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Ex-Grenzer: "Ich hätte geschossen"

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Mauerbau vor 59 Jahren - Ex-Grenzer: "Ich hätte geschossen"

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Vor 59 Jahren beginnt die DDR den folgenschweren Bau der Mauer. Der frühere Grenzoffizier Thomas Schwarz spricht über seine Zeit am "Eisernen Vorhang" und die Maueröffnung.

Am 13. August 1961 begann die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer, die West-Berlin vom Ostteil der Stadt und vom DDR-Umland abtrennte. Über 500.000 DDR-Soldaten bewachten die Grenzen. Ein ehemaliger Grenzoffizier erinnert sich an seinen Einsatz.

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Der Start des Mauerbaus am 13. August 1961 ist mittlerweile fast sechzig Jahre her, in diesem Herbst feiern die Deutschen bereits den 30. Jahrestag ihrer Einheit. Doch die 10.315 Tage Teilung haben tiefe Spuren hinterlassen. Jetzt sprechen einige Grenzer offen über ihre Zeit am "Eisernen Vorhang". Der heute 54-jährige Unternehmer Thomas Schwarz war einer von 500.000 Deutschen in der Uniform der DDR-Grenztruppen. Von 1984 bis 1990 diente er als Offizier.

Auftrag: Für Ruhe an "Staatsgrenze West" sorgen

Thomas Schwarz als Offiziersschüler in den 80ern in Suhl
Thomas Schwarz als Offiziersschüler.
Quelle: ZDF

Pfingsten 1987. Der Suhler Offiziersschüler im dritten Studienjahr, Thomas Schwarz, wird zu einem besonders heiklen Spezialauftrag nach Berlin abkommandiert. Der 21-Jährige soll am Brandenburger Tor für Ruhe und Ordnung an der "Staatsgrenze West" sorgen.

Die zusammengezogenen Sondereinheiten sollen jede Ansammlung von DDR-Jugendlichen unterbinden. Die SED befürchtet Tumulte im sensiblen Ost-Berliner Grenzgebiet. Der Grund: Auf West-Berliner Seite tritt Pop-Ikone David Bowie auf. Thomas Schwarz muss an diesem Abend nicht eingreifen. Er wird vielmehr Ohrenzeuge eines spektakulären Konzerts am Reichstag - für ihn "eine geile Sache" und "wirklich genial".

Archiv: Bau der Mauer am Potsdamer Platz, am 18.08.1961
Bau der Berliner Mauer am Potsdamer Platz im August 1961.
Quelle: pr

Der gebürtige Neuruppiner hat sich für 25 Jahre als Politoffizier verpflichtet. "Damit die Leute bei uns ruhig schlafen können", bestätigt er, "davon war ich damals überzeugt". Nach seiner vierjährigen Ausbildung zum Politoffizier in Suhl wird Schwarz exakt am 13. August 1988 zum Grenzübergang Staaken versetzt.

Schwarz verhindert einen Fluchtversuch

Als stellvertretender Kommandeur ist er für den Abschnitt an der Staatsgrenze zum West-Berliner Bezirk Spandau zuständig. Was bedeutete für ihn die tägliche Anweisung, "Grenzdurchbrüche mit allen Mitteln" zu verhindern? Eine Frage über Leben und Tod: "Hätten Sie geschossen?" Thomas Schwarz:

Ja, wenn es in meinem Abschnitt einen Grenzdurchbruch gegeben hätte und diejenigen auf die Warnschüsse und auf die Anrufe nicht reagiert hätten, dann hätte ich geschossen. Ganz klar.
Thomas Schwarz, Ex-Grenzoffizier

Tatsächlich kann Schwarz am DDR-Grenzübergang Staaken einen Fluchtversuch verhindern. Zum Glück aller ohne Anwendung der Schusswaffe. Der junge DDR-Flüchtling wird bei seinem Versuch schnell entdeckt und lässt sich widerstandslos festnehmen. "Mein persönlicher Eindruck war, dass auch der Grenzverletzer, wie er damals genannt wurde, froh war, dass es so ausgegangen ist und nicht in Gewalt geendet hat."

Maueröffnung "ein Akt der Befreiung"

Aus den Nachrichten erfährt ein völlig überraschter Thomas Schwarz am 9. November 1989 abends von der Maueröffnung. Er eilt zu seinem Kontrollpunkt nach Staaken. Tausende DDR-Bürger belagern den Übergang, verlangen freie Fahrt. Die Vorgesetzten schweigen. Eine funktionierende Befehlskette gibt es nicht mehr.

Schwarz öffnet den Übergang am 10. November 1989 um 0:32 Uhr. In wenigen Minuten wird aus dem vielfach verhassten "Mitglied einer Mördertruppe" ein umjubelter Held. 

Es war ein Akt der Befreiung. Man musste nicht mehr gegen die eigenen Menschen den Dienst versehen.
Thomas Schwarz, Ex-Grenzoffizier

Lehre für Ex-Grenzer: "Einmauern bringt nichts"

Thomas Schwarz
Thomas Schwarz lebt heutzutage in Brandenburg.
Quelle: ZDF

Der überzeugte Genosse Thomas Schwarz wollte aus seiner Sicht nur das Richtige, das am Ende so falsch lief. Er baut die Grenze mit ab, engagiert sich am Runden Tisch, will für die DDR einen Neuanfang.

Schwarz zieht im Frühjahr 1990 die Uniform aus und meldet sich arbeitslos. Er bewirbt er sich bei der Müllabfuhr, wird aber wegen "Überqualifizierung" abgelehnt. Er jobbt als Bäckergehilfe, zieht nach West-Berlin. Dort lernt er Versicherungskaufmann und macht später in der Immobilienbranche Karriere. Schwarz wird erfolgreicher Unternehmer mit tausend Mitarbeitern.

Mittlerweile lebt der 54-Jährige zurückgezogen in Brandenburg. Über seinen sechsjährigen Dienst an der Grenze sagt er heute: "Das ist eine Lehre, die ich für mich aus der Geschichte gezogen habe:"

Einmauern bringt nichts, definitiv nichts. Es ist immer tödlich für alle Beteiligten.
Thomas Schwarz, Ex-Grenzoffizier
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