Sie sind hier:

Tote Zivilisten am Straßenrand : Was zum "Massaker von Butscha" bekannt ist

Datum:

In Butscha nahe Kiew wurden nach dem russischen Abzug Dutzende tote Zivilisten gefunden, teils gefesselt und mit Kopfschüssen. Was über das mögliche Kriegsverbrechen bekannt ist.

Zerstörungen in Butscha am 02.04.2022
Zerstörungen in Butscha nahe Kiew.
Quelle: Reuters

Die Kleinstadt Butscha liegt 25 Kilometer nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Rund einen Monat lang kontrollierten russische Truppen die Stadt mit fast 27.000 Einwohnern. Seit dem Abzug der russischen Truppen von dort gibt es immer mehr Bilder und Berichte von getöteten Zivilisten.

Politiker aus der ganzen Welt verurteilen die mutmaßlich gezielte Tötung von Zivilisten durch russische Truppen als "Gräueltaten" und "Kriegsverbrechen". Was ist über die Ereignisse in Butscha bislang gesichert bekannt?

Wie viele Zivilisten wurden in Butscha getötet?

Nach Angaben ukrainischer Behörden seien in Butscha insgesamt rund 300 Leichen nach dem russischen Abzug gefunden worden. "Alle diese Menschen wurden erschossen", sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk. Es stünden Autos auf den Straßen, in denen "ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer", so Fedoruk. Am Samstag gab er an, 280 Menschen seien in Massengräbern beigesetzt werden.

Sie haben sie mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet.
Anatoly Fedoruk, Bürgermeister von Butscha

Am Sonntag meldeten die Behörden den Fund Dutzender weiterer Leichen in Butscha. Weitere 57 Menschen seien in einem Massengrab verscharrt worden, teilten die Rettungskräfte mit. Insgesamt seien seit dem russischen Abzug in den Städten außerhalb Kiews die Leichen von 410 Zivilisten gefunden worden, teilte die ukrainische Staatsanwaltschaft am Sonntag mit. Es kann sein, dass diese Zahl noch weiter ansteigt.

Die Bilder aus den Vororten von Kiew entsetzen Politiker*innen und Menschenrechtsorganisationen. Es werden immer mehr getötete Zivilisten gefunden.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Nach Zählungen von AFP-Reportern vor Ort hätten allein in der Yablunska Straße in Butscha mehr als 20 Leichen gelegen. Auf Bildern von dort ist zu sehen, dass sie zivile Kleidung tragen, mehrere hatten die Hände hinter den Rücken gefesselt. Teils deuten die Aufnahmen darauf hin, dass Menschen erschossen wurden, als sie gerade mit dem Fahrrad unterwegs waren.

Bei den meisten dieser Toten ist noch nicht abschließend gesichert, wann und unter welchen Umständen sie gestorben sind. Teils wird der Vorwurf geäußert, russische Soldaten hätten gezielt alle Männer im wehrfähigen Alter ermordet - das ist bislang nicht gesichert, auch Frauen sind unter den toten Zivilisten.

Von wem stammen die Aufnahmen der toten Zivilisten?

Die Bilder und Videos getöteter Zivilisten kommen aus verschiedenen Quellen und bestätigen einander. Neben ukrainischen Soldaten und Politikern sind seit Samstag auch Journalisten internationaler Medien vor Ort in Butscha und konnten die Getöteten mit eigenen Augen sehen, darunter die "BBC" und "CNN".

Karte - Ukraine - Butscha - 29.03.2022
Quelle: ZDF

Ein Video des Verteidigungsministeriums der Ukraine zeigt Aufnahmen aus einem Fahrzeug heraus, wobei man am Straßenrand links und rechts zahlreiche Leichen sieht. Der Ort dieser Aufnahmen konnte von ZDFheute anhand von Gebäuden eindeutig in der Yablunska Straße in Butscha identifiziert werden. Mehrere der aktuell kursierenden Fotos wurden ebenfalls in dieser Straße aufgenommen.

Ein Satellitenbild zeigt die Grabstelle mit einem etwa 14 Meter langen Graben vor einer Kirche in Butscha
Satellitenbild der US-Firma Maxar.
Quelle: Reuters

Satellitenbilder der US-Firma Maxar, die am Sonntag veröffentlicht wurden, sollen einen knapp 14 Meter langen Graben auf dem Gelände einer Kirche in der ukrainischen Stadt Butscha zeigen. Nach ukrainischen Angaben sollen dort die Leichen Hunderter von russischen Truppen getöteter Zivilisten begraben sein. Laut Maxar wurden die Bilder am 31. März aufgenommen.

[Am Freitag wurde die Leiche des ukrainischen Fotografen Max Lewin unweit von Butscha gefunden. Eine Auswahl seiner letzten Fotos:]

Warum es bislang keine Hinweise auf eine Manipulation der Bilder gibt

Die russische Regierung behauptet indes, die Bilder aus Butscha seien inszeniert. Über seinen Telegram-Account verbreitete das russische Verteidigungsministerium am Sonntag etwa die Ansicht, dass sich Leichen in den Videoaufnahmen des ukrainischen Verteidigungsministeriums bewegt hätten. ZDFheute konnte dafür keine Belege finden, eine vermeintliche Bewegung stellte sich bei näherer Betrachtung des Videomaterials als Regentropfen an der Frontscheibe heraus.

In der Zeit, in der die Siedlung unter der Kontrolle der russischen Streitkräfte stand, hat kein einziger Einwohner unter irgendwelchen Gewalttaten gelitten.
Russisches Verteidigungsministerium am Sonntag

Laut russischer Regierung hätten sich alle ihre Truppen bereits am 30. März aus Butscha zurückgezogen, zur gleichen Zeit berichteten ukrainische Medien und internationale Beobachter aber noch von Kämpfen. "In den vergangenen 24 Stunden gingen die Kämpfe in ganz Butscha, Makariw und Hostomel weiter", schreibt etwa das Institute for the Study of War in seiner Tageszusammenfassung für den 31. März.

Erst am Nachmittag des 1. April bestätigte der Bürgermeister von Butscha offiziell, dass die Stadt wieder in ukrainischer Hand sei. Am Samstag gab das ukrainische Verteidigungsministerium bekannt, dass die gesamte Region Kiew wieder unter Kontrolle sei. Dass eine große Zahl an Bildern getöteter Zivilisten seit Samstag zirkuliert, passt zu diesem zeitlichen Ablauf und ist zunächst nicht verdächtig.

[Auch im Ort Trostjanez im Osten der Ukraine sollen russische Soldaten Zivilisten gefoltert und ermordet haben. Der "Spiegel"-Reporter Christoph Reuter berichtet im heute journal von seinen Eindrücken:]

Als die russische Armee in dem kleinen Ort Trostjanez unter Druck geriet, hätten die Soldaten geplündert, gefoltert und Menschen erschossen, sagt Spiegel-Reporter Christoph Reuter. Es gäbe keine Befehle, die sie davon abhalten würden.

Beitragslänge:
5 min
Datum:

Wie sicher ist es, dass russische Soldaten die Täter sind?

Korrespondenten von Nachrichtenagenturen und anderen Medien konnten mit Anwohnern sprechen, die weitere Angaben zu den Geschehnissen machten. Die Zivilisten seien von russischen Soldaten ohne erkennbare Provokation getötet worden, berichtet die Agentur AP:

Diese Leute sind einfach gelaufen und sie haben sie ohne jeden Grund erschossen. (...) Im Nachbarviertel Stekolka war es noch schlimmer. Sie schossen, ohne eine Frage zu stellen.
Anwohner in Butscha gegenüber der Nachrichtenagentur AP

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft der russischen Armee Kriegsverbrechen wie Hinrichtungen und Plünderungen vor. Sie veröffentlichte am Sonntag einen Bericht basierend auf den Schilderungen von Augenzeugen.

Darunter ist die Erschießung eines Mannes am 4. März in Butscha. Ein Zeuge berichtete, dass fünf Männer von Soldaten gezwungen worden seien, am Straßenrand niederzuknien. Dann hätten die Russen ihnen die T-Shirts über den Kopf gezogen und einem von ihnen von hinten in den Kopf geschossen. Eine formelle Untersuchung der Ereignisse in Butscha steht noch aus.

Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

Dieses Satellitenbild zeigt den Luftwaffenstützpunkt Saki nach einer Explosion.
Liveblog

Russland greift die Ukraine an - Aktuelles zum Krieg in der Ukraine 

Russlands Angriff auf die Ukraine dauert an. Es gibt Sanktionen gegen Moskau, Waffen für Kiew. Aktuelle News und Hintergründe zum Krieg im Blog.

Aktuelle Nachrichten zur Ukraine

Putin auf Landkarte mit Russland, Ukraine, Georgien und Syrien
Story

Nachrichten | Politik - Putins Kriege, Putins Ziele 

Tschetschenien, Georgien, Syrien, Ukraine: Russland hat unter Putin schon in mehreren Ländern gekämpft. Zwischen den Kriegen gibt es Parallelen – hier die Hintergründe verstehen.

Ukraine, Donezk: Ein ukrainischer Soldat steht an der Trennlinie zu pro-russischen Rebellen in der Region Donezk. In der Ukraine-Krise haben die USA und Russland bei Gesprächen in Genf zunächst auf ihren bekannten Standpunkten beharrt.
Thema

Nachrichten | Thema - Alles zum Russland-Ukraine-Konflikt 

Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Es gibt zahlreiche Sanktionen des Westens gegen Russland und in der Nato abgestimmte Waffenlieferungen an die Ukraine. Alle Nachrichten und Hintergründe.

Sachsen-Anhalt, Bad Lauchstädt: Ein Manometer zeigt den Druck im Erdgasnetz auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers der VNG AG an.
Grafiken

Gasspeicher und Pipelines - Wie es um unsere Gasversorgung steht 

Geht Deutschland im kommenden Winter das Gas aus? Wie voll sind die Gasspeicher? Kommt noch Gas aus Russland? Zahlen zur Gasversorgung in Deutschland in interaktiven Grafiken.

von H. Koberstein, N. Niedermeier, M. Zajonz
Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Zur Altersprüfung

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Möglicherweise hast du einen Ad/Script/CSS/Cookiebanner-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert. Falls du die Webseite ohne Einschränkungen nutzen möchtest, prüfe, ob ein Plugin oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus.