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Interview

Brasilien und Corona - "Werden eine enorme Zahl an Mutationen haben"

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Professor Miguel Nicolelis gilt als einer der einflussreichsten Mediziner Lateinamerikas. Er warnt vor neuen, gefährlicheren Virusvarianten. Die könnten in Brasilien entstehen.

In Brasilien sterben inzwischen fast 2.000 Menschen täglich in Verbindung mit dem Coronavirus. Trotzdem lehnt Präsident Bolsonaro weiter Ausgangsbeschränkungen und Impfungen ab.

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ZDFheute: Wie erleben Sie die aktuelle Corona-Lage in Brasilien?

Miguel Nicolelis: Die Situation ist zum Verzweifeln. Wir erleben ein exponentielles Wachstum der Infektionszahlen - gleichzeitig in allen Regionen Brasiliens - und ein Szenario des bevorstehenden Zusammenbruchs des Gesundheitssystems.

Die Zahl der Patienten hat für einen Tsunami schwerer Fälle gesorgt, der jetzt die brasilianischen Krankenhäuser überschwemmt und mehr als 19 von 27 Hauptstädte in einen kritischen Zustand befördert hat. Kritisch heißt: eine Belegungsrate der Krankenhäuser von über 90 Prozent. Das ist in Brasilien noch nie passiert.

ZDFheute: In einigen brasilianischen Städten gibt es Wartelisten für Krankenhausbetten. Warum?

Nicolelis: Es ist nicht möglich, schnell genug zusätzliche Betten bereitzustellen, um eine Pandemie in den Griff zu bekommen, die außer Kontrolle geraten ist. Man muss tun, was Deutschland getan hat: nämlich das Land herunterfahren.

Die Inzidenzen, die in Deutschland zum Lockdown geführt haben, sind nicht vergleichbar mit den Inzidenzen in Brasilien. Wir haben Regionen mit 6.000 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Es gibt Bundesstaaten, in denen die Schulen und Bars trotzdem geöffnet sind.

Kollegen aus São Paulo, die in der Intensivmedizin arbeiten, berichten, dass die Belegung der Kinderintensivstationen dramatisch zunimmt und der Altersdurchschnitt der Menschen auf Intensivstationen von über 60 Jahren auf 30 bis 45 Jahren sinkt.

Das ist die Gruppe der Bevölkerung, die auf den Straßen unterwegs war, beim Arbeiten, bei Partys.

ZDFheute: Welchen Einfluss hat die brasilianische Covid-Variante P.1?

Nicolelis: Die brasilianische Mutation ist im Umlauf, doch mit einer Pandemie außer Kontrolle werden wir eine enorme Zahl an Mutationen haben. Deshalb habe ich Brasilien das 'größte Freiluftlabor der Welt zur Verbreitung von Covid-19' genannt. Die ganze Welt kann gegen existierende Stämme des Virus geimpft sein, doch sollten die neuen Varianten dagegen resistent sein, werden sie sich verbreiten.

Das ist vergleichbar mit dem Missbrauch von Antibiotika. Wenn man alle Bakterien tötet, die auf das Antibiotikum reagieren, verbreiten sich diejenigen, die resistent sind, weiter. Sie dominieren dann in der Bevölkerung - und das kann schnell passieren, innerhalb von Wochen oder Tagen.

Brasilien wird von einer neuen, heftigen Corona-Welle überrollt. Täglich sterben inzwischen im Mittelwert 1.497 Menschen. Präsident Bolsonaro tut nichts.

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ZDFheute: In einigen brasilianischen Bundesstaaten wurden neue Lockdown-Maßnahmen umgesetzt. Kann das die Verbreitung aufhalten?

Nicolelis: Es bringt nichts, in einem Land wie Brasilien, das stark vernetzt ist, lokal begrenzte Maßnahmen durchzusetzen. Ich fordere einen nationalen Lockdown von 21 Tagen mit Schließung des internationalen und des nationalen Luftverkehrs.

Wenn Brasilien in den nächsten Wochen nicht komplett heruntergefahren wird, werden wir Ende März mindestens 3.000 Tote pro Tag haben.

Brasilien riskiert bis Ende des Jahres oder vielleicht sogar schneller, 500.000 Todesfälle zu erreichen. Für Brasilien wäre das eine beispiellose Tragödie. 

Mehr als 250.000 Menschen in Brasilien sind im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben. Damit verzeichnet das Land die zweithöchste Todeszahl nach den USA.

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ZDFheute: Kann die brasilianische Wirtschaft einen weiteren Lockdown verkraften?

Nicolelis: Wenn man die Wirtschaft weiterlaufen lässt, ist der Schaden im Nachhinein viel größer. Wenn brasilianische Produkte weltweit verschmäht werden, weil sie aus einer unkontrollierten Infektionszone kommen, dann geht das Land wirtschaftlich kaputt.

Was Brasilien im Moment sichert, sind seine internationalen Reserven, mehr als 300 Milliarden Dollar, die eingesetzt werden müssten, um den Brasilianern zu helfen, zu Hause bleiben zu können und Impfstoff zu besorgen. Wenn Brasilien einen Lockdown von 21 Tagen macht, mit finanziellen Hilfen für die Bevölkerung und die Wirtschaft, dann geht Brasilien nicht bankrott.

eine undatierte elektronenmikroskopische aufnahme des «u.s. national institute of health» zeigt das neuartige coronavirus

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ZDFheute: Präsident Jair Bolsonaro hat sich wiederholt gegen einen nationalen Lockdown ausgesprochen. Wie bewerten Sie das?

Nicolelis: Es zeigt eindeutig, dass diese Person nicht geeignet ist, diesen Posten zu besetzen. Er hat sich für die Nutzung von Medikamenten eingesetzt, die keine Wirkung haben. Das ist Scharlatanismus. Er missachtet nicht nur die Wissenschaft, er missachtet sein eigenes Volk und die Angehörigen von mehr als 260.000 Opfern.

Die Internationale Gemeinschaft sollte klar Position beziehen.

Denn die brasilianische Regierung ist zu einer der größten Bedrohungen der Welt geworden, wenn es darum geht, die Pandemie zu beenden.

Das Interview führte Eva Riedmann.

Anmerkung der Redaktion: Im ursprünglichen Text ist uns ein Übersetzungsfehler unterlaufen. Dort hieß es, Brasilien verfüge über internationale Reserve von mehr als 300 Billionen Dollar - richtig sind 300 Milliarden.

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