Belarus" besteht schon viele Jahre, doch in unserem Land existiert es im Untergrund - also illegal - aufgrund einer Reihe von Umständen, besonders staatlicher. Wenn man hört: "Freies Theater Belarus", so versteht man sofort, dass es das zu 100 Prozent nicht ist.

ZDFheute: Ist es nicht stressig, als Schauspieler so arbeiten zu müssen?

Tschitko: Nein, es ist Klasse. Es ist großartig, wenn du in deinem Beruf etwas zum Ausdruck bringen kannst. Viele meiner Kollegen, Kommilitonen und Schauspieler aus anderen, staatlichen Theatern, flüstern nur. Sie sind ständig über etwas unzufrieden, tun aber nichts, um das zu ändern.

Je größer der Druck wird und dir die Luft genommen wird, umso größer ist der Wunsch, zu reden und zu schreien, laut zu rufen, etwas mitzuteilen.

Was können Sie denn noch, außer Angst zu machen? Sie können nichts! Oh, jetzt habe ich aber vom Leder gezogen! Da werden sie kommen und es wird lustig. Wenn sie kommen, bedeutet dies, dass sie mehr Angst haben als ich.

Schauspieler Roman Tschitko sitzt in einer Fabrikhalle bei einer Theaterprobe in einem Holzboot
Das "Freie Theater Belarus" probt auch halbillegal in abgelegenen Fabrikhallen.

ZDFheute: Das heißt, man muss Angst haben, dass jederzeit was passieren kann?

Tschitko: Klar, das kommt vor. Es gibt da eine Paranoia, eine Panik. Und wenn die dich packt, fängst du an, irgendwelche Schriftwechsel zu löschen, obwohl es da vom Prinzip nichts Schlimmes gibt. Wir kommunizieren einfach miteinander.

Und doch denkst du manchmal, dass du etwas aus deinem Postfach entfernen musst und beginnst zu löschen. Manchmal siehst du auch Autos mit merkwürdigen Kennzeichen vor deinem Haus, die 40 Minuten lang da stehen. Da macht man sich Gedanken, dass sie einen sicherlich beobachten.

ZDFheute: Würde es Euch helfen, wenn der Staat Eure Arbeit anerkennen würde?

Tschitko: Die Anerkennung solch eines Staates wie jetzt möchte ich ungern haben. Denn das würde ja bedeuten, dass wir irgendetwas nicht richtig machen. Solch ein Staat darf uns nicht anerkennen. Aber irgendwelche neuen Regierenden, Demokraten - von denen natürlich ja! Die Anerkennung hätte ich gerne.

Internetseite des "Freien Theaters Belarus"
Das "Freie Theater Belarus" sorgt vor allem mit seinen Online-Inszenierungen für Aufmerksamkeit.
Quelle: ZDF

ZDFheute: Wie siehst du die kommenden Wahlen?

Tschitko: Ich dachte zunächst, dass die Wahlen einfach so vorbeigehen werden. Doch dann fing es auf einmal an, sich so rasant zu entwickeln, dass da Hoffnung aufkommt. Und ich möchte das sehr, ein neues, freies Belarus.

Die Leute, die früher geschwiegen haben, nicht nur hinsichtlich der Regierung, sondern auch hinsichtlich unterschiedlicher sozialer Sachen, die fangen jetzt an zu reden. Und das bedeutet etwas. Das sind Leute, von denen ich das nie erwartet hätte. Ich hoffe, dass alles ohne irgendwelche harten Maßnahmen abläuft und sich alles ändert. Und der Mann (Anm. d. Red.: Präsident Alexander Lukaschenko) einfach begreift, dass es an der Zeit ist zu gehen.

Das Interview führte das ZDF-Studio Moskau.

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