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Wahlerfolg im Verfassungskonvent - Diese Frau wird nicht nur Chile verändern

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Elisa Loncón ist in Chile zur Präsidentin des Verfassungskonvents gewählt worden. Damit schreibt sie ein Stück politische Geschichte in dem südamerikanischen Land.

Chiles Verfassungskonvent nimmt Arbeit auf: Elisa Loncón (m.)
Chiles Verfassungskonvent nimmt Arbeit auf. An ihrer Spitze: Elisa Loncón.
Quelle: EPA

Das Ergebnis ist ein Vertrauensbeweis: Fast zwei Drittel der gewählten  verfassungsgebenden Versammlung in Chile haben für Elisa Loncón gestimmt und sie damit zur Präsidentin der richtungsweisenden Institution gemacht. Die indigene Frau ist von 96 der 155 Volksvertreter und Volksvertreterinnen beauftragt jenen Prozess an entscheidender Stelle zu überwachen und zu steuern, der dem südamerikanischen Land eine neue Verfassung geben soll.

Die alte in der Vergangenheit zwar mehrfach veränderte Verfassung stammt in Teilen noch aus der brutalen rechten Militärdiktatur von General Augusto Pinochet (1973 - 1990).

Hohe Erwartungen bei den Ureinwohnern

Sie ist deshalb so umstritten, weil die bisherige Verfassung auch dafür verwendet wurde, regierungskritische Angehörige der indigenen Bevölkerung, insbesondere die Mapuche, zu dem Vorwurf des Terrorismus zu verhaften und zu verurteilen. Loncón ist selber eine Mapuche-Frau, weshalb die Erwartungen und Hoffnungen in ihre Amtszeit unter den chilenischen Ureinwohnern besonders hoch sind.

Die chilenische Regionalpolitikerin Flavia Torrealba im Gespräch mit ZDFheute:

Die Bedeutung, dass Elisa Loncón in dieses Amt gewählt geworden ist, ist nicht nur für Frauen auf symbolischer Ebene wichtig, sondern auch für alle Unterdrückten und für das ganze Land. Dass sie zudem eine Mapuche-Frau ist, ist nicht weniger wichtig.
Flavia Torrealba

Loncóns Wahlerfolg im Verfassungskonvent hat auch in anderen lateinamerikanischen Ländern Interesse ausgelöst. "Loncon hat die Führung dieser Institution in Repräsentation der indigenen Völker übernommen, mit dem Ziel dem Traum einer pluri-nationalen Gesellschaft in unserem Brudervolk umzusetzen", kommentierte Nationale Indigenen-Organisation Coanie aus Ecuador.

Vorbildcharakter für andere Länder

"Die Herausforderungen sind außergewöhnlich", sagt der linksgerichtete Ex-Kandidat für den Gouverneursposten in der Region "Araucania" gegenüber ZDFheute. Die chilenische Gesellschaft habe außergewöhnliche Erwartungen an den nun beginnenden Prozess, der allerdings reglementiert sei. "Elisa Loncón ist durch ein Verfassungskonvent, der keine verfassungsgebende Versammlung ist, stark eingeschränkt."

Ihre Befugnisse seien nicht streng souverän, sie habe ein spezifisches Mandat, das sich auf die Ausarbeitung der Verfassung bezieht.

Chilenen, die sich freuen, nachdem verkündet wurde, dass die Mehrheit der Chilenen für eine neue Verfassung gestimmt haben

Verfassungsgebende Versammlung - Ein neues Betriebssystem für Chile 

Mehrere Monate lang hatten die Menschen in Chile für eine neue Verfassung demonstriert. Am Wochenende werden 155 Bewerber gewählt, die diese ausarbeiten.

von Tobias Käufer

Konvent soll neue Verfassung erarbeiten

Gleich nach ihrer Wahl versprach Loncón sich für ein diverses, multikulturelles und multiethnisches Chile einzusetzen. Indirekt forderte sie eine Amnestie für die während der Proteste verhafteten Demonstranten. Mit einer "inhaftierten Jugend und inhaftierten Mapuche lebt die Demokratie nicht", sagte Loncón. "Ich möchte allen dafür danken, dass sie eine Mapuche und eine Frau gewählt haben, um die Geschichte dieses Landes zu verändern", sagte Loncón.

Das verfassungsgebende Konvent besteht aus 155 gewählten Vertreterinnen und Vertretern, die nun in den nächsten Monaten eine neue Verfassung für Chile erarbeiten soll. Sie ist Ergebnis einer anhaltenden Protestbewegung in dem südamerikanischen Land, die 2019 begann. Dabei kam es zu gewalttätigen Übergriffen der Polizei gegenüber den überwiegend friedlichen Demonstranten.

Protest gegen "neoliberales Wirtschaftssystem"

Aus einem Teil der Protestbewegung gab es gewalttätige Angriffe gegen die Sicherheitskräfte und öffentliche Einrichtungen. Forderungen der Protestbewegung waren damals für alle Bevölkerungsschichten einen besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung zu schaffen. Zudem forderten sie eine Abschaffung des ihrer Einschätzung nach neoliberalen Wirtschaftssystems Chiles. 

Die Mehrheit des Verfassungskonvents stellen linksgerichtete Parteien und Bewegungen und versuchen nun, diese Forderungen in eine neue Verfassung einfließen zu lassen.

Hochrechnung nach Referendum - Chilenen stimmen für Verfassungsänderung 

Die Mehrheit der Chilenen stimmt in einem Referendum offenbar für eine Änderung der Verfassung. Wegen des Werks aus der Zeit von Pinochet gab es immer wieder heftige Proteste.

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