Corona: Steigen die Zahlen ohne Isolationspflicht?

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    Corona im Ausland:Steigen die Zahlen ohne Isolationspflicht?

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    Soll Deutschland die Isolationspflicht abschaffen - oder steigen dann die Corona-Zahlen? Mehrere europäische Länder haben den Schritt gewagt. Welche Erfahrungen sie gemacht haben.

    Automechaniker mit Maske bei der Arbeit
    Trotz Corona mit Maske zur Arbeit? In Österreich ist das möglich.
    Quelle: imago

    Wer sich in Deutschland mit Corona infiziert, muss sich mindestens fünf Tage isolieren. Ist das noch nötig? Ende September forderten vier Bundesländer - Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein - den Bund auf, diese Regel zu ändern. Vergangenes Wochenende sprach sich auch Rheinland-Pfalz dafür aus.
    Die Argumente der Kritiker: Es sei an der Zeit, Corona wie eine normale Erkrankung zu behandeln und auf Eigenverantwortung zu setzen. Zudem könnten symptomfreie Infizierte mit Maske arbeiten gehen und so die Personalnot lindern, auch in Kliniken. Befürworter der Isolationspflicht - wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) - warnen hingegen vor steigenden Infektionszahlen.
    Mehrere europäische Länder haben die Isolationspflicht, umgangssprachlich auch Quarantäne genannt, schon vor Monaten abgeschafft. Welche Erfahrungen sie gemacht haben - ein Überblick aus den ZDF-Studios:

    Österreich: "Große Corona-Welle ist ausgeblieben"

    In Österreich gibt es seit August keine Quarantäne-Pflicht mehr - stattdessen setzt die Regierung auf "Verkehrsbeschränkungen". Das bedeutet: Infizierte dürfen nur unter besonderen Regeln ihre Wohnung verlassen - sie müssen zum Beispiel eine FFP2-Maske tragen. Schulen oder Krankenhäuser dürfen Infizierte nicht betreten, außer sie arbeiten in der jeweiligen Einrichtung. Es gilt nämlich: Wer Corona-positiv ist und keine Symptome hat, muss in Österreich unter besonderen Schutzmaßnahmen zur Arbeit gehen. Dafür gibt es, je nach Bundesland unterschiedlich, Sonderregelungen für bestimmte Berufsgruppen.
    Inzidenz in Österreich (1.1.22-19.10.22, Isolationspflicht)
    ZDFheute Infografik
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    Die Abschaffung der Quarantäne-Pflicht hat in Österreich zunächst für große Aufregung gesorgt. Die große Corona-Welle ist damals ausgeblieben, auch in den Krankenhäusern gab es keinen großen Anstieg an Covid-Patienten. Seit Mitte September sind die offiziellen Zahlen wieder gestiegen, eine Debatte über eine Rückkehr der Quarantäne-Pflicht blieb aber aus. Laut Experten hat die Herbstwelle ihren Peak erreicht und die Zahlen sinken derzeit wieder. Dennoch könne für den Winter keine Entwarnung gegeben werden. 
    Laura Meyer, ZDF-Studio Wien

    Schweiz: Wenig Corona-Patienten in Krankenhäusern

    Zum 1. April 2022 hat der schweizerische Bundesrat alle landesweiten Corona-Maßnahmen aufgehoben. Bund und Kantone beschränken sich seitdem auf Impf- und Verhaltensempfehlungen. So sollen etwa Infizierte ohne schwere Symptome sich mit ihrem Arbeitgeber absprechen, ob und wie sie weiterarbeiten.
    Inzidenz in der Schweiz (1.1.22-19.10.22, Isolationspflicht)
    ZDFheute Infografik
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    Schweizweit steigen derzeit die Zahlen der Infizierten. Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei über 400, zudem lässt sich ohne Test- und Isolationspflicht eine hohe Dunkelziffer vermuten. Aber nur fünf Prozent der Krankenhaus-Patienten sind wegen Corona dort. Dieses Maß gilt den schweizerischen Behörden als Bestätigung, dass es keiner Maßnahmen mehr bedarf. Die Kritiker dieser Strategie verweisen gerne auf das Problem Long Covid.
    Grundsätzliches Argument des Bundesrates ist die Eigenverantwortung des oder der Einzelnen. Wer das Gefühl habe, sich oder andere schützen zu wollen oder zu müssen, dem sei das ja keinesfalls verboten. An der Stelle setzt das zweite Argument der Kritiker an: Vulnerablen Gruppen fällt diese Aufgabe jetzt selbst zu oder grenzt sie möglicherweise von Teilen des gesellschaftlichen Lebens aus.
    Insgesamt lässt sich das Vorgehen als recht schweiztypisch einordnen, indem die Eigenverantwortung über kollektivistischen Schutz gestellt wird.
    Andreas Linke, Redakteur im ZDF-Studio Stuttgart, das auch für die Schweiz zuständig ist

    Polen: "Die Pandemie scheint vorbei"

    In Polen gibt es seit 28. März keine Isolationspflicht mehr. Die Infektionszahlen waren im Frühling und Sommer gering, die Situation hat sich Ende der Sommerferien verschlechtert. Trotzdem ist die Isolationspflicht kein Thema mehr. Zahlen von 30.000 bis 40.000 Infektionen pro Tag wie Anfang des Jahres 2022 hat man bis heute nicht noch einmal gesehen. Allerdings finden Tests nur noch ab und zu statt.
    Inzidenz in Polen (1.1.22-19.10.22, Isolationspflicht)
    ZDFheute Infografik
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    Wenn man heutzutage die polnischen Medien verfolgt, die polnischen Politiker hört oder die Polen auf den Straßen beobachtet, scheint die Pandemie fast vorbei, nichts weist darauf hin, dass es nochmals gefährlich werden könnte.
    Milena Drzewiecka, ZDF-Studio Warschau

    Großbritannien: Neue Maßnahmen trotz vieler Fälle tabu

    Die Isolationspflicht wurde in allen Landesteilen des Vereinigten Königreichs abgeschafft, in England am 24. Februar. Im Falle eines positiven Tests gilt die Bitte, sich wenn möglich für fünf Tage zu isolieren. Aber es gibt keine Pflicht, irgendjemanden mitzuteilen, dass man positiv getestet ist, weder dem Arbeitgeber noch medizinischem Personal.
    Die Infektionszahlen verharren auf hohem Niveau. Die offizielle Inzidenz scheint zwar niedrig, weil sich kaum jemand mehr testet, aber verlässliche Stichproben kommen für England auf eine Inzidenz von 2.500. Das bedeutet, es gibt keine richtige Entlastung für Krankenhäuser, die nun eine Doppelwelle aus Corona und Grippe für den Herbst und Winter fürchten.
    Dennoch steht eine Isolationspflicht - genau wie eine Maskenpflicht - nicht zur Debatte. Prof. Danny Altmann, Immunologe am Imperial College in London, sagt: "Der politische Wille, von Covid wegzukommen, war so stark, dass wir wissentlich hochinfektiöse Menschen an Arbeitsplätze, in Schulen und Arztpraxen schicken. Wir zahlen dafür einen hohen Preis."
    Andreas Stamm, Korrespondent im ZDF-Studio London

    Spanien: Abschaffung der Quarantäne hat "gut funktioniert"

    Seit dem 28. März gibt es in Spanien keine Quarantänepflicht mehr für milde und asymptomatische Fälle. Derzeit wird weder über die Wiedereinführung von Beschränkungen jeglicher Art gesprochen, noch gibt es eine Partei, die solche Maßnahmen fordert. 
    Seit dem Ende der Isolationspflicht sind die Infektionszahlen relativ stabil geblieben. Das Gleiche gilt für die Zahl der Todesfälle. Derzeit gibt es in Spanien nur Schätzungen über die Inzidenz bei Menschen über 60 Jahren. Die letzte Aktualisierung der Statistik (14. Oktober) ergab eine Inzidenz von 100 Fällen pro 100.000 Einwohner über 60. Darüber hinaus ist die Auslastung der Krankenhäuser insgesamt und der Intensivstationen auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Pandemie. 
    Im Allgemeinen wurde die Abschaffung der obligatorischen Quarantäne von der Gesellschaft gut aufgenommen, und den Daten zufolge hat sie gut funktioniert.
    Fernando Mateos, ZDF-Mitarbeiter in Madrid

    Fazit: Kein Comeback für die Isolationspflicht

    Eine Wiedereinführung der Isolationspflicht ist in keinem der fünf Länder ein Thema. Dass die Infektionszahlen - wie von einigen in Deutschland befürchtet - ansteigen, lässt sich anhand der Daten nicht belegen. Allerdings dürfen auch sinkende Inzidenz-Kurven nicht trügen: Zeitgleich mit der Abschaffung zentraler Corona-Maßnahmen - wie der Isolationspflicht - gingen in vielen Ländern die Testzahlen deutlich zurück, die Inzidenz sank nur auf dem Papier.
    Am belastbarsten ist das Beispiel Österreich: In unserem Nachbarland wird noch vergleichsweise viel getestet, jeder kann fünf kostenlose PCR-Tests pro Monat machen. Allerdings wurde dort die Isolationspflicht auch nicht ersatzlos gestrichen, sondern durch "Verkehrsbeschränkungen" ersetzt - Infizierte dürfen ihre Wohnung nur mit FFP2-Maske verlassen.
    Redaktion und Grafiken: Kathrin Wolff

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