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Arche-Gründer zu Corona-Hilfen - "Wir erziehen eine Generation von Losern"

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Arche-Gründer Siggelkow findet die Corona-Hilfen der Koalition nicht schlecht. Für den Rest stellt er der Politik ein mieses Zeugnis aus: "Wir erziehen eine Generation von Losern."

Zur Unterstützung von Familien soll es einen einmaligen Kinderbonus von 150 Euro geben. Zudem sollen auch Grundsicherungsempfänger einen einmaligen Zuschuss von ebenfalls 150 Euro erhalten.

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ZDFheute: 150 Euro einmaliger Kinderbonus, 150 Euro für Erwachsene in der Grundsicherung: Ist das ausreichend?

Bernd Siggelkow: Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Geld hilft den Familien natürlich, die jetzt alle erhöhte Ausgaben haben. Weil die Kinder nicht mehr in den Schulen essen, weil sie höhere Stromkosten haben, was sich am Ende des Jahres noch bei den Betriebskostenabrechnungen zeigen wird. Sie brauchen jetzt alle dringend Geld.

ZDFheute: Reichen die beschlossenen Zuschläge? Einige sagen, nicht einmalig, sondern monatlich wären sie nötig.

Siggelkow: Es kommt darauf an, was man mit dem Geld erreichen will. Wir sind dafür, dass es eine Grundsicherung für Kinder gibt, die direkt beim Kind ankommt. Das passiert nicht, wenn man 150 Euro in die Familie gibt und der Kühlschrank kaputt geht. Das hilft dem Kind nicht, in seiner Bildung voranzukommen. Einmal ist besser als kein Mal. Aber natürlich brauchen die Kinder in dieser belasteten Situation viel mehr Geld, damit sie klarkommen.

Nach Koalitionsausschuss - Kinderbonus: Eltern geben Merkel Nachhilfe 

150 Euro Kinderbonus, 150 Euro für Menschen in Grundsicherung. Die Koalition ist mit sich und ihren Corona-Hilfen zufrieden. Eltern aber nicht. Kanzlerin Merkel will nachbessern.

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von Kristina Hofmann

ZDFheute: Was hilft außer Geld?

Siggelkow: Den Menschen, die sich abgehängt fühlen, fehlt eine moralische Stütze. Keiner sagt ihnen, dass sie es gut machen. Man hört immer wieder … aber eigentlich hört man auch nichts! Bei den Hartz-IV-Familien sind die digitalen Geräte noch gar nicht angekommen, die von der Bundesregierung versprochen worden sind. Die Eltern sind alleine mit dem Homeschooling. Sie schaffen oft gar nicht den Spagat.

Die Eltern sind völlig überfordert mit dem Homeschooling.

ZDFheute: Das haben Eltern heute bei einem Bürgerforum der Kanzlerin auch gesagt …

Siggelkow: Gut!

ZDFheute: Merkel sagte aber, dass sie jetzt auch keine Lösung für die Doppelbelastung habe.

Siggelkow: Weil die in der Politik nicht richtig nachdenken! Man steckt den Kopf in den Sand. Was ist das Problem, wenn man heute alle Lehramtsstudierenden zusammenzieht und sagt: Ihr unterstützt jetzt die Schulen und ruft bei den Eltern an und fragt, wie man helfen kann. Das ist die beste Praxis für Studierende, die sie bekommen können! Und dann könnte man die Erfahrung noch für Studien nutzen, wie man in Krisensituationen Menschen helfen kann. Ich verstehe nicht, warum Politik darüber nicht nachdenkt.

Archiv: Stühle stehen in einem leeren Klassenzimmer der Sekundarschule Karl Marx auf einem Tisch.

Schule im Shutdown - "Auf die konzentrieren, die es schwer haben" 

Gerade gibt es Zeugnisse - für ein Schuljahr im Shutdown. Wie aussagekräftig die sind und wie Lernrückstände aufgeholt werden sollen, erklärt Kultusministerkonferenz-Vize Prien.

ZDFheute: Haben Sie eine Erklärung?

Siggelkow: Ganz ehrlich: Muss ich derjenige sein, der sich so ein Vorschlag wie mit den Lehramtsstudierenden ausdenkt? Bin ich der einzige, der darüber nachdenkt, was die Musiklehrer und Sportlehrer gerade machen?

Es gibt wirklich so eine Art Dornröschenschlaf. Es gibt Bevölkerungsgruppen, über die man offensichtlich denkt: Die sind keine Wähler. Über die denkt man nicht nach. Kinder haben in diesem Land sowieso keine Lobby, sie waren schon immer die Abgehängten. Jetzt sind sie besonders abgehängt.

Wir sind das Land der Dichter und Denker und erziehen jetzt eine Generation von Losern.

Daran haben nicht die Kinder oder die Eltern schuld, daran haben die Bildungsministerien schuld, weil sie es dort nicht so ernst nehmen, wie sie es sollten. Sie importieren später lieber Fachkräfte aus dem Ausland als die förderungswürdigen Kinder fähig zu machen, auf dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen.

ZDFheute: Das klingt bitter …

Siggelkow: Definitiv. Nach 25 Jahren Arche muss ich sagen: Die Situation hat sich eher verschlechtert als verbessert.

ZDFheute: Von Corona sind jetzt aber alle betroffen.

Siggelkow: Das trifft alle Familien. Fragen Sie mal die mittlere Einkommensschicht: Da müssen Menschen ihren Job aufgeben oder in Teilzeit gehen, damit sie mit ihren Kindern Homeschooling machen können. Es ist ja nicht so, dass die Kinder Hausaufgaben bekommen.

Sondern die Eltern bekommen das Lehrmaterial. Das müssen jetzt die nicht ausgebildeten Eltern übernehmen. Selbst wenn sie einen akademischen Grad haben, sind Sie auch nur zum Teil im Stande zu leisten, was die Schulen fordern. Und wenn die Kinder wieder in die Schule gehen, wird es große Probleme geben.

Aufgrund der Corona-Pandemie sind bei den Schüler*innen in vielen Fächern Lücken entstanden. Der verpasste Schulstoff muss nun nachgeholt werden. Pläne, die Lehrpläne auszudünnen gibt es erst einmal nicht.

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ZDFheute: Zum Beispiel?

Siggelkow: Erstens werden alle zu spät kommen, weil sie jetzt eine ganz andere Tagesstruktur haben. Sie gehen alle viel zu spät ins Bett. Zweitens: Die Erstklässler hatten ja noch nie richtigen Präsenzunterricht. Natürlich kann man ihnen zuhause das Alphabet beibringen, aber in der Schule lernen sie Struktur, sitzen, zuhören. Diese Kinder werden ein Jahr wiederholen müssen.

Das funktioniert aber nicht, weil ganz viele Kinder auf der Matte stehen, die jetzt in die Schule müssen und das Bildungssystem darauf nicht vorbereitet ist. Die Kinder haben aber spätestens in der dritten Klasse die Grundkenntnisse nicht. Sie sind die Verlierer dieser Corona-Krise. Sie sind die abgehängte Generation.

ZDFheute: Wenn Sie Kanzler oder Bundesfamilienminister wären, was würden Sie als erstes tun?

Siggelkow. Sofort aufhören und wieder in die Arche gehen … Im Ernst, natürlich ist das kein leichter Job. Aber eines der ersten Aufgabe müsste sein, diesen Bildungsföderalismus aufzuheben. Ich würde dafür sorgen, dass das Schulsystem sich dem Kind anpasst, und nicht umgekehrt. Und ich würde die Schulen stärken, damit die Lehrerenden nicht das Gefühl haben müssen, die Eier legende Wollmichsau sein zu müssen.

Bildung ist eigentlich der Schlüssel aus der Armut. Aber ein Angebot kann noch so gut sein: Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, kommt es bei den Kindern nicht an.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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