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Interview

Corona-Krise in Indien - "Es ist jenseits von herzzerreißend"

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Deutschlands Botschafter, Walter Lindner, berichtet über die dramatische Lage in Indien, wie Hilfe vor Ort ankommt - und was ihm Hoffnung macht.

Indien verzeichnet weiterhin erschütternde Corona-Zahlen. Bei einem Video-Gipfel der EU mit Indien wurde nach Hilfsmöglichkeiten gesucht, aber auch der gemeinsame Handel thematisiert.

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ZDFheute: Wie ist die Lage in Indien, wie sind Ihre Eindrücke der letzten Tage?

Lindner: Ich habe das immer wieder deutlich gesagt: Es ist jenseits von herzzerreißend. Die Szenen, die sich abspielen, sind in der Tat entsetzlich. Menschen ersticken vor den Krankenhäusern oder in den Krankenhäusern, wenn der Strom ausfällt, wenn die Sauerstoffzufuhr ausfällt… Allein auf Social Media lese ich jeden Tag hunderte Hilferufe, Menschen organisieren sich, um Sauerstoff aufzutreiben. Alle tun, was sie können, aber die Situation bleibt sehr angespannt und sehr dramatisch.

ZDFheute: Hilfe ist angelaufen. Die Bundeswehr hat diese Woche auch Bauteile für eine Sauerstoffanlage nach Neu-Delhi geschickt. Wie darf man sich diese Anlage vorstellen und wie kann sie helfen?

Lindner: Wir waren unter den ersten Nationen, die hier Hilfe geleistet haben. 120 Beatmungsgeräte haben wir schon letzte Woche nach Indien geflogen. Die sind in drei Krankenhäusern verteilt worden und helfen nun, Leben zu retten. Jetzt die Sauerstoff-Anlage, die gestern und vorgestern mit zwei großen Transportmaschinen A 400 der Bundesluftwaffe ankam.

Steigende Todeszahlen und überlastete Krankenhäuser - Corona wütet in Indien. ZDFheute live spricht mit Tobias Vogt von German Doctors und Andreas Spaett von Ärzte ohne Grenzen.

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Das ist eine große Anlage, die medizinischen, hochprozentigen Sauerstoff aus Außenluft herstellt. Wir bauen diese Anlage in der Nähe eines Militärkrankenhauses auf, und dort wird dann zum einen das Krankenhaus versorgt, zum anderen wird Sauerstoff in Flaschen abgefüllt und rausgegeben an Menschen und andere Krankenhäuser.

Das Verfahren regelt das Rote Kreuz zusammen mit der Armee -  wir bauen die Anlage erst einmal auf. Ich schätze, dass wir am Montag soweit sind, dass die ersten Flaschen abgefüllt werden.

Manjusha ist Krankenschwester in Delhi. Die Belastung jeden Tag ist für sie fast nicht auszuhalten: "Die Angehörigen flehen uns an: Bitte, rettet unsere Liebsten."

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ZDFheute: Die berühmte indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat über die dramatische Lage in ihrem Land gesagt "Die Reichen atmen leichter als die Armen". Nehmen Sie das auch so wahr?

Lindner: Bei dieser Pandemie ist es so - und gerade in dieser zweiten Welle: Es ist jeder betroffen. Minister sterben, Schauspieler sterben, prominente Sportler sterben, Diplomaten sind betroffen. Das heißt, es ist nicht so leicht zu sagen, dass es nur die Armen trifft.

Klar, wer es sich leisten kann, der hat vielleicht einen privaten Vorrat an Sauerstoffflaschen, aber viele sind das nicht.

Und natürlich ist es in einem Land wie Indien so, dass die, die wenig Geld haben - und das sind die meisten - keinen richtigen Zugang zum Gesundheitssystem haben und anfälliger sind für ein Virus. Aber generell würde ich sagen: Das Virus trifft gerade alle, überall.  

Die Zahl der Infektionen und Todesfälle in Indien steigt rasant an, Krankenhäuser sind völlig überlastet. Es fehlt an Sauerstoff zur Beatmung.

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ZDFheute: Wie nah ist die Krise an Sie selbst und Ihr Umfeld herangerückt?

Lindner: Wir haben ungefähr 150 Leute hier in der Botschaft und 30 von unseren Mitarbeitern sind infiziert. Zwei mussten auf der Intensivstation behandelt werden, eine Person haben wir nach Deutschland mit einem Notflieger ausfliegen müssen.

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Wo ich hingucke, in jedem Ministerium, selbst im Roten Kreuz oder am Flughafen, wo ich gerade oft bin: Die Leute arbeiten mit halber Besetzung oder noch weniger, die anderen sind krank.

Es gibt keine Familie, die nicht ein oder zwei Fälle mindestens hat.

ZDFheute: Sie waren 2014 der Ebola-Beauftragte der deutschen Regierung. Lassen sich die Ebola- und die Corona-Krise vergleichen?

Lindner: Das ist schwierig zu sagen. Ebola war tödlicher. Jeder, der infiziert war, hatte nur 10 bis 20 Prozent Überlebenschance. Aber Ebola war vor allem begrenzt auf drei Länder, nämlich Liberia, Sierra Leone und Guinea.

Und diese Länder waren nicht im Zentrum des Tourismus und nicht im Zentrum des Wirtschaftsaustausches. Insofern war da die Gefahr eher gering, dass sich die Krankheit weltweit verbreiten würde. Jetzt haben wir eine weltweite Pandemie.

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Wir haben damals Erfahrungen gewonnen, die zu einer Reform in der Weltgesundheitsorganisation geführt haben und die uns jetzt auch helfen, zum Beispiel im Wissen über Übertragbarkeit oder bei Schutzvorkehrungen. Aber bei jeder Pandemie lernt man neu dazu - und die Corona-Pandemie ist tatsächlich nochmal etwas kolossal Größeres. Deswegen müssen wir sehen, was wir hinterher für Lektionen daraus ziehen.  

ZDFheute: Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Lindner: Ja, mir macht Hoffnung, dass ausländische Hilfe angelaufen ist. Und mir macht Hoffnung, dass die Zahlen nicht mehr so exponentiell steigen. Zur Zeit haben wir ein sehr hohes Plateau mit rund 400.000 Neuinfektionen pro Tag erreicht, was immer noch sehr viel Sauerstoff erfordert, aber die völlige Katastrophe mit einer Million Neuinfizierten pro Tag scheint erstmal aufgehalten. Allerdings ist dieses Virus mit seinen Mutationen immer auch für böse Überraschungen gut.  

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ZDFheute: Noch einmal abschließend zur politischen Situation. Die Kritik an Indiens Regierung wird lauter. Steuert Indien denn mit dieser zweiten Welle auch in eine politische Krise?

Lindner: Wissen Sie, jetzt ist der Zeitpunkt, zu verhindern, dass Menschen sterben. Alles weitere, ob man die Warnzeichen hätte früher erkennen können, ob man zu früh nachlässig wurde und Großveranstaltungen sowohl bei Protesten als auch bei politischen Wahlveranstaltungen oder bei religiösen Feierlichkeiten überhaupt in dem Maße hätte zulassen dürfen - all das muss man hinterher sehen.

Das Interview führte Andrea Maurer

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