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Brexit-Befürworterin im Interview - "Die Leute werden morgen einen Kater haben"

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Die Briten sagen heute Goodbye zur EU - nicht alle mit weinendem Auge. Journalistin Katy Balls befürwortet den Brexit. Das Leben der Menschen ändere sich erstmal nicht, meint sie.

"Wir haben einen Abschluss. Jetzt kann man wieder über andere Sachen sprechen."

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Journalistin Katy Balls ist überzeugt: Der Brexit kann Türen öffnen, wenn die Regierung und die Briten es richtig angehen. Die größten Herausforderungen für das Vereinigte Königreich werden das mögliche Unabhängigkeitsreferendum in Schottland und Nordirland sein. Die interessante Frage für Balls ist, wie die Zukunft für die Europäische Union aussehen wird.

heute.de: Was wird anders sein, wenn die Menschen am morgen aufwachen?

Katy Balls: Nicht viel. Es wird sich nicht sofort etwas verändern. Es ist genauso, wie wenn man fragt, ob der Brexit das Leben der Menschen verändern wird. Wir werden für einige Jahre noch nicht wissen, wie es wirklich ausgeht. Also wird sich morgen nicht direkt etwas verändert haben – außer vielleicht, dass die Leute einen Kater haben, weil sie in der Nacht gefeiert haben.

heute.de: Was wird anders sein, wenn die Menschen am 1. Januar 2021 aufwachen?

Balls: Ich denke mehr. Es wird einige Dinge geben, die sich aber noch nicht so offensichtlich zeigen. Mit der Reisefreiheit wird es dann sicherlich vorbei sein und die Zahlungen an die EU werden sich verändert haben. Aber wie die zukünftige Beziehung aussieht und wie sich das dann auf die Wirtschaft auswirkt, kann man noch nicht sagen.

heute.de: Werden elf Monate für die weiteren Verhandlungen mit der EU ausreichen?

Balls: Wenn man auf Brüssel hört: Nein. Fragt man in Westminster, heißt es: Ja! Ich denke, wir sind an dem Punkt, wo man alle Aussagen mit Vorsicht genießen muss - von beiden Seiten. Auf ein paar Punkte kann man sich sicherlich einigen. Was ein Vorteil für das Vereinigte Königreich ist, ist, dass man Zeitdruck ausüben kann. Boris Johnson wollte das ja schon immer, um so die EU in eine Richtung zu drücken. Ich denke, jetzt wo sie das machen könnten, ist es nicht die Frage, ob es als Taktik funktioniert, aber es ist eine bessere Position für das Vereinigte Königreich in den Verhandlungen.

Einige meiner Freunde fragen: 'Worüber sollen wir uns denn jetzt streiten?' Ich bin mir sicher, wir werden neue Streitthemen finden.
Katy Balls, britische Journalistin

heute.de: Kann irgendwas diese zerrissene Gesellschaft wieder vereinen?

Balls: Ich weiß nicht, wie zerrissen wir wirklich sind. Wir hatten sicherlich harte Jahre. Bei allem, was hier in der Politik passiert ist. Im Unterhaus ist keine einzige Entscheidung durchgekommen. Wir hatten ein Parlament ohne Mehrheit. Die Tories waren gespalten, genauso wie Labour. Ich denke, jetzt haben wir einen Abschluss. Jetzt kann man wieder über andere Sachen sprechen. Einige meiner Freunde fragen jetzt: 'Worüber sollen wir uns denn jetzt streiten?' Aber ich bin mir sicher, wir werden neue Streitthemen finden.

heute.de: Wird man in zehn Jahren immer noch "Großbritannien" sagen oder "Kleinbritannien"?

Balls: Ich denke nicht, dass wir den Namen unseres Landes ändern werden – nur wegen des Brexits. Die interessante Frage ist, was mit der Union passiert. Es gibt da einige Herausforderungen für das Vereinigte Königreich. Ein mögliches Unabhängigkeitsreferedum in Schottland und auch wie der Brexit dann für Nordirland funktioniert. Das ist einer der Knackpunkte: die Reaktion in Nordirland. Ich denke, dass unsere Regierung alles tun wird, um das Vereinigte Königreich zusammenzuhalten.

heute.de: Wo sehen Sie Großbritannien in zehn Jahren?

Balls: Das ist vor allem interessant mit Blick auf die Demographie. Jüngere Wähler waren eher für den Verbleib in der EU – man kann nicht ausschließen, dass es Bemühungen für den Wiedereintritt geben wird. Aber wir müssten dann viele komplizierte Fragen beantworten: zum Beispiel über den Euro. Wenn man wieder rein will. Aber ich denke, wir werden immer noch aus EU raus sein.

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Brexit-Blog zum Nachlesen - Großbritannien hat offiziell die Europäische Union verlassen  

Die britische EU-Mitgliedschaft ist Geschichte. Nach den Feiern beginnen die Gespräche über die künftigen Beziehungen. Alles rund um den historischen Moment zum Nachlesen im Blog.

Das Interview führte Julia Held. Es ist auch auf dem Youtube-Kanal der ZDFheute Nachrichten abrufbar.

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