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Rennen um den Parteivorsitz - Elf Monate Wahlkampf: Und nun, CDU?

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Am Samstag wählt die CDU ihren nächsten Parteivorsitzenden: fünf Erkenntnisse aus dem vielleicht längsten innerparteilichen Wahlkampf der bundesrepublikanischen Geschichte.

Armin Laschet, Friedrich Merz, Norbert Röttgen in einer Diskussionsrunde im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, 08.01.2021.
Norbert Röttgen, Armin Laschet, Friedrich Merz (v.l.n.r.) stellten sich den Fragen ihrer Parteimitglieder, um Stimmen für die Parteichef-Wahl zu gewinnen.
Quelle: dpa

Als Annegret Kramp-Karrenbauer am 10. Februar 2020 ihren Rückzug vom Amt der CDU-Vorsitzenden ankündigt, ist das Corona-Virus schon seit einigen Tagen in Deutschland. Dass die Pandemie die Wahl ihres Nachfolgers aber auf fast ein Jahr später verschieben würde, ahnt damals wohl niemand. 

Zweimal wird ein angesetzter Parteitag deshalb verschoben. Ungeplant wird so aus der Nachfolgefrage der vielleicht längste innerparteiliche Wahlkampf der bundesrepublikanischen Geschichte. Nur: An dessen Ende sind viele der Delegierten (auf deren Urteil es allein ankommt) auch nicht klüger - und selbst die größten Fans der einzelnen Kandidaten trauen sich keine sichere Prognose zu. 

Fünf Erkenntnisse vor dem Showdown am Samstag:

 1. Die Inhalte zählen! Welche Inhalte? 

Was von mindestens einem der Kandidaten zu Beginn als Kampf um die inhaltliche Ausrichtung der CDU in der Nach-Merkel-Ära gelabelt wird, entpuppt sich als ein Ringen, in dem inhaltliche Unterschiede mit der Lupe gesucht werden mussten.

Hier mal ein Dissens über den Abschiebestopp nach Syrien, dort mal eine andere Meinung zum Datenschutz in der Corona-App. Ansonsten: große inhaltliche Einigkeit. Weniger Bürokratie, etwas mehr Klimaschutz, und die Partei modernisieren (wenn auch oft unklar bleibt, wie): Das wollen sie alle.

Worin sich die Kandidaten ernsthaft unterscheiden, das sind maximal zwei Dinge. Zum einen: der Blick zurück - auf die Ära Merkel. Zwischen "Bruch" (Merz) , "etwas anders" (Röttgen) und "Weiter so" (Laschet) ist alles dabei. Wobei auch unklar bleibt, was genau anders werden soll - und es sich also eher um eine Stilfrage handelt, denn um einen großen inhaltlichen Dissens.

Und auch der zweite Unterschied ist eher ein taktischer: der Blick auf mögliche Koalitionen nach der Wahl. Während Merz so ostentativ wie selten schon im Sommer von Schwarz-Grün spricht, lässt Laschet vor allem zuletzt keine Möglichkeit aus, für eine Koalition mit der FDP zu werben. Was ihm zum Dank eine Wahlempfehlung des FDP-Vorsitzenden einbringt.

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2. Die Scheu vor der Polarisierung

Die Zurückhaltung hat einen zunächst nachvollziehbaren Grund: Keiner der Kandidaten will gern polarisieren - selbst wenn das bei Friedrich Merz eigentlich als Charakterzug gilt. In konfliktträchtigen Themen klare Kante zu zeigen, das könnte innerparteilich einen der wichtigen Flügel verschrecken.

Also schreiben die Kandidaten lieber Debattenbeiträge, in denen sie mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern. Oder legen sich fest in Punkten, die kaum zur großen Debatte taugen. Zum Beispiel, wie das Tandem Laschet/Spahn, für ein Digitalministerium. Doch diese Zurückhaltung hat einen Preis: Klare Konturen bleiben auf der Strecke. Und so gilt Erkenntnis drei: 

3. Das persönliche Profil entscheidet

Ohne große Konflikte bleibt Beobachtern, CDU-Mitgliedern und den Kandidaten kaum etwas übrig - als über die persönlichen Eigenschaften zu sprechen. Von Beginn an rücken die Lebensläufe so sehr in den Vordergrund, dass die Kurz-Beschreibungen beinahe zum Klischee ihrer selbst werden.

Hier der Ministerpräsident, der auf seine Regierungserfahrung und die gewonnene Wahl verweist. Dort der Mann aus der Wirtschaft, der den Blick von außen als Vorteil verkauft. Schließlich der Außenseiter, der sich als Mann der Mitte jenseits aller Lager präsentiert. Wetten, dass alle drei genau dies in ihren Reden auf dem digitalen Parteitag betonen werden? Um mehr geht es letztlich nicht. 

4. Fehler prägen den Wahlkampf

Doch ein strahlender Favorit kristallisiert sich in den Monaten des innerparteilichen Rennens nicht heraus. Im Gegenteil: Es sind Fehler, die diesen Wahlkampf prägen. Interviewäußerungen von Friedrich Merz, die so unglücklich sind, dass er sie mehrfach richtigstellen muss (die Sache mit dem schwulen Kanzler, der Angriff auf das Partei-Establishment im Dezember).

Oder: Der besonders in der ersten Jahreshälfte etwas schlingernde Kurs Armin Laschets in der Corona-Krise - und sein Kompagnon Jens Spahn, der zuletzt seinen Drang ganz nach vorn nicht verbergen konnte oder wollte. 

Lediglich Norbert Röttgen nutzt die Gunst der (außenpolitischen) Stunde für einen Wahlkampf, der ihn plötzlich als mehr als nur den chancenlosen Außenseiter erscheinen lässt. Doch sein Höhenflug ist, soweit sich das beurteilen lässt, wohl eher ein mediales Phänomen, als dass er tatsächlich auf Delegiertenstimmen beruht. Zumindest hat sich bisher kein großer Landesverband, keine Vereinigung explizit für ihn ausgesprochen, anders als für die anderen beiden Kandidaten.

Laschet, Merz und Röttgen – die drei Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz stellen sich zur Stunde den Fragen der Mitglieder. ZDF-Korrespondentin Shakuntala Banerjee hat Details.

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5. CDU - Wie weiter? 

Die Folge: Wer am Samstag die digitale Vorauswahl gewinnt, wird dies nicht als strahlender Sieger mit überwältigender Mehrheit erreichen. Alles spricht für ein knappes Rennen; und selbst die größten Fans sprechen in Hintergrundrunden offen über die Schwächen ihres jeweiligen Kandidaten. 

Und so könnte sich CDU-Geschichte wiederholen: Wie schon 2018 wird die Partei gespalten erscheinen. Und der Sieger vor allem eine Aufgabe haben: den unterlegenen Flügel für sich zu gewinnen. Zugleich wird der neue CDU-Vorsitzende von Beginn an ganz anders im Gegenwind stehen als noch vor der Wahl. Und die für die Bundestagswahl entscheidende Frage ist auch nach Samstag noch offen: Wer wird Kanzlerkandidat der Union?

Von Weitem sieht die CDU derzeit aus wie ein Riese. Seit über einem Jahr führt sie in den Umfragen mit großem Vorsprung. Einen Teil des Umfrageerfolgs aber dürfte die Partei der Beliebtheit Angela Merkels verdanken. Wenn sich die Union in diesem Frühjahr neu sortiert hat, könnte sie sich - je nach Ausgang der Personalfragen - auch als Scheinriese entpuppen. Der bei näherem Hinsehen wieder auf das Maß vor der Corona-Krise schrumpft.

Florian Neuhann ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio. Dem Autor auf Twitter folgen: @fneuhann

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