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Interview

Corona-Sorglosigkeit im Sommer? : Lehr: Der Herbst kann unangenehm werden

Datum:

Was sagt die hohe Corona-Inzidenz im Sommer über den weiteren Pandemieverlauf im Herbst aus? Modellierer Thorsten Lehr schätzt die Lage ein.

Die Besucher des Hamburger Isemarkt tragen am 09.10.2020 einen Mund-Nasen-Schutz.
Maßnahmen wie die Maskenpflicht müssten im Herbst einfach umgesetzt werden, so Lehr.
Quelle: dpa

Nach der Sommerpause beraten die Gesundheitsminister von Bund und Ländern wieder über ein neues Infektionsschutzgesetz für Herbst und Winter. Laut Corona-Modellierer Thorsten Lehr sind "Dinge wie Maskenpflicht, Hygienekonzepte und Homeofficeregelungen" im "Instrumentenkasten" der Bundesregierung vorhanden.

Können die hohen Fallzahlen über den Sommer eine starke Corona-Welle im Herbst verhindern? Und wie hoch ist die aktuelle Dunkelziffer? Dazu antwortet der Modellierer Professor Dr. Thorsten Lehr.

ZDFheute: Benötigen wir nach ihrer Meinung strengere, einheitlichere Corona-Maßnahmen?

Thorsten Lehr: Ich glaube gar nicht, dass wir so viel strengere Maßnahmen brauchen. Wichtig wird sein, dass die Maßnahmen, die wir haben, wirklich durchgesetzt werden. Wir gehen in den Winter rein, der noch mit vielen anderen Problemen einhergeht, zum Beispiel der Energiekrise. Und wir können glücklich sein, wenn die Maßnahmen, die angestrebt sind, auch wirklich diesen Winter durchgesetzt werden.

ZDFheute: Wie schätzen Sie denn die Entwicklung der Corona-Zahlen der letzten Monate ein? Was sagt uns das jetzt für die kommenden Monate?

Lehr: Wir haben eine Sommerwelle erlebt, obwohl wir in den letzten zwei Jahren zur gleichen Zeit wirklich sehr niedrige Inzidenzen hatten. Wenn wir zurückschauen: Vor genau einem Jahr lag die Inzidenz ungefähr 20-fach niedriger als das, was wir eigentlich heute sehen.

Das heißt also, wir haben ein viel höheres Ausgangsniveau in diesem Sommer und das bedeutet, wenn wir jetzt in die Zukunft blicken, erwarte ich eigentlich erst einmal, dass diese abfallende Sommerwelle, sich irgendwann wieder in einem Plateau ausläuft. Und dass wir dann, wenn die Reiserückkehrer zurückkommen, wieder einen Anstieg der Inzidenzen sehen.

Doch im Moment interessiert das keinen mehr, es herrscht überall wieder die neue Leichtigkeit des Seins.
Professor Dr. Thorsten Lehr

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ZDFheute: Es kamen immer wieder neue Varianten in den letzten Jahren. Was ist denn da Ihre Befürchtung, was sind Ihre Erwartungen? 

Lehr: Wir haben in der letzten Zeit immer eigentlich alle vier bis fünf Monate eine neue Variante gesehen. Im Moment ist keine wirklich in Sicht. Aber wir haben dieses Jahr sehr viel Fernreiseverkehr. Deswegen kann es natürlich sein, dass wir auch hier wieder, sag ich mal, Mitbringsel aus dem Urlaub sehen werden, die wir bis jetzt noch gar nicht auf dem Schirm haben.

Aber wir müssen bedenken, BA.4 und BA.5 haben ein sehr hohes Infektionspotenzial und das zusammen noch mit schlechteren klimatischen Bedingungen, wie wir sie im Herbst vorfinden, wird auf jeden Fall zu sehr vielen Infektionen und eben auch sehr vielen Krankheitsausfällen und auch möglicherweise schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen führen. 

ZDFheute: Was genau bedeutet das denn für den Herbst, wenn wir jetzt ganz entspannt durch den Sommer gehen? Und wie sieht das denn mit der Dunkelziffer im Hintergrund aus? 

Lehr: Wir müssen uns einfach darauf einstellen, dass der Herbst auf jeden Fall sehr viel infektiöser wird als das, was wir bisher gesehen haben. Wir haben diesen Sommer auch schon sehr viel respiratorische Viren gesehen.

Zudem werden diesen Herbst viele andere Viren noch mal durchschlagen. Vor allem dann, wenn die Maske nicht getragen wird. Dann wird sich letztendlich auch die fehlende Immunität, die wir natürlich gegenüber diesen Viren haben, rächen. Da kommen viele Dinge auf einmal zusammen, möglicherweise noch mit etwas kälteren Wohnungen. Der Herbst dürfte relativ unangenehm werden für viele.

Ich gehe von einer Dunkelziffer aus, die mindestens zwei- bis dreimal so hoch ist wie das, was wir sehen, aber wir wissen es letztendlich nicht.
Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie

Diese ist erst mal eigentlich per se gar nicht schlecht. Das heißt, haben wir eine hohe Dunkelziffer, ist die Durchseuchung relativ schnell eigentlich abgesättigt.

Das Problem ist nur, dass die Dunkelziffer wahrscheinlich auch dazu führt, dass sich die Infektion einfach nicht weiter eindämmt. Sie wird sich weiter ausbreiten, weil viele Infizierte einfach andere infizieren. Die Testung wieder einzuführen, flächendeckender, ist sicherlich ein gutes Instrument, um diese Pandemie auch besser einzubremsen.

Das Interview führte Verena Garrett, ZDF-Studio Saarbrücken.

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