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Britische EU-Abgeordnete - "Ich bin eine der Brexit-Flüchtlinge"

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Gepackte Kisten, leere Schränke: Die britische Labour-Abgeordnete Jude Kirton-Darling muss ihr Brüsseler Büro räumen. Der Brexit mache sie "tieftraurig", sagt sie im Interview.

Die 42-jährige Labour-Abgeordnete empfängt uns in ihrem Büro im 13. Stock des Europaparlaments. Aus dem Fenster ein grandioser Blick über Brüssel, drinnen gepackte Kisten, abgehängte Bilder, leere Schränke. Kirton-Darling sitzt am Schreibtisch und räumt ihren Dienstcomputer auf. Denn am Freitag tritt der Brexit in Kraft.

heute.de: Wie erleben Sie diese letzten Tage im Europaparlament nach sechs Jahren Arbeit für Europa?

Mich als überzeugte Internationalistin macht das tieftraurig.
Jude Kirton-Darling

Jude Kirton-Darling: Natürlich bin ich sehr traurig. Es ist anders, als ich es bisher in der Politik erlebt habe. Ich habe die Wahl gewonnen, ich habe einen Sitz im Europaparlament gewonnen, ich bin nicht abgewählt worden und muss deshalb gehen. Es ist eine einzigartige Situation in der Weltgeschichte, dass ein Land sich selbst aus internationaler Zusammenarbeit zurückzieht. Mich als überzeugte Internationalistin macht das tieftraurig.

heute.de: Wie werden Sie abstimmen, wenn das Europaparlament das Austrittsabkommen vorgelegt bekommt?

Kirton-Darling: Ich werde dagegen stimmen. Ich glaube nicht, dass es ein guter Deal für Großbritannien ist, er ist auch nicht besonders gut für den Rest der Europäischen Union. Es ist meine letzte Abstimmung, der Brexit ist ein Beispiel für die Selbst-Lahmlegung eines Landes, einer Nation. Und ich möchte nicht, dass mein Name durch meine Stimme damit in Verbindung gebracht wird.

heute.de: Sie waren Mitglied des Handelsausschusses des Europaparlaments. Wie schätzen Sie das ein: Beginnt nun, wie Premierminister Boris Johnson sagt, die "strahlende Zukunft der Freihandelsabkommen"?

Kirton-Darling: Das ist natürlich Unsinn. Es hat viele Versuche gegeben, den Austritt als einen positiven Schritt zu verkaufen. Aber Großbritannien ist eine Freihandelsnation. Und was wir jetzt machen, ist neue Barrieren zu errichten. Was mich wirklich beunruhigt, ist, dass wir uns in einer sehr instabilen Welt mit konkurrierenden Handelsblöcken befinden. Wir werden eingeklemmt sein zwischen dem europäischen Modell von Handelsabkommen und den USA und ihrer sehr aggressiven Handelspolitik unter US-Präsident Donald Trump. Dazu kommen China und andere große Player - und in dieser Situation wäre es einfach viel besser für uns, mit unseren Nachbarn zusammenzuarbeiten. Aber wir haben uns als Land entschlossen, das nicht zu tun.

heute.de: Was bedeutet der Brexit für Sie persönlich?

Kirton-Darling: Für mich persönlich ist es verheerend. Mein Großvater hat den Holocaust überlebt. Er ist aus der Slowakei geflüchtet und kam mit nichts in der Tasche ins Vereinigte Königreich. Ich wurde erzogen mit dem Wissen, was ein Krieg in Europa ganz konkret bedeutet, ich habe internationale Zusammenarbeit in meiner DNA. Und ich finde es einfach verheerend, dass wir diesem Projekt den Rücken zuwenden.

Und dann habe ich als junger Mensch das gemacht, was viele junge Europäer gemacht haben: Ich bin durch Europa gereist, ich habe mich in einem anderen Land verliebt, ich habe in diesem Land (Belgien) eine Familie gegründet. Und nun zwingt mich der Brexit, zu wählen. Als Paar waren wir noch nie in der Situation wählen zu müssen: Wollen wir auf dieser Seite der Grenze oder auf der anderen Seite leben? Und das ist ein schwieriges Gespräch, denn ich bin eine stolze Britin, aber ich bin auch eine stolze Europäerin.

Aber ich musste einsehen, dass im Vereinigten Königreich keine Atmosphäre des Willkommens für EU-Ausländer herrscht. Also fragte ich meinen Mann: Sollen wir in Belgien bleiben, wo wir beide willkommen sind oder ziehen wir ins Vereinigte Königreich, wo wir nicht wissen, wie unsere Zukunft aussieht? Also haben wir beschlossen, hier zu bleiben. Es ist ein bisschen tragisch: Ich bin eine der Brexit-Flüchtlinge, die auf der anderen Seite des Ärmelkanals bleibt.

So verändert sich das EU-Parlament durch den Brexit:

heute.de: Wovon werden Sie ab jetzt leben?

Kirton-Darling: Ich mache erstmal eine kleine Pause. Die letzten Jahre waren ganz schön hart. Ich habe ein dreijähriges Kind, da ist mir weder langweilig noch habe ich zu viel Zeit. Und ich werde als Freiwillige in einer Menschenrechtsorganisation arbeiten, ein paar Monate lang, bis ich mich wieder etwas gefangen habe. Und dann gehe ich, wie jede andere auch, auf Jobsuche und finde hoffentlich etwas, wofür ich mich begeistern kann.

heute.de: Was werden Sie am Europaparlament vermissen?  

Kirton-Darling: Oh, da sind so viele Sachen. Eines der schönsten Dinge in den letzten Jahren war die unendliche Sympathie und Solidarität unserer Kollegen (im Parlament). Besonders der Deutschen. Wir haben eine vielfältige deutsch-britische Kooperation, zwischen den Gewerkschaften, zwischen den politischen Parteien.

Und diese Art von Kameradschaft und Solidarität findet man selten an anderen Arbeitsplätzen. Ja, es werden die Menschen sein, die ich vermissen werde. Nicht wirklich diese Wände oder den Streit und die Kämpfe.

heute.de: Glauben Sie, dass Großbritannien eines Tages zurückkehren wird in die EU?

Kirton-Darling: Wir stehen als Land am Scheideweg. In der einen Richtung liegt eine sehr dunkle Zukunft, ein isolationistisches "Little-England", ziemlich scheußlich. So eine Art letzter Atemzug des britischen Empire. Das ist es, was bestimmte rechtslastige Politiker wie Nigel Farage zum Beispiel im Sinn haben. Es ist scheußlich und der Ausgang der Geschichte wird auch scheußlich sein. Und die Alternative ist, dass wenn neue Generationen heranwachsen, und es gibt ja schon eine junge Generation, die sehr pro-europäisch ist, die für "remain" gestimmt hat und die sehr traurig ist, dass ihre Möglichkeiten mit dem Austritt beschränkt werden. Bekommt diese Generation die Mehrheit, dann würde es mich nicht überraschen, wenn sie in zehn oder 15 Jahren wieder an die Tür klopft und darum bittet, ein Mitglied dieses großen Projektes zu werden.  

Das Interview führte Anne Gellinek, Leiterin des ZDF-Studios in Brüssel.

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