Neue Corona-Regeln: Warum lockert China gerade jetzt?

    Neue Corona-Regeln:Warum lockert China gerade jetzt?

    Miriam Steimer - Leiterin ZDF-Studio Peking
    von Miriam Steimer
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    Es ist eine 180-Grad-Wende des chinesischen Regimes: Nach drei Jahren Pandemie ein plötzlicher Abschied von der strikten Null-Covid-Strategie. Drei Gründe für den Zeitpunkt.

    1. Rekordzahlen an Corona-Fällen

    "Kommt alle in die warme Stadt Dazhou: Die Durchschnittstemperatur im Winter beträgt 38,5 Grad!" Mit diesem Witz spielt ein Nutzer in Chinas Kurznachrichtendienst Weibo auf die Fieber-Temperatur an. Um ihn herum haben fast alle Corona. In Peking und vielen anderen Städten fühlt es sich genauso an.
    Vor Apotheken und den Fieber-Abteilungen der Krankenhäuser stehen Leute Schlange. Die offiziellen Zahlen spiegeln die Realität nicht wider: Weil viele sich nicht mehr testen lassen und Test-Ergebnisse oft gar nicht oder nur verzögert in der Gesundheitsapp auftauchen.
    Nachdem die chinesische Führung die Corona-Regeln überraschend gelockert hat wälzt eine Omikron-Welle durch China. Das Land hat so viele Corona-Fälle wie nie. Staatschef Xi Jinping hat wohl die Reißleine gezogen, zu einem Zeitpunkt, an dem es nicht mehr möglich war, jeden einzelnen Fall und alle seine Kontakte zu verfolgen und einzusperren.

    Zu Beginn der Pandemie war China mit seiner Null-Covid-Strategie erfolgreich. Nach dem Ausbruch im zentralchinesischen Wuhan, wo Ende 2019 weltweit die ersten Infektionen entdeckt worden waren, brachten die Behörden die Infektionen im Frühjahr 2020 mit radikalen Maßnahmen unter Kontrolle. Die sich schnell verbreitende Omikron-Variante veränderte die Lage, doch China blieb bei seiner Strategie. Während der Rest der Welt inzwischen nach Wegen sucht, um mit dem Corona-Virus zu leben, will China jeden einzelnen Fall, jeden Ausbruch mit strengen Maßnahmen im Keim ersticken. Das bedeutet Ausgangssperren, Massentests und Lockdowns. Die Maßnahmen schränken nicht nur die Freiheitsrechte der Chinesinnen und Chinesen weiter ein, sondern sind auch eine Belastung für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

    2. Massive Folgen für die Wirtschaft

    Hauptgrund für die 180-Grad-Wende sind wohl die massiven Folgen der Null-Covid-Maßnahmen für die Wirtschaft. Die Unsicherheit, wann der nächste Lockdown kommt, drückt auf die Konsumlust, der Tourismus liegt am Boden, die Restaurants und Bars, die noch übrig sind, kämpfen zwischen den Corona-bedingten Schließungen ums Überleben.
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    Chinas Außenhandelszahlen für November waren sogar noch schlechter als erwartet: Die Ausfuhren gingen in US-Dollar berechnet im November überraschend um 8,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zurück - so stark wie seit Februar 2020 zu Beginn der Pandemie nicht mehr.
    Für Alleinherrscher Xi ist das nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern sogar noch mehr: Hat er es sich doch zum Ziel gesetzt, mit seinen wirtschaftlichen Abhängigkeiten auch seinen Einfluss in der Welt auszuweiten.

    Wenn das Vertrauen der internationalen Wirtschaft in China als Drehscheibe für Lieferungen zusammenbricht, weil wir Jahr für Jahr diese hochgradig politisierten Entscheidungen und ständigen Unterbrechungen der Lieferketten erleben, dann ist das wirklich gefährlich.

    Andrew Small, China-Forscher des German Marshall Fund

    3. Proteste gegen die strengen Corona-Regeln

    Beschleunigt wurde der Öffnungs-Plan durch die Proteste gegen die strikten Corona-Regeln. Obwohl viele im Land durch die staatliche Zensur davon nichts mitbekamen, zeigten sie das Ausmaß des Unmutes der Bevölkerung. Es waren die größten Proteste in China seit Jahrzehnten. Wohl um den Druck zu verringern, wurden die Lockerungen überstürzt vorgezogen – ohne Vorbereitung.

    Das geschieht im Moment in einer Art Panik und birgt das Risiko einer großen Infektions-Welle und einer signifikanten Welle von Todesfällen, insbesondere unter der älteren Bevölkerung.

    Andrew Small, China-Forscher des German Marshall Fund

    Denn gerade von den besonders Gefährdeten sind zu wenige geimpft. Die abrupte Umstellung von Lockdown auf Durchseuchung könnte Hunderttausenden das Leben kosten. Drei Jahre lang flossen Staatsgelder in Quarantänelager und Massentests statt in Intensivbetten und das Gesundheitssystem. So unvorbereitet ist das ein gefährlicher Kurswechsel.

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