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Brexit und die Jugend: Wut und Zukunftsängste

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Austritt aus der EU - Brexit und die Jugend: Wut und Zukunftsängste

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Unter jungen Briten sorgt der Brexit für viel Frust. Sie sind enttäuscht und wütend - und machen sich große Sorgen um ihre Zukunftsperspektiven.

Archiv: Junge Briten protestieren am 28.08.2019 in London
Junge Briten protestieren vielerorts gegen den Brexit.
Quelle: Reuters

Monatelang wurde verhandelt, abgestimmt und gewählt. Nun ist es soweit: Großbritannien hat die Europäische Union verlassen. Seit über einem Jahr begleitet heute.de junge Briten aus Liverpool durch den Brexit-Prozess. Ihre Sehnsucht nach einem zweiten Referendum verwandelte sich zunehmend in Enttäuschung und Wut. Für sie ist ganz klar: Der Brexit ist die falsche Entscheidung - und verbaut ihnen die Zukunft.

Der Brexit hat junge Briten erschöpft

"Ich bin erschöpft", sagt die 19-jährige Linguistikstudentin Neve Francis auf die Frage, wie sie sich nun nach dem Brexit fühlt. Hannah Farley (22) und Matt Hargreaves (28) stimmen ihr zu. Der Brexit-Prozess habe so lange angedauert, mit immer neuen Aufschüben und zuletzt einer Neuwahl, in die sie viele Hoffnungen gesteckt hatten, die schließlich enttäuscht wurden.

Das alles habe zu ihrer Erschöpfung beigetragen. Dass der Brexit-Prozess nun beendet ist, bedeutet für die jungen Briten aus Liverpool kein Aufatmen. Ganz im Gegenteil: Zur Erschöpfung kommt nun Wut, Frust und Traurigkeit.

"Es ist bitter", meint Hargreaves. "Aber so funktioniert Demokratie und ich war leider in den letzten Jahren immer auf der Verliererseite." Auch Francis sieht sich auf dieser Verliererseite. Sie hat bei den Wahlen im Dezember die Labour-Partei gewählt, in der Hoffnung, die Partei würde gewinnen und den Brexit stoppen.

Die 19-jährige Neve Francis beschreibt den aktuellen Prozess zur Wahl des Premierministers als "undemokratisch".
Neve Francis ist "traurig und wütend" über den Brexit.
Quelle: privat

Eine große Sorge war damals, dass der Brexit ohne Deal stattfinden könnte. Doch auch nun, mit einem Deal, ist Francis enttäuscht. "Ich bin traurig und wütend", so die Studentin. "Ich wäre mit keinem einzigen Brexit-Deal zufrieden, denn ich bin wie die Mehrheit der jungen Leute in diesem Land für den Verbleib in der EU."

Sorge um Rechte von EU-Bürgern

In den Gesprächen mit heute.de in den letzten Monaten war für Farley stets ein Thema besonders wichtig: Die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und die Rechte von Briten in der EU. Von den Entscheidungen im britischen Unterhaus ist sie deshalb "enttäuscht".

Es müsse die höchste Priorität sein, die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien zu garantieren. Auf der anderen Seite sei es natürlich ebenso wichtig, die Rechte für Briten in EU-Staaten zu schützen.

Matt Hargreaves
Matt Hargreaves ist besorgt um die Zukunft seiner europäischen Freunde.
Quelle: privat

Auch für Hargreaves ist das ein zentrales Thema. "Dass die Rechte für EU-Bürger nur für den Zeitraum der Übergangsphase garantiert wurden ist wie ein Schlag ins Gesicht für die Menschen, die sich hier in Großbritannien ein Leben aufgebaut haben", sagt der 28-Jährige, der im Dezember seinen Master in Archäologie abgeschlossen hat. Auch um die Zukunft seiner europäischen Freunde mache er sich deshalb Gedanken.

Was wird aus dem Erasmus-Programm

Das britische Unterhaus hatte vor wenigen Wochen beschlossen, das Erasmus-Programm für Studierende nach dem Brexit nicht weiterzuführen. Eine Auswirkung des Brexit, die Francis persönlich trifft. Sie studiert Linguistik, Chinesisch und Spanisch. In ihrem Bachelorprogramm ist ein Auslandsaufenthalt in Spanien vorgesehen, der vom Erasmus-Programm gefördert werden sollte.

Diese Förderung fällt nun weg. "Es ist eine Schande", so Francis mit Blick auf die Entscheidung der britischen Regierung. Auch ihre Chancen auf einen Job nach dem Studium, zum Beispiel in Spanien, würden vom Brexit gehindert.

Wie Francis blickt auch Farley mit Sorge auf ihre persönliche Zukunft nach dem Brexit. Sie möchte in der Forschung arbeiten, und sich unter anderem mit Parasitenbefall bei Nutztieren und mit der Nachhaltigkeit von Landwirtschaft beschäftigen.

Hannah Farley
Hannah Farley macht sich Sorgen um ihre Jobchancen und Zukunftsperspektiven.
Quelle: privat

Mit dem Brexit wird es nun auch Änderungen in der Landwirtschaftspolitik geben. Je nachdem wie sich diese Neuerungen und auch die wirtschaftliche Lage nach dem Brexit gestalten, befürchtet Farley, dass Landwirte sich weniger auf Forschungskooperationen einlassen könnten. Das würde auch ihre Jobchancen und Zukunftsperspektiven beeinflussen.

UK bald wieder in der EU?

Jobchancen nach dem Brexit beschäftigen auch Hargreaves, der sich zuvor noch mit Stellen in der EU beschäftigt hatte. Das könnte nun in Zukunft schwieriger werden. Für Hargreaves gibt es daher einen großen Wunsch: Irgendwann wieder der EU beizutreten. Es ist ein Wunsch, den auch Farley und Francis teilen.

"Ich denke nicht, dass wir die gesamten Auswirkungen des Brexit sofort spüren werden", so Farley. "Das wird erst einige Jahre später der Fall sein." Dann könnten sich Meinungen wieder ändern, hoffen die jungen Briten aus Liverpool.

"Ich weiß nicht, wie unser Land in zehn Jahren aussehen wird", so Francis. Ihre Hoffnung ist, dass die Labour-Partei die nächste Wahl gewinnt und "die Schäden wieder in Ordnung bringt". Sie jedenfalls bleibe eine "Remainerin".

Der Autorin auf Twitter folgen: @carolineleicht.

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