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Interview

Pandemie und Gesellschaft - Expertin: "Freiheit braucht einen Rahmen"

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Freiheit schätzen wir heute wohl mehr als jede frühere Generation. Corona zeigt uns aber auch Grenzen auf, sagt Historikerin Ute Frevert. Ein Interview über Lehren aus der Krise.

Besucher sitzen während des Konzertes vor dem Schloss Gottorf in der Sonne, aufgenommen am 08.08.2020
Wie verändert sich die Gesellschaft durch die Corona-Pandemie?
Quelle: dpa

ZDFheute: Bundespräsident Steinmeier hat gesagt, Corona habe unserer Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. Was nehmen wir denn mit aus der Pandemie?

Ute Frevert: Wir sind immer noch im Fluss, wir sind noch in Bewegung, und ein Ende dieser Bewegung ist jetzt noch nicht abzusehen. Wir sind bewusster geworden, wir sind uns klarer über die Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft. Wir sind uns aber auch klarer geworden über das, was wir von dieser Gesellschaft wollen, nämlich Sicherheit. Einen Staat, der uns Anweisungen gibt, diese aber auch sehr gut erklärt, sehr gut kommuniziert - und der uns dann auch wieder Freiheiten gibt.

Aber wir haben in der Tat doch als Bürger auch begriffen, dass unsere Freiheit, die wir so schätzen wie wahrscheinlich noch keine Generation vor uns in der deutschen Geschichte - dass diese Freiheit einen Rahmen braucht und auch Sanktionen.

Klare Regeln, an die man sich auch halten muss. Das hat diese Gesellschaft eigentlich sehr, sehr gut geschafft.

ZDFheute: Welches sind die wichtigsten Lehren, die wir ziehen sollten? Und wie sorgen wir dafür, dass wir sie auch wirklich lernen?

Frevert: Es ist ganz wichtig, dass wir - wenn es denn mal ein Ende dieser Krise gibt - am Ende so etwas wie eine wissenschaftlich begleitete Nachforschung haben. Was hat funktioniert? Was hat nicht funktioniert? Welche Institutionen müssen gestärkt werden? Was müssen wir mit den Schulen machen? Wie wichtig Schulen sind, ist, glaube ich, niemandem in dieser Republik vorher so deutlich geworden.

Auf Schulen wurde immer geschimpft. Sie waren nicht gut genug, die Lehrer nicht die richtigen.

Wie wichtig allerdings überhaupt Schule für Kinder und auch für die Ausgleichung von sozialen Ungleichheiten ist, das ist uns allen wohl erst in dieser Krise klar geworden.

Diese Schulen so zu verbessern, dass sie die nächste Krise besser meistern, ist eine riesige Aufgabe.

ZDFheute: Wie kann so eine Auswertung der gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie organisiert sein?

Frevert: Es sollte einen Bürgerrat geben, der aus der Perspektive sehr verschiedener Bürger und Bürgerinnen darüber nachsinnt, was gut gelaufen ist und wo man es hätte besser machen können. Es muss gleichzeitig Expertenmeinungen und sozialwissenschaftlich begleitete Expertisen geben, vor allen Dingen vergleichende.

Wir sind ja nicht alleine gewesen in der Krise. Und wir haben schon in unserem Land sehr unterschiedliche Strategien gefahren. Wenn man in andere Länder schaut, ist es noch diverser. Warum haben andere es anders gemacht? Wie hat es in Frankreich funktioniert, dass man die Schulen offen gehalten hat? Hat man dadurch mehr Infektionen bekommen?

Von den "best practices" lernen, den guten Beispielen, das ist wichtig. Dazu muss man sie erstmal zusammenstellen und vergleichen.

ZDFheute: Es gibt viele, die viel gelitten haben, viele sind auch ohne große Blessuren durch die Pandemie gegangen. Manche haben sogar gut verdient. Sie sprechen von sozialer Ungleichheit. Wie bringen wir uns wieder zusammen, wo Corona auch wirtschaftlich die Gesellschaft gespalten hat?

Ein Jogger läuft durch den Jenischpark, aufgenommen am 03.05.2021 in Hamburg
Interview

Risikoforscher Gerd Gigerenzer - "Corona ist auch eine Chance" 

Wir müssen lernen, Risiko wieder als Teil des Lebens zu akzeptieren - das fordert Deutschlands bekanntester Risikoforscher. Und wir sollten Zahlen besser verstehen.

Frevert: Ganz klassisch da, wo wir demnächst vermutlich mehr Steuern bezahlen werden - und zwar vor allem diejenigen, die es können. Um die riesigen Lücken, die Corona in unseren Bundeshaushalt und die Länderhaushalte gerissen haben, wieder zu deckeln. Und auf diese Weise ist sozusagen Solidarität gewissermaßen durch unsere Steuerabgaben garantiert.

Es wäre schön, wenn wir auch andere Formen finden, diese massiven sozialen Ungleichheiten, die sich weltweit aufgetan haben, anzugehen, auch durch Eigeninitiative. Wunderbar, dass man zum Beispiel in Deutschland nicht für die Impfung bezahlen muss, weil es uns vom Staat geschenkt wird.

Dafür könnten wir eine Spende in andere Länder geben - und es könnten Impfungen dort bezahlt werden, wo man sich soviel Luxus nicht leisten kann. Das wäre aktive Solidarität.

Während das Impfen im Kampf gegen Corona an Fahrt aufnimmt, zeigt sich, wie hoch die Ansteckungsraten gerade in manchen Brennpunktvierteln sind, zum Beispiel in Berlin-Neukölln.

Beitragslänge:
28 min
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ZDFheute: Was nehmen Sie persönlich aus diesen Monaten mit Corona mit?

Frevert: Wir haben gelernt, wie wichtig uns dieses Leben ist, und zwar das Leben von allen. Und das ist in der Tat ein Lernfortschritt im Vergleich zu anderen Phasen der deutschen Geschichte, den man nicht geringschätzen sollte. Dass wir als Gesellschaft zunächst Sorge getragen haben für die Gesundheit und das Überleben der Alten und der Menschen mit Vorerkrankungen - und, dass wir diese auch als erste geimpft haben, obwohl natürlich volkswirtschaftlich von diesen Menschen kein Gewinn mehr zu machen ist.

Dass alle kapitalistischen Beweggründe auf einmal überhaupt keine Rolle mehr gespielt haben, das war ein Glücksmoment, vor allem für mich als Historikerin. In China hat man zuerst die Arbeiter geimpft.

ZDFheute: Geschichte zeigt auch, dass wir gern vergessen. Gerade auch nach Seuchen oder Pandemien. Werden wir trotz aller vorgehaltenen Spiegel bald wieder zu alten Gewohnheiten zurückkehren - sofern nicht eine vierte Welle über uns schwappt?

Frevert: Das Problem unserer parlamentarischen Demokratie ist ja, dass wir in sehr kurzen Zeiträumen handeln und entscheiden. Und genau diese kurzen Zeiträume sind jetzt von Übel, wenn es darum geht, die Krise nachzuarbeiten und zu beforschen. Wenn wir immer nur sozusagen von Wahl zu Wahl hoppeln, dann werden viele der langfristig zu ziehenden Schlussfolgerungen auch einfach auf der Strecke bleiben. Und das wäre dann kontraproduktiv.

Mehr als 50 000 Menschen starben im ersten Jahr der Corona-Pandemie in Deutschland. Jede Zahl erzählt eine traurige Geschichte, ein individuelles Schicksal von einem Menschen und seinen Angehörigen.

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28 min
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Das Interview führte Peter Kunz.

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