ZDFheute

EU-Klimabilanz durch Brexit schlechter

Sie sind hier:

Großbritannien als Vorreiter? - EU-Klimabilanz durch Brexit schlechter

Datum:

Der Brexit hat Folgen. Eine davon: Die EU-Treibhausgasbilanz verschlechtert sich. Denn Großbritannien ist beim Klimaschutz viel besser als die meisten anderen Länder Europas.

Braunkohlekraftwerk in Schkopau, aufgenommen am 16.01.2020
Braunkohlekraftwerk in Schkopau
Quelle: dpa

"Lassen Sie uns dieses Jahr zu einem Moment machen, in dem wir den Mut und den technologischen Ehrgeiz aufbringen, den vom Menschen verursachten Klimawandel zu bewältigen." Dieser Appell kommt nicht aus den Reihen der Klimaaktivisten. Gesagt hat das letzte Woche Großbritanniens Premier Boris Johnson. "Für eine sauberere, grünere Zukunft für alle unsere Kinder und Enkelkinder." Der Konservative wird zwar sonst gerne mit Klimaskeptiker Donald Trump verglichen, unterscheidet sich zumindest in diesem Punkt aber grundsätzlich.

Denn Großbritanniens Klimabilanz lässt die anderer europäischer Länder - Deutschland eingeschlossen - alt aussehen: Zwischen 1990 und 2018 hat das Land den Ausstoß klimaschädlicher Gase um 43 Prozent reduziert. Und das hat Auswirkungen auf die Klimabilanz der Europäischen Union. Nach den Zahlen der Statistikbehörde Eurostat sind die Treibhausgase in der EU zwischen 1990 und 2017 um 24,8 Prozent zurückgegangen.

EU-Klimaziel schwerer zu erreichen

Wird Großbritanniens Beitrag aus der Bilanz herausgerechnet, dann sind es nur noch 21,85 Prozent. Die Differenz beträgt also fast drei Prozent, die der EU nun plötzlich fehlen. Damit wird es für sie schwerer, ihr Klimaziel zu erreichen, nämlich den Treibhausgasausstoß bis 2030 um 40 Prozent zu verringern. Umso ambitionierter muss sie die Brexit-Lücke ausgleichen, wenn die EU-Kommission wie geplant die Marke auf 50 bis 55 Prozent anhebt.  

Auch der direkte Vergleich Großbritanniens mit Deutschland spricht Bände: Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) sanken die Treibhausgasemissionen zwischen 1990 und 2018 hier um 31,4 Prozent auf insgesamt 858,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Großbritannien kommt bei einem Minus von 43 Prozent auf 451 Millionen Tonnen. Unter CO2-Äquivalenten werden alle Treibhausgase erfasst, also zum Beispiel auch Methan oder Lachgas. Dass Deutschland fast die doppelte Menge ausstößt und in Europa damit den Spitzenplatz hat, liegt unter anderem daran, dass hier noch ein großer Teil des Stroms aus Kohle gewonnen wird.

Die EU will bis 2050 klimaneutral werden - wie die Pläne aussehen, lesen Sie hier:

Video starten

EU stellt "Green Deal" vor - Brüssels Billionen-Euro-Plan für mehr Klimaschutz

Die EU will bis 2050 "klimaneutral" werden. Zur Finanzierung will die EU-Kommission einen Billionen-Euro-Plan auflegen. Heute wird der "Green Deal" vorgestellt - darum geht es.

London macht Kohle teuer

Die Briten haben sich dagegen aus der Kohle weitgehend verabschiedet. 1990 hatte die noch einen Anteil von 65 Prozent am Energie-Mix, 2018 waren es nur noch sieben Prozent. Ein Grund dafür: London hat 2013 dafür gesorgt, dass Kohleenergie vergleichsweise teuer wurde. Im EU-weiten Handel mit Emissionszertifikaten, also den Rechten zum Ausstoß von Treibhausgasen, waren die Preise nämlich so weit gesunken, dass es sich für die Energiekonzerne lohnte, auch alte Kohlekraftwerke weiter zu betreiben.

Nicht so jenseits des Ärmelkanals. Die britische Regierung setzte im Alleingang einen Mindestpreis fest. In der Folge war es deutlich attraktiver, den Strom aus Erdgas und erneuerbaren Energien zu gewinnen. In den nächsten fünf Jahren sollen nun die letzten vier Kohle-Meiler vom Netz gehen. "Kohleenergie wird bald nur noch eine ferne Erinnerung sein", kündigt Energieministerin Andrea Leadsom an. Wind, Sonne und Co haben dabei im letzten Jahr erstmals die fossilen Quellen überholt und die rückläufige Kernenergie weiter abgehängt.

Grüner Musterknabe?

Das konservativ regierte Großbritannien als grüner Musterknabe? Lob für Londons Klimapolitik gab es jedenfalls im letzten Klimaschutz-Index, einem Ambitions-Ranking, das Germanwatch und das Climate Action Network  jährlich aufstellen. Großbritannien landete auf Platz 7 (wobei im Index die ersten drei Plätze demonstrativ nicht vergeben werden).

Nur Schweden, Dänemark und Marokko waren besser. Deutschland lag auf Rang 23. Allerdings schränken die Autoren ein, dass auch das britische Engagement vor allem beim Energieverbrauch und beim Ausbau der erneuerbaren Energien bisher nicht ausreiche, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen.

Tatsächlich ist das Land noch immer stark auf das fossile Erdgas als Energieträger angewiesen und hat bei den Erneuerbaren einen niedrigeren Anteil am Energiemix als Deutschland. Im energieintensiven Verkehrssektor geht es auch auf der Insel bisher nur mäßig voran.

"Obwohl sie gerne als Klimavorreiter gesehen werden will, hat die britische Regierung längst noch nicht geschafft, was nötig wäre, um ihre Klimaziele zu erreichen", kritisiert zum Beispiel der britische Greenpeace-Zweig. Auch andere Parteien im Königreich wie Labour, die Liberaldemokraten und die Grünen wollen eine noch engagiertere Klimapolitik.

Netto-Null bis 2050

Vergangene Woche forderte Johnson die Welt dennoch selbstbewusst auf, bis spätestens 2050 netto keine Treibhausgase mehr auszustoßen. "Wir haben die Verantwortung gegenüber unserem Planeten, dabei voranzugehen", so der Premier. London hat das Netto-Null-Ziel immerhin in einem Gesetz verankert. Und will außerdem einen bereits beschlossenen Zulassungsstopp für Diesel-Autos und Benziner von 2040 auf 2035 vorziehen. Die Regierung gibt sich entschlossen - im Vorfeld der nächsten Weltklimakonferenz in Glasgow im November. Und sie prescht zumindest im Vergleich zu anderen großen Ländern in Europa voran.

Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.