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Rennen um Corona-Impfdosen - Wie wir armen Ländern Impfstoffe wegschnappen

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Europa sichert sich Hunderte Millionen Covid-19-Impfdosen. Gleichzeitig fehlen UN-Programmen, die Entwicklungsländern ebenfalls Zugriff verschaffen sollen, 28 Milliarden US-Dollar.

Elisabeth Massute von Ärzte ohne Grenzen fordert die gerechte Verteilung von Corona-Impfstoffen: "Die Pandemie wird erst dann vorbei sein, wenn sie für alle vorbei ist".

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Man könnte meinen, das Coronavirus kenne keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Und doch trifft die Corona-Pandemie Wohlhabende und Arme, Staaten wie Menschen, ganz unterschiedlich hart. Manche Entscheidungen, die hierzulande als Erfolg im Kampf gegen die Pandemie gefeiert werden, könnten die Lage in anderen Teilen der Welt sogar zusätzlich verschärfen.

Impfstoffe: Ein knappes und begehrtes Gut

300 Millionen Impfdosen des Pfizer-Biontech-Kandidaten hat sich die EU bereits gesichert. Außerdem 300 Millionen Dosen von AstraZeneca und 160 Millionen des Herstellers Moderna. In den USA ein ähnliches Bild, in Großbritannien werden kommende Woche die ersten Impfungen beginnen.

Anja Langenbucher, Europa-Direktorin der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, kritisierte das in einer Videokonferenz mit Pressevertretern gegenüber ZDFheute:

Die erste Welt deckt sich mit der drei- bis vierfachen Menge an Impfstoffen ein, die sie zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich benötigt. Sie versorgen sich gerade über.
Anja Langenbucher

Wenn reiche Staaten so schnell wie möglich zur Herdenimmunität kommen wollen, dann bleibt für die Armen nicht einmal genug, um Klinikpersonal und Risikogruppen zu schützen, so die Sorge.

Großbritannien hat als erste Nation weltweit eine Notfallzulassung des Corona-Impfstoffes der Firmen Biontech/Pfizer erlassen – Ab der kommenden Woche soll es mit Impfungen losgehen.

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Wichtiges UN-Programm ist nur zu einem Viertel finanziert

Die Gates-Stiftung steckt zusammen mit anderen Partnern derzeit Hunderte Millionen Euro in Impfstoff-Hersteller und globale Organisationen, um eine weltweit gerechtere Verteilung von Corona-Impfstoffen zu garantieren. Doch ihnen läuft die Zeit davon.

Während viele Industriestaaten Verträge mit Herstellern unterzeichnen und damit Produktionskapazitäten für die nächsten Monate blockieren, sucht Act-A, das zentrale Programm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Kampf gegen die Pandemie, dringend nach Finanzierung.

38 Milliarden US-Dollar benötigt die Initiative bis Ende 2021. UN-Generalsekretär Antonio Guterres möchte so mindestens zwei Milliarden Impfdosen gemäß einem globalen Verteilungsschlüssel ausliefern. Bislang wurden erst 9,8 Milliarden US-Dollar zugesagt und wie viele UN-Projekte ist auch Act-A jetzt von drastischer Unterfinanzierung betroffen.

Ex-Außenminister Gabriel fordert gerechte Impfstoff-Verteilung

Deutschland solle hier eine Führungsrolle einnehmen, sagte der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD), der ebenfalls an der Videokonferenz teilgenommen hat.

Das Meine-Nation-Zuerst-Virus hat sich verbreitet.
Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (SPD)

Das Coronavirus sei ein Brandbeschleuniger für Krisen in vielen einkommensschwachen Ländern und viele davon stünden vor unlösbaren Aufgaben. Für ihn ist Deutschland in einer privilegierten Position: "Es wird einem unwohl, was unsere Gesellschaft schon in Unruhe versetzt. Dass es Massendemos gibt, wenn ein Mundschutz getragen werden soll."

Sobald in Deutschland ein Impfstoff zugelassen ist, soll es mit dem Impfen losgehen. Aber: Wer ist zuerst dran? Dazu hat die Bundesregierung eine nationale Impfstrategie vorgelegt.

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Armen Ländern nicht zu helfen, kostet auch Deutschland Milliarden

Dabei sei es laut Gabriel in Deutschlands eigenem Interesse, sich um eine gerechte Verteilung der Corona-Impfstoffe zu bemühen. "Herdenimmunität geht nur, wenn die ganze Welt immun ist. Abschottung geht in Deutschland nicht", sagte der frühere SPD-Politiker. Deutschland sei so auf den Welthandel angewiesen, dass man sich wiederkehrende Infektionswellen und Lockdowns weltweit nicht leisten könne.

Das Beratungsunternehmen Eurasia Group, für das Gabriel tätig ist, hat berechnet, welchen wirtschaftlichen Schaden eine ausbleibende Unterstützung für Schwellen- und Entwicklungsländer während der Corona-Pandemie allein in Deutschland hätte: 8,1 Milliarden Euro bis 2025 durch ausbleibende Exporte, Touristen oder Gaststudenten.

Bislang hat Deutschland 618 Millionen US-Dollar für Act-A bereitgestellt und liegt damit hinter Großbritannien auf Platz zwei der Geldgeber.

Die Impfallianz Gavi will Kosten für Impfstoffe senken

Wichtiger Kooperationspartner von Act-A bei Impfstoffen ist die globale Impfallianz Gavi, die einen großen Teil der Act-A-Gelder erhält. In Gavi sitzen Regierungen, private Organisationen wie die Gates-Stiftung und große Pharmaunternehmen, um über Kosten und Verteilung von Impfstoffen im großen Stil zu verhandeln. Das Prinzip: Bei Gavi können sich arme Staaten zusammentun und Preise effektiver drücken, als würde jeder von ihnen allein mit Herstellern verhandeln.

Je mehr Geld Gavi zur Verfügung steht, desto mehr Impfdosen können ihre sogenannten Advance Market Commitments (AMC) einkaufen und gemäß einem Schlüssel weltweit verteilen. Eine Kritik an Gavi ist jedoch, dass die Konzerne dort zu großen Einfluss hätten und die Organisation Gesundheit vom Menschenrecht zur Handelsware mache.

Wir haben noch keine konkreten Erwartungen bezüglich der Preisspanne für Covid-Impfstoffe.
Anja Langenbucher, Europa-Direktorin der Gates-Stiftung

"Die Verteilung ist technologisch schwierig, deshalb ist ein breites Angebot an unterschiedlichen Impfstoffkandidaten wichtig", so Langenbucher. Es sei noch zu früh, um Zahlen zu nennen.

Blick in eine Textilfabrik in Dhaka/Bangladesch.

Globalisierung und Pandemie -
Wie Covid-19 soziale Ungleichheit verstärkt
 

Vor dem Virus sind nicht alle gleich. Das Beispiel Bangladesch zeigt, wie dort nicht nur Corona die Menschen bedroht. Armut und Hunger sind für viele die größere Gefahr.

von Hannes Vogel und Bobby Rafiq

Es drohen Verzögerungen bei WHO-Zulassungsprozessen

Es gibt noch mehr Herausforderungen: "Wir wissen gar nicht, wie viel Corona es in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern genau gibt", berichtete Catharina Böhme, CEO der Organisation FIND, die sich für bessere Diagnostik von Krankheiten in armen Ländern einsetzt.

Auch bei den komplizierten Zulassungsprozessen von Impfstoffen will die WHO Schwellen- und Entwicklungsländern unter die Arme greifen. Weil nicht jede Regierung über zuverlässige Forschungsinstitute und Behörden zur Bewertung von Sicherheit und Verlässlichkeit der Impfstoffkandidaten verfügt, bietet die WHO ein eigenes Zertifizierungssystem an.

Sollten die Covid-Programme der WHO nicht ausreichend finanziert werden, könnten diese Zulassungsprozesse verzögert werden, befürchtet Böhme. Mehr Zeit, die arme Staaten im Kampf gegen die Pandemie verlieren.

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