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Interview

Warnung nach "Oster-Effekt" : Forscher Lehr: Politik verharmlost Inzidenz

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Der "Oster-Effekt" mit verspäteten Meldedaten und weniger Tests hat Einfluss auf die Corona-Zahlen, doch Experten schlagen Alarm. Thorsten Lehr warnt vor einer Verharmlosung.

Patient an einem Beatmungsgerät. Archivbild
85 Prozent der Corona-Patient*innen auf deutschen Intensivstationen müssen inzwischen beatmet werden.
Quelle: Peter Kneffel/dpa

ZDFheute: Krankenhäuser schlagen Alarm, da die Intensivbetten-Belegung steigt und die Kraft des Personals schwindet. Sollten dann nicht besser die Zahlen des Intensivregisters zur Grundlage für politische Entscheidungen werden? Was bringt die Inzidenz noch?

Thorsten Lehr: Dass die Inzidenz gerade nicht gut funktioniert, liegt eher an den technischen Schwächen durch den "Oster-Effekt", weniger an der Inzidenz als solches. Also das heißt, würde sie normal gemeldet werden, hätten wir ein sehr klares Bild. Die Inzidenz treibt immer noch das, was in den Krankenhäusern abläuft. Was im Krankenhaus abläuft, ist nichts anderes als eine verzögerte Variable, die drei bis vier Wochen später stattfindet. In den Krankenhäusern sehen wir zwar besser, was an Corona-Infektionen gelaufen ist, aber der Marker kommt dann viel zu spät, um noch zu regulieren. Ich glaube deswegen bleibt die Inzidenz ein guter Frühwarn-Marker.

ZDFheute: Wie sollte nun gehandelt werden?

Lehr: In dieser besonderen Situation muss man einfach das Gesamtbild betrachten und da gehört die Intensivstation natürlich dazu. Sie deutet ein ganz wichtiges Zeichen an, nämlich dass es einen Trend zur Überlastung des Gesundheitssystems gibt. Auch wenn wir vielleicht noch gar nicht den Peak der zweiten Welle der Intensiv-Belegung erreicht haben, ist es trotzdem schon sehr voll. Und das ist natürlich ein Zeichen dafür, dass wir jetzt handeln müssen. Von daher ist für mich der einzige Weg ein harter Lockdown und da gilt: je später, umso schlechter.

ZDFheute: Wodurch hat sich die Situation in den Krankenhäusern noch weiter verschärft?

Lehr: Zum einen werden die Patienten immer jünger, diese sind jetzt im Schnitt ungefähr zehn Jahre jünger als noch vor zwei Monaten. Das ist zwar gut, weil es mehr Überlebende geben wird, aber sie werden länger liegen, denn wer länger überlebt, liegt länger. Wer älter ist, liegt oft nur ein Drittel der Zeit, das wird die Situation noch verschärfen. Zudem haben wir mit dieser Mutante wahrscheinlich ein höheres Einweisungsrisiko von bis zu 40 bis 50 Prozent. Rund 90 Prozent der Infektionen kommen aktuell über die britische Mutante, deshalb würde ich jetzt handeln.

ZDFheute: In der Vergangenheit wurden hohe Inzidenzen von politischen Entscheidungsträger*innen nicht immer gleich kritisch betrachtet, warum?

Lehr: Die Inzidenz wird von der Politik so gedreht, dass sie ihr in den Kram passt. Ich meine damit so etwas wie, 100 sind die neuen 50, 50 waren die neuen 35. Es gibt hier so ein gewisses Verweichlichen und Verharmlosen dieser Inzidenz. Die Politik sieht sich natürlich auch im Zugzwang und ist deshalb gewillt, Regeln teilweise zu lockern.

Die Politik tut sich aber sicher keinen Gefallen damit, indem sie ständig neue Aussagen trifft und auch keine konkreten Zielvorgaben mehr macht.
Thorsten Lehr

Wir reden dauernd davon, dass wir einen kurzen harten Lockdown brauchen. Aber was ist kurz, was ist hart und was wollen wir genau erreichen?

ZDFheute: Was wäre Ihre Antwort darauf?

Lehr: Durch einen Lockdown müssten wir die Inzidenz deutlich senken, damit wir auch das Gesundheitssystem entlasten. Das heißt, wir müssten in meinen Augen noch mal versuchen, eine Inzidenz von mindestens 50 zu erreichen.

Ich würde persönlich einen harten Lockdown bevorzugen, wo wir eine gewisse Zeit lang alle Register ziehen.
Thorsten Lehr

Denn das bringt uns ja nichts, wenn wir dieses Ende ohne Schrecken einfach weiter fortführen und einfach nur dahin dümpeln.

Wenn ich entscheiden könnte, würde ich jetzt die maximalen Maßnahmen ergreifen. Das würde auch eine Ausgangssperre inkludieren, um einfach mal alle Register zu ziehen und die Infektionen zu senken und dann auch darauf zu hoffen, dass sie sich senken lassen. Wie das umgesetzt wird, liegt an der Bevölkerung, aber dafür braucht sie eine Perspektive. Parallel muss das Impfen vorangetrieben werden. Also das heißt Vollbremsung, impfen und parallel lockern in kleinen Schritten.

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ZDFheute: Könnte eine bundeseinheitliche Regelung hilfreich sein?

Lehr: Das würde sicherlich vielen Politiker*innen helfen, aus ihrer Verzettelung rauszukommen. Jeden Tag, den wir warten, kumulieren sich letztendlich auch die Fälle im Krankenhaus. Und dort sind die Grenzen bald erreicht. Die Regierung muss jetzt handeln, weil der Zeitraum zum Handeln extrem kurz ist. Es müsste ein Wunder geschehen sein, dass die Fallzahlen wirklich rapide von heute auf morgen sinken. Wenn sie das täten, dann hätte man mit einem Lockdown einen additiven Effekt. Das heißt, man würde die Infektion noch schneller in den Griff kriegen. Ich würde es bedauern, wenn das weiter hinauszögert wird.

Das Interview führte Alica Jung

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