ZDFheute

Deutsche Wirtschaft verkraftet No-Deal

Sie sind hier:

Es droht ein harter Brexit - Deutsche Wirtschaft verkraftet No-Deal

Datum:

Es droht ein harter Brexit: Aber größere Verwerfungen erwartet die deutsche Wirtschaft nicht, sollte es dazu bis zum Jahresende kommen. Doch ganz ohne Folgen bliebe er auch nicht.

Zollkontrolle von Lastwagen im Hafen von Dover
Unternehmen befürchten abbrechende Lieferketten und lange Wartezeiten an den Grenzen.
Quelle: epa

Die deutschen Unternehmen hatten lange genug Gelegenheit, sich mit dem Gedanken eines No-Deals vertraut zu machen. Die Hoffnungen auf eine Einigung schwinden, nachdem die britische Regierung das Austrittsabkommen anders interpretiert als die Europäische Union: Nordirland gehöre weiter zum britischen Binnenmarkt, meint die Regierung, obwohl im Brexit-Abkommen nur eine Zollunion vorgesehen ist.

Viel Zeit für eine Klärung bleibt nicht mehr, denn am 31. Dezember läuft die im Austrittsabkommen vereinbarte Übergangsphase aus - und damit die britische Mitgliedschaft im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion.

Ohne Abkommen drohen hohe Zölle

Dass das Land der "Magna Charta", der Grundlage des englischen Verfassungsrechts von 1215, mit einem Vertragsbruch droht, um seine Interessen durchzusetzen, sei erschreckend, meint Jürgen Matthes, Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur am Institut der deutschen Wirtschaft.

Zwar haben sich die meisten Unternehmen auf einen No-Deal-Brexit eingerichtet. Doch kurzfristig dürfte es doch zu Rechtsunsicherheiten kommen, meint Matthes. Zudem müssten sogar Zölle eingeführt werden, solange es kein Freihandelsabkommen gebe. 

Im britischen Unterhaus hat in einer ersten Abstimmung die Mehrheit für das umstrittene Binnenmarktgesetz gestimmt. Johnson will damit Änderungen am gültigen Brexit-Deal vornehmen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Dabei stehe für die Wirtschaft auf beiden Seiten des Kanals viel auf dem Spiel, sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) Martin Wansleben:

Allein für die Automobilbranche, die den größten Anteil am Handelsvolumen zwischen Deutschland und Großbritannien hat, drohen ohne Abkommen in weniger als vier Monaten Zölle in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro.
Martin Wansleben

Harter Brexit verlangt nach pragmatischen Ideen

Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle befürchtet in einem bisher unveröffentlichten Update seiner Brexit-Studie aus dem vergangenen Jahr sogar, knapp 180.000 Jobs könnten in Deutschland insgesamt gefährdet sein, davon 35.600 allein in der Autoindustrie.

Die Unternehmen befürchten zudem abbrechende Lieferketten und lange Wartezeiten an den Grenzen, da es auf britischer Seite noch immer keine funktionierende Infrastruktur für die Zollabwicklung gebe. Pragmatische Ideen, wie man die ersten Schwierigkeiten nach einem harten Brexit lindern könnte, gibt es: So könnte man die Waren zunächst ins Land liefern und dann im Nachhinein verzollen, damit es nicht zu langen Warteschlangen in Dover oder Calais kommt.

Boris Johnson will sich nicht an Brexit-Absprachen halten. Dies sorgt für Proteste – auch im eigenen Lager.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Und man könnte für eine Übergangszeit die technischen Regeln der EU weiter anerkennen und auch die europäischen Arbeitnehmer - Servicepersonal der Firmen etwa - für sechs Monate weiter einreisen lassen, meint Ulrich Ackermann, Außenhandelsexperte des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Er sagt auch:

Wegen der zähen Brexit-Diskussion hat Großbritannien für die deutschen Maschinenbauer schon an Bedeutung verloren.
Ulrich Ackermann

Großbritannien verliert an Export-Bedeutung

Das gilt für die deutsche Wirtschaft insgesamt. Die Brexit-Unsicherheiten hätten schon in der Vergangenheit deutliche Spuren hinterlassen, meint DIHK-Chef Wansleben. Seit dem Referendum im Jahr 2016 seien die deutschen Exporte auf die britische Insel von 89 Milliarden Euro 2015 auf 79 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gesunken, das Vereinigte Königreich von Rang drei auf Rang fünf der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands abgerutscht.

Der Trend setze sich in diesem Jahr fort und werde durch die Corona-Krise noch zusätzlich verschärft. So sind die Ausfuhren auf die britische Insel zwischen Januar und Juli um fast 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Gerade deswegen seien klare Regeln notwendig, betont Wansleben:

Für die Unternehmen ist es umso wichtiger, dass die künftigen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien mit klaren Prioritäten geregelt werden: EU-Binnenmarkt zusammenhalten, Zölle vermeiden, Transportwege aufrechterhalten und die Bürokratie beim Warenaustausch so gering wie möglich halten.
Martin Wansleben
Boris Johnson am 15.09.2020 in London

Brexit -
Boris Johnsons No-Deal-Poker
 

Der No-Deal-Brexit gilt als Schreckgespenst in der EU. Doch der britische Premier scheint gar nicht abgeneigt. Welche Vorteile könnte Boris Johnson darin sehen?

von Caroline Leicht
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.