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Interview

Virologe Christian Drosten - "Der Sommer kann ganz gut werden"

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Gute Aussichten für den Sommer prognostiziert Virologe Christian Drosten im ZDF-Interview. Wie es dann weitergehe, gerade auch mit den kleinen Kindern, müsse man im Blick behalten.

"Der Sommer kann ganz gut werden", so Virologe Christian Drosten im Gespräch mit Marietta Slomka. "Aber wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir nicht zu früh in totale Euphorie verfallen."

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ZDF: Die Frage, die allen unter den Nägeln brennt, ist: Wie wird der Sommer? Was sagt der Virologe?  

Christian Drosten: Ja, der Sommer kann ganz gut werden in Deutschland. Ich denke, dass wir zum Juni hin erstmalig wirklich Effekte sehen, die der Impfung zuzuschreiben sind.

Wir wissen nicht ganz genau, ob das, was wir jetzt sehen - in dieser Entspannung - auch schon ein bisschen von der Impfung mitbestimmt wird. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich ist das einfach Verhaltens-Bewusstsein der Bevölkerung. Die Leute machen eben schon gut mit, weil sie schon viel verstanden haben.

Und wir müssen jetzt natürlich ein bisschen aufpassen, dass wir nicht zu früh in totale Euphorie verfallen.

Wir sind einfach noch nicht so weit wie andere Länder, beispielsweise in England, ...

... wo man sehr datenbasiert, wissenschaftsbasiert, entscheidet, und wo man durchaus jetzt schon über 50 Prozent bei der Gesamtbevölkerung ist mit der Impfung. Wenn man das auf die Erwachsenen rechnet - denn die Kinder werden ja auch dort nicht geimpft - liegt das über 60 Prozent. Und da kann man tatsächlich schon solche Schutzeffekte durch die Impfung erwarten.  

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ZDF: Also, Sie meinen, 60 Prozent zumindest bei der Erstimpfung bräuchte man schon. Also ein paar Wochen sollte man jetzt noch vorsichtig sein - oder was wäre jetzt Ihr Ratschlag? 

Drosten: Ja, wir sind da in Deutschland einfach noch nicht. Wir haben ja in Deutschland so um die 32 Prozent Erstimpfungen. Bei den Zweitimpfungen hängen wir noch viel weiter hinterher.

Wir sind noch nicht bei zehn Prozent vollständig Geimpften. Und man braucht einfach ein gewisses Niveau und keiner weiß ganz genau, wie hoch dieses Niveau liegt.

Also diese einfach gerechnete Zahl von 70 Prozent, die dann auf 80 Prozent erhöht wird, das ist unter perfekten Laborbedingungen zu sehen. Wir wissen nicht in einer natürlichen Bevölkerung, wo das Virus ja in Haufen Auftritt, die wieder miteinander verbunden sein müssen, diese Netzwerke, die werden auch schon durchbrochen, wenn Überträger geimpft sind in kleinerer Zahl.  

ZDF: Dann hatten Sie im Januar noch gewarnt, wenn man jetzt aufmacht, sobald die Risikogruppen und vor allen Dingen die alten Menschen durchgeimpft sind, dann werden die Zahlen furchtbar hochschießen. Das waren monströse Aussichten, die es da gab. Haben Sie da zu sehr schwarzgesehen? Oder hatten Sie nicht damit gerechnet, dass es dann doch noch mal ein Lockdown geben würde?  

Drosten: Das war eine Zusammensetzung aus dem, was Modellierer mir sagen - ich bin ja selber kein Modellierer - und dem, was ich eigentlich erwartet hatte, so in Anbetracht des im Januar erwarteten Impffortschritts. Damals sollte bis Ostern im Prinzip die Kohorte ab 80 aufwärts vollkommen geimpft sein und die Siebziger aufwärts. Und dann kommt Ostern dazu.

Und dann hatte ich gedacht, zu der Zeit wird dann wahrscheinlich auch in der Politik und in der Rechtsprechung der Reflex kommen, dass jetzt die Begründung für die Beschränkungen weniger durchgreifend ist, und dass man jetzt einfach lockern muss. Und dass wir aber bis zu dieser Zeit noch nicht in den dann ungeschützten jüngeren Bevölkerungsteilen überhaupt einen Schutz haben. Jetzt hat sich natürlich durch die Änderungen bei Astra und so weiter die Impfverteilung stark geändert. Und wir kommen da, glaube ich, jetzt in weichere Effekte rein. Das ist nicht mehr so eine steil abfallende Flanke in den Altersgruppen.  

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ZDF: Das heißt, Sie wären jetzt mal, um es ganz pragmatisch zu sagen, optimistisch, dass Urlaubsreisen, Biergärten und vielleicht auch mal Grillen mit mehr als einer externen Person im Sommer - im Juli, August - möglich sein werden?  

Drosten: Ja, davon gehe ich aus. Also, dass man gerade im Außenbereich natürlich wieder vieles zulassen kann. Wir werden dann da sein, wo eben die Engländer jetzt sind. Wir haben in England doch eine beträchtliche Impfquote inzwischen. Dort ist es so: Draußen kann man sich mit zwei Haushalten treffen. Das führt aber auch dazu, dass Außengastronomie wieder möglich ist. Und das hat man in England richtig gemacht. Und es hat ja dort auch geheißen, das ist irreversibel, das geht nur noch in eine Richtung. Wir werden uns da nicht wieder täuschen lassen und müssen wieder zurück in den Lockdown. Und darum sind wir ein bisschen vorsichtiger. Und wir müssen eben länger warten, weil wir noch nicht so weit sind mit unserem Impffortschritt.  

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ZDF: Aber auch wir fragen uns natürlich: Kommt noch mal eine vierte Welle? Also, wo werden wir im Herbst stehen? 

Drosten: Ja, der Herbst ist eine andere Überlegung. Im Herbst sind wir dann in Deutschland soweit, dass große Teile der erwachsenen Bevölkerung geimpft sind. Dann kommt ja zunächst mal diese Idee mit der Herdenimmunität. Ich glaube, man muss dazu mal sagen: Eine Herdenimmunität heißt ja nur, dass dieses unkontrollierte Verbreiten nicht mehr zustande kommt. Also, wenn man nichts tut, dann explodiert es. Das wird dann nicht mehr passieren.

Aber das heißt nicht, dass die Krankheit sich gar nicht mehr überträgt oder ganz verschwunden ist. Das heißt, es wird immer noch Leute geben in der Bevölkerung, die sind nicht geimpft. Und die haben volles Risiko, sich zu infizieren. Und die werden sich zum Herbst hin natürlich auch noch ein zweites und drittes Mal Gedanken darüber machen und sich dann hoffentlich nachimpfen lassen.

Denn wir brauchen bei den Erwachsenen eine sehr hohe Impfquote gegen dieses Virus.

Wir werden ja hoffentlich dann die Kinder von zwölf aufwärts auch impfen. Aber die jüngeren Kinder werden wir dann nicht impfen.  

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ZDF: Was bedeutet das für die Kinder unter zwölf Jahren?  

Drosten: Das wissen wir im Moment nicht ganz genau. Also erst einmal finde ich es sehr gut, dass es so kommt, dass wir also jetzt die über zwölfjährigen Kinder tatsächlich impfen können, dass es so gut läuft mit den Impfstoffen.

Bei den jüngeren Kindern müssen jetzt Studien gemacht werden, die laufen auch schon. Die haben ihre Spezifitäten, die muss man nicht in so ganz großer Fallzahl anlegen. Aber man muss eine Dosis finden. Diese Dinge, die machen das noch ein bisschen schwieriger. Sicherheitsüberlegungen sind dann natürlich auch dabei, die ganz genau befolgt werden müssen.

Deswegen bin ich nicht so sicher, ob man tatsächlich so schnell die kleineren Kinder impfen kann.

Und man muss da jetzt natürlich überlegen, was passiert. Ein Beispiel, das wir gut anführen können, das ein sehr gutes Denkmodell ist, ist wieder England. Dort haben wir viele Erwachsene, viele Eltern jetzt geimpft. Und wir sehen erstaunlicherweise, nachdem jetzt ein Monat oder in einigen Teilen sogar noch länger die Schulen offen sind, mit Testbetrieb, zweimal wöchentlich Abstrich und Testung, also wirklich strenge Regeln, aber ein offener Schulbetrieb: Die Zahlen in den Schulen kommen jetzt nicht hoch. Und das ist ganz anders als im Dezember, wo wir vier-, fünfmal so hoch in der in für Inzidenz lagen wie bei den Erwachsenen. 

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ZDF: Weil die Erwachsenen eben geimpft sind. Dadurch sind auch die Kinder besser geschützt oder tragen nicht so viele Viren in die Schulen rein. Dann gibt es ja auch Leute, die sagen, um die Kinder müssen wir uns nicht so Sorgen machen. Die werden doch eh nicht so schwer krank oder merken sogar gar nichts von einer Corona-Infektion. 

Drosten: Ja, das hat einige Berechtigung. Man muss aber zwei Gedanken noch mal überlegen und dagegenhalten. Der eine Gedanke ist: Wir wissen nicht ganz genau, ob so eine Abschirmung durch die Erwachsenen - also das Virus ist in einer Schule und dann gibt es so einen Ping-Pong-Effekt mit den Haushalten - das scheint sich jetzt in England im Moment glücklicherweise nicht einzustellen. Das ist gut.

Wir wissen aber nicht, ob das noch im Herbst so ist, wenn die Erwachsenen ihre Impfung schon über ein halbes Jahr hinter sich haben und der Schutz durch die Impfung dann etwas schlechter wird - nicht gegen die schwere Krankheit bei den Erwachsenen, sondern gegen die Weitergabe des Virus an die Kinder. Das ist der eine Gedanke.

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ZDF: Herr Drosten, ich nehme von dem Gespräch mit: Für den Sommer sind Sie eigentlich auch zuversichtlich. Im Herbst müssen wir ein bisschen aufpassen, vor allen Dingen genug geimpft haben und auf die Kinder - vor allem auf die kleinen Kinder - muss man ein Auge haben.  

Drosten: So sieht es für mich aus.  

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