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Astrazeneca-Chaos - Kanzleramt wusste schon früher vom Impfstopp

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Angela Merkel und Helge Braun waren früh informiert über die Notwendigkeit, Astrazeneca wieder zu stoppen. Sie taten - erstmal nichts. Rekonstruktion eines Entscheidungsprozesses.

Archiv: Angela Merkel und Helge Braun am 25.11.2020 in Berlin
Wurden schon am Freitag von der Stiko über Astrazeneca informiert: Angela Merkel und Helge Braun.
Quelle: dpa

Am Freitag vergangener Woche liegen im Kanzleramt die Nerven blank. Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko) hat am Morgen Kanzleramtsminister Helge Braun und Kanzlerin Angela Merkel persönlich darüber informiert, dass der Impfstoff von Astrazeneca für bestimmte Altersgruppen aller Wahrscheinlichkeit nach erneut gestoppt werden muss.

"Am Freitag fand ein Gespräch zur Information zwischen Prof. Mertens und dem Bundeskanzleramt statt", bestätigt eine Stiko-Sprecherin gegenüber ZDFheute. 31 Fälle von Sinusvenenthrombosen, neun Menschen daran gestorben - zu viele, erklärt der Experte der Hausleitung.

Allen im Kanzleramt ist klar, was das bedeutet: Die Impfstrategie - sowieso schon ein wackeliges Konstrukt - wird noch mehr ins Wanken geraten, das Image von Astrazeneca irreparabel beschädigt werden. Die Stimmung ist denkbar schlecht.

Wegen der Empfehlung, Astrazeneca nur noch an Über-60-Jährige zu verimpfen, glühen in den Impfzentren und Service-Hotlines die Leitungen. Stornieren, umplanen, umbuchen - und vor allem: viele Frage beantworten.

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Kanzlerin will erst mehr Experten zu Astrazeneca hören

Das Kanzleramt steht jetzt vor der Frage: Wie umgehen mit den Informationen? Sofort veröffentlichen oder weiter wissenschaftlich absichern? Merkel und Braun bitten die Stiko, vor einer Entscheidung noch andere Experten zu hören. Und beschließen, anders als beim ersten Impfstopp von Astrazeneca, die Impfungen nicht vorläufig auszusetzen.

"Angesichts der nationalen Tragweite der Entscheidung bat die Bundeskanzlerin darum, auch die Expertise des Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hinzuzuziehen", so eine Regierungssprecherin gegenüber ZDFheute.

Samstag bis Montag: Über 300.000 Astrazeneca-Impfungen

In ganz Deutschland wird derweil weiter geimpft: Am Wochenende und am Montag werden laut Robert-Koch-Institut (RKI) insgesamt 314.383 Erstimpfungen mit Astrazeneca verabreicht. Mehr als 300.000 Menschen, die nicht ahnen, dass der Coronavirus-Impfstoff, der ihnen gerade gespritzt wird, wissenschaftlich erneut hoch umstritten ist.

Denn die brisanten Informationen behält die Regierung erstmal für sich. Die Kanzlerin geht am Sonntag ins Fernsehen zu "Anne Will" und rechnet dort vor, man habe "für über 50 Millionen Menschen schon ein Impfangebot Ende des zweiten Quartals". Dabei weiß sie da schon, dass vielen Millionen Menschen unter 60 Jahren der Impfstoff von Astrazeneca wahrscheinlich nicht mehr empfohlen werden kann.

Es ist eine Kampfansage an die Ministerpräsidenten, die Kanzlerin Merkel mit ihrem TV-Auftritt verband. Botschaft: macht mehr! Doch die Länder weisen dies zurück, sind verärgert. Vor allem über den Eindruck, nicht ernsthaft mit der Situation umzugehen.

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Merkel und Braun schweigen

Die Ständige Impfkommission befragt wie gewünscht übers Wochenende weitere Experten, sitzt am Montag nochmals zusammen und beschließt endgültig, eine neue Stellungnahme zu Astrazeneca abzugeben. Ein Prozess, der noch mal ein, zwei Tage brauchen wird. Doch da ist das Entwurfspapier schon im Umlauf, mit einem ziemlich großen Verteiler.

"Seit letzter Woche gab es in Medizinerkreisen immer mehr Informationen über neue Fälle von Hirnvenenthrombosen. Auch an der Charité Berlin wurden Zahlen aus informellen Abfragen zusammengetragen", berichtet Infektiologe Leif Erik Sander von der Charité gegenüber ZDFheute. Die Klinik hat bis dahin schon 16.000 ihrer Mitarbeiter geimpft, zumeist mit Astrazeneca. Am Dienstag pausiert die Charité - auf den Rat Sanders und anderer - mit der Impfung für Frauen unter 55.

Diese Entscheidung wurde aus Vorsorge für die eigenen Mitarbeiterinnen getroffen, zumal nicht klar war, wann genau die definitive Stellungnahme der Stiko kommt.
Leif Erik Sander, Charité

Mediziner können nicht mehr auf Politik warten

Die Mediziner wollen keine weiteren möglichen Thrombosefälle riskieren. Sie können nicht mehr auf die Politik warten. Von da an überschlagen sich die Meldungen. Weitere Berliner Kliniken ziehen nach, dann ganz Berlin, dann Brandenburg.

In München tagt am Mittag der wöchentliche Impf-Krisenstab mit Oberbürgermeister Dieter Reiter. Auch hier kennt man den Stiko-Entwurf schon. Gegen 14:30 Uhr stoppt die bayerische Landeshauptstadt das Vakzin vorläufig für alle unter 60. Man sah sich gezwungen zu handeln, heißt es. "Wir haben Verantwortung für alle Menschen, die sich impfen lassen, und auch für die Impfärzte", so die Leiterin des Gesundheitsreferats Beatrix Zurek.

Die Überwachung des Impfstoffs durch das Paul-Ehrlich-Institut hat gut funktioniert, sagt Stiko-Chef Mertens. Deshalb war es richtig, die Anwendung von Astrazeneca einzuschränken.

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Kritik an Krisenkommunikation des Kanzleramts

In Berlin sehen sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Kanzleramtschef Braun und Kanzlerin Merkel gezwungen zu handeln. Sie sind nun Getriebene der Entscheidung anderer. Eine Sondersitzung der Gesundheitsminister*innen von Bund und Ländern wird für 18 Uhr einberufen, es folgt die Ministerpräsident*innen-Runde. Der Rest ist Geschichte.

Die Geschichte einer Entscheidung, in der der Regierung das Heft des Handelns aus der Hand genommen wurde. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen kritisiert die Krisenkommunikation des Kanzleramts scharf: "Die Bundesregierung hat offenbar trotz Wissens um die neuerliche Notwendigkeit von Anpassungen der Impfempfehlung nicht die Abstimmung mit den Leitungen der Kliniken und Impfzentren vor Ort gesucht." Ein Dominoeffekt war die Folge, das Gegenteil von effizienter Behördenkoordination, so Dahmen.

In Folge der Unklarheit und Unsicherheit haben die Verantwortlichen vor Ort dann die Impfungen gestoppt und selbst die Öffentlichkeit informiert.
Janosch Dahmen (Grüne), Gesundheitsexperte

Karl Lauterbach von der SPD hingegen hätte nicht anders gehandelt als Helge Braun, sagt er gegenüber ZDFheute. "Es war richtig, dass der Entscheidung der Stiko nicht vorgegriffen wurde, weil die Daten das gesamte Wochenende über noch geprüft wurden."

Angesichts weiterer Fälle von Sinusvenenthrombosen nach Impfung mit Astrazeneca unterstützt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die Entscheidung der Stiko, den Impfstoff bei über 60-Jährigen einzusetzen.

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Christiane Hübscher und Andrea Maurer sind Redakteurinnen im ZDF-Hauptstadtstudio

Den Autorinnen auf Twitter folgen: @an_maurer und @ChrHuebscher

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