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England hebt Regeln auf : Die Freiheit als gewagtes Corona-Experiment

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Mit Corona leben lernen - unter diesem Motto startet die britische Regierung ein Experiment, dass in dieser Pandemie einzigartig ist. Öffnen bei explodierenden Fallzahlen.

Freiheitstag hat ihn die englische Boulevardpresse getauft. Auf das Ende der Pandemie wurde gehofft. Das war die Erwartungshaltung, die die Regierung Johnson geweckt hatte. Zwar musste der Tag um vier Wochen verschoben werden. Doch nun ist es soweit. Alle Corona-Beschränkungen - außer Ein- und Ausreisebeschränkungen - in England fallen. Bis hin zu Maskenpflicht und Abstandsregeln.

Freiheit oder Chaos in England?

Was klar und einfach klingt, wird bei näherer Betrachtung kompliziert. Denn in den Tagen davor ist die Regierung Johnson zurückgerudert. Soweit es ging, ohne einzuknicken unter der Last der Kritik, vor allem aus der Wissenschaft. Man solle natürlich weiter Maske tragen, wenn es in Innenräumen voll ist. Nur ist es nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben, auch die Bußgelder fallen weg. Die Regierung setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger. Erwartet, dass man sich vernünftig verhält. Allerdings führt das zu ordentlichem Durcheinander.

Etwa hat Londons Bürgermeister Sadiq Khan angeordnet, dass in allen Bussen und U-Bahnen der Hauptstadt weiter Maskenpflicht gelte. Das sei das Hausrecht des Betreibers Transport for London. Ohne Maske kein Zutritt. Im Großraum Manchester gilt das nur für die Tram, da hier der Bürgermeister entscheiden kann. Das Busnetz wird dagegen von Privatfirmen betrieben, die es unterschiedlich handhaben.

Wie große Supermarkt- und Warenhaus-Ketten auch alle ihre eigenen Regeln machen. Mehr oder weniger streng. Auf jeden Fall undurchschaubar, was jetzt wo gilt. Und sogar Nachtclubbetreiber, die erstmals seit 16 Monaten wieder öffnen dürfen, erklären, dass sie die neuen Bestimmungen nicht wirklich verstehen. Was etwa die Pflicht betrifft, zu dokumentieren, wer wann zu Gast war.

Was ist das Kalkül der Johnson-Regierung?

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen ist doppelt geimpft, darunter fast 90 Prozent aller über Fünfzigjährigen und die am meisten Gefährdeten. Dazu kommt eine hoher Anteil, die einen natürlichen Schutz nach Genesung besitzen. Deshalb werde die Zahl der schweren Verläufe, die im Krankenhaus enden, niedrig bleiben. Und damit auch die Todesfälle. Was bislang der Fall ist.

Allerdings: Die Regierung erwartet noch im Sommer bis zu 100.000 Neuinfektionen täglich. Davon könnten bis zu 2.000 Patienten im Krankenhaus landen. Bis zu 200 sterben, so die Modelle. Was die Regierung für den notwendigen Preis erachtet, um danach einen Grad an Immunität in der Bevölkerung zu erreichen, der weitere große Corona-Wellen unwahrscheinlich mache. Vor allem im Herbst oder Winter, wenn etwa die Grippe und andere saisonale Viruserkrankungen das staatliche Gesundheitssystem stark belasten.

Mit Corona leben lernen nennt das Premier Johnson. Weil das Virus bleiben werde. Nicht zu verwechseln ist das mit dem Ziel der Herdenimmunität. Dann würde das Virus verschwinden, da es nicht mehr genügend Wirte findet. Doch bei der hochansteckenden Delta-Variante müsse das Level der Immunität bei über 90 Prozent liegen, was trotz erfolgreicher Impfkampagne illusorisch sei, so die wissenschaftlichen Berater der Regierung. Einer davon, Prof. Whitty, oberster Mediziner Englands, macht was die Strategie der Regierung angeht aber auch klar: "Ich denke, wir sollten die Tatsache nicht unterschätzen, wie überraschend schnell wir wieder in echte Schwierigkeiten geraten könnten."

Von allen guten Geistern verlassen

So beschreiben mehr als 1.400 von Whittys Kollegen aus aller Welt den Kurs der Regierung. In einem offenen Brief in der Fachzeitschrift "The Lancet" erklären Virologen und Mediziner, dass Masseninfektion keine Option sei. Sondern gefährlich und verantwortungslos. Denn:

  • Bis zu 20 Prozent aller Neuinfizierten würden unter Long Covid leiden, darunter auch ein Drittel Menschen unter 35. Auch wenn die Datenlage noch dünn ist, sei das Risiko zu hoch. Die Langzeitfolgen für Hundertausende seien nicht abschätzbar.
  • Dem Gesundheitssystem drohe der Kollaps. Dazu warten schon jetzt mehr als zehn Millionen Menschen auf eine Behandlung, die wegen der Corona-Situation verschoben werden musste.
  • Das Risiko, dass eine Variante entstehe, die die Impfstoffe überlisten könnte, sei nicht vertretbar.

Kopfschütteln und Stirnrunzeln bei den Briten

Rund 1,6 Million Menschen befinden sich aktuell in Corona-Selbstisolation. Betrieben gehen die Angestellten aus. Allein mehr als 500.000 Menschen wurden vergangene Woche von der Corona-Warn-App aufgefordert, sich für zehn Tage zu isolieren. Weshalb, laut Umfragen, jeder Fünfte, also wohl Millionen, die App gelöscht hat. Für vollständig geimpfte Mitarbeiter im Gesundheitswesen wurde die Selbstisolations-Regel nun gelockert. Sie dürfen unter bestimmten Bedingungen weiter arbeiten - den Kliniken geht das Personal aus.

Selbst Premier Johnson hat sich vor dem Freiheitstag in Selbstisolation begeben, nachdem er als Kontaktperson des an Corona erkrankten Gesundheitsminister Sajid Javid erkannt wurde. Die Quarantäne wollte Johnson zuerst mit regelmäßigen Tests umgehen, musste sich dann aber doch dem Druck der Öffentlichkeit beugen.

Downing Street 10 in London

Premier muss in Quarantäne - Johnsons Fauxpas vor dem "Freedom Day" 

Am Montag fallen die Corona-Beschränkungen in Großbritannien - trotz hoher Infektionszahlen. Der Premierminister muss derweil in Quarantäne, so wie 1,6 Millionen andere Briten.

von Diana Zimmermann, London

Das alles, wohlgemerkt, vor dem Freiheitstag. Beim Gedanken daran werden zwei Drittel der Briten nervös bis sehr nervös, so die Meinungsforscher. Mehr als die Hälfte würden ihn lieber erstmal verschieben. Das Experiment scheint eher unbeliebt, erfolgt gegen den Rat der meisten Experten. Und wird von aller Welt beobachtet. Bislang weitgehend mit Kopfschütteln und Stirnrunzeln.

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Das Münchner Oktoberfest geht heute zu Ende – das Fazit: Eine halbe Million weniger Besucher als im Jahr 2019. Die Inzidenz ist fast viermal so hoch wie zu Beginn der Wiesn.

03.10.2022
von Svenja Bergerhoff
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