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Eine Woche vor dem Austritt - Stell' dir vor, es ist Brexit ...

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... und keinen interessiert’s. Noch sieben Tage ist Großbritannien in der EU. Und dann?

Die britische Flagge vor der Uhr des Big Ben.
Verdächtige Ruhe vor dem Brexit: Auch Big Ben schweigt.
Quelle: Alastair Grant/AP/dpa

Westminster: Das Regierungsviertel im Herzen Londons wirkt blutleer in diesen Tagen. Die Dauerdemonstranten, die sich monatelang Tag für Tag die Füße vor dem Parlament platt standen - verschwunden. Das politische Drama, die Rebellion des Parlaments, sein Dauerkampf gegen die Regierung - irgendwie eine Ewigkeit her. Der Brexit scheint geschafft, erledigt.

Austrittsabkommen durch Parlament gerauscht

Fast geräuschlos und im Eiltempo rauschte das Austrittsabkommen in den vergangenen Wochen durch beide Kammern des Parlaments. Ein kurzes Mucken der Lords im Oberhaus, die Änderungen anmahnten, wurde von der satten Mehrheit von Boris Johnsons Konservativen im Unterhaus abgebügelt. Das Gesetz, das den Austritt auf britischer Seite besiegelt und um das gerungen wurde wie verrückt, nimmt die nicht mehr vorhandene Hürde Parlament. Ein schriftliches Statement des Premiers, unaufgeregt. Ein paar Phrasen: "Nun können wir den Streit und die Spaltung der vergangenen drei Jahre hinter uns lassen und eine großartige, aufregende Zukunft schaffen."

Wie das genau gelingen soll, erklärt Anand Menon, Direktor der Denkfabrik "UK in a Changing Europe", sei noch sehr nebulös. "Das Wahlprogramm der Konservativen bezeichnete den Brexit als etwas, das erledigt werden müsse, damit man sich den wirklich wichtigen Problemen des Landes widmen kann. Doch selbst von den glühendsten Verfechtern des EU-Austritts hört man kaum noch, dass der Brexit wirtschaftlich helfen würde, diese Probleme anzupacken", so Menon.

Tories im Umfragehoch

Was die Stimmung im Land angeht, scheint es, dass Johnsons siegbringender Wahlkampfslogan "Get Brexit done" Wirklichkeit geworden ist. Ebenso seine Ankündigung, dass das Wort nach dem 31. Januar nicht mehr gebraucht werde. Die größte Oppositionspartei sucht nach dem Wahldebakel bis April einen neuen Anführer und ist erst einmal abgemeldet.

Die Tories sind dagegen im "Flitterwochen der Macht"-Umfragehoch. Die meisten "Remainer", die den Austritt eigentlich ablehnen, haben das Unvermeidliche akzeptiert. Mehr oder weniger in Schock und Trauer. Obwohl die Umfragen zum Austritt sich nicht verändert haben. Es bleibt bei einer kleinen Mehrheit für einen Verbleib in der EU. Pi mal Daumen fifty-fifty, wie seit Jahren.

Erleichterung bei Brexit-Anhängern

Fühlt man den Puls der "Remainer" auf Twitter, dem Medium, auf dem der Brexit-Streit intensiv ausgefochten wurde, dann stellt man fest: "Wir geben nicht auf, dann halt wieder rein irgendwann, irgendwie. Wir wissen es gerade auch nicht" - so der Tenor. Auf der Gegenseite bei den Brexit-Anhängern spürt man dagegen große Erleichterung.

Darüber, dass ihnen der EU-Austritt nicht gestohlen wurde und das er nun endlich kommt. Doch es ist eher wenig Triumphgeheul zu hören. Außer vielleicht von den üblichen Verdächtigen wie etwa Nigel Farage, dem Vorsitzenden der Brexit-Partei. Aber auch er zeigt sich etwas reumütig - darüber, dass er nach 20 Jahren seinen Platz im Europäischen Parlament räumen wird.

Die Big-Ben-Bimmel-Posse

Boris Johnson und seine neue Regierung üben ebenfalls den Spagat zwischen Euphorie und Ball-flach-Halten. Der Premier will das Land einen, die Spaltung überwinden, da braucht es keine Triumphzüge der Brexiteers durchs Land oder die Hauptstadt. Die offiziellen Feierlichkeiten werden eher klein: eine Party der Brexit-Partei auf dem Platz vor dem Parlament, kein Feuerwerk. Keine Kirchenglocken, die läuten. Noch nicht mal Big Ben.

Die Big-Ben-Brexit-Bimmel-Posse zeigt: Zumindest 10 Downing Street scheint bewusst zu sein, dass die Mehrheit im Land nicht wirklich happy über den Austritt ist. Denn am Ende scheiterte der Versuch des eisernen Brexit-Befürworters und konservativen Parlamentariers Mark Francois, Big Ben zur Brexit-Stunde läuten zu lassen, am mangelnden politischen Willen der Regierung. Der Glockenturm wird gerade renoviert, eine Reaktivierung für den Anlass hätte viel Geld gekostet.

Der Premier rief in bekannter Wortakrobatik zum Spenden auf: "Wir haben einen Plan. Lass 'nen Schilling springen, dann kann die Big-Ben-Bimmel klingen." Um dann zurück zu rudern: Als Regierung könne man rechtlich keine Spenden annehmen. Es folgten tagelange Diskussionen in den Zeitungen, vor allem in der Boulevard-Presse. Obwohl es offensichtlich war: Die Berater Johnsons, die vor zu viel Triumphgefühlen warnen, haben die Oberhand gewonnen. Die Brexit-Big-Ben-Bong-Befürworter werden wohl, wie angekündigt, das Glockengeläut vom Band abspielen müssen.

Übergangsphase bis Ende 2020

Aus den Augen, aus dem Sinn, das mag momentan funktionieren. Doch Politikwissenschaftler, Handelsexperten und Ex-Politiker, die um keine Wiederwahl mehr fürchten müssen, erklären in diesen Tagen ein und dasselbe - die wirklich harten Verhandlungen in Sachen Brexit kommen erst jetzt, nämlich die über die zukünftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU.

Bis Ende 2020 läuft die Übergangsphase, in der sich nichts ändert. Außer dem Rückzug der Briten aus den EU-Institutionen. In dieser Zeit muss vor allem ein Handelsvertrag ausgearbeitet und ratifiziert werden. Der die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen regelt. Unmöglich in so kurzer Zeit, sagen Experten.

Sie warnen vor dem No-Trade-Deal, dem Austritt ohne eben nahtlos folgenden Handelsvertrag. Denn Boris Johnson schließt eine Verlängerung der Übergangsphase kategorisch aus, was Handelsexperten für Harakiri halten. Wieder ein Bluff?

Europa will kein Steuerparadies vor der Haustür

Großbritannien will die Freiheit, die Regeln für Wirtschaft und Handel anders zu gestalten als in Europa. Es will die Freiheit, Handelsverträge mit aller Welt - vor allem den USA - abschließen zu können.

Und doch die Freiheit behalten, mit dem größten Handelspartner EU weiter ohne Restriktionen Waren und Dienstleistungen zu tauschen, was etwa 50 Prozent des kompletten britischen Außenhandelsvolumens betrifft. Europa will die Briten eng bei der Stange halten, will aber kein dereguliertes Steuerparadies vor der Haustür, einen vielleicht unangenehmen Konkurrenten.

Thinktank-Direktor Menon urteilt: "Die Alternativen für 2020 heißen entweder: ein No-Trade-Deal-Szenario, mit schweren Konsequenzen für alle Bereiche der Zusammenarbeit. Ein Verlängern der Übergangsphase, in welcher Form auch immer. Oder ein sehr abgespeckter Handelsvertrag über das, was in kurzer Zeit möglich ist, der viele neue Hürden für den Handel schaffen wird und viele Aspekte der künftigen Beziehungen unbearbeitet lassen wird."

Das wird das Brexit-Jahr nach dem 31. Januar bestimmen. Weniger emotional, weniger Drama. Dafür Detailverhandlungen, bei denen das Verschieben eines Kommas Millionen kosten oder bringen kann. Unter Zeitdruck. Ein bewährtes Rezept für politische Krisen.

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