Sie sind hier:

Wahlforscher Matthias Jung - Was ein Briefwahl-Boom am Sonntag bedeutet

Datum:

In der Pandemie dürften viele per Brief gewählt haben. Das hat Folgen, sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Für die Parteien - und für seine Arbeit.

Landtagswahlen unter Corona-Bedingungen - es wird mit einem Rekord an Briefwahlstimmen gerechnet. Was das heißt, wie die Briefwahl abläuft und wer profitieren könnte.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDFheute: Wir starten unter Corona-Bedingungen ins Superwahljahr. Am Sonntag werden in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg die Landtage gewählt. Wie wirkt sich die Pandemie auf die Wahlen aus?

Matthias Jung: So richtig werden wir es erst wissen, wenn die Wahlen rum sind. Aber es ist ganz klar, dass wir vor allem Rekordwerte bei der Briefwahlbeteiligung haben werden. Und das hat dann natürlich auch für unsere Befragungen vor den Wahllokalen für die Hochrechnungen und auch für die Analysen am Sonntag sehr dramatische Auswirkungen.

ZDFheute: Welche Rolle spielen die Briefwählerinnen und -wähler diesmal konkret?

Jung: Wir können in Rheinland-Pfalz vielleicht erleben, dass jede zweite Stimme eine Briefwahlstimme ist. Das hat verschiedene Auswirkungen. Zum Beispiel, dass ein großer Teil der Wählerinnen und Wähler ihre Wahlentscheidung dann schon viel früher getroffen hat.

Auch schon bevor etwa die Maskenaffäre in der Union bekannt geworden ist. Das heißt, die Briefwähler haben ihre Entscheidung aufgrund anderer Grundlagen eventuell getroffen, als diejenigen, die am Sonntag dann im Wahllokal wählen werden.

ZDFheute: Gibt es Parteien, die von der Briefwahl profitieren?

Jung: Aufgrund des bisherigen Effekts, dass ältere Wählerinnen und Wähler häufiger Briefwahl machen, ergab sich in der Vergangenheit ein gewisser Vorteil für die Union. Sie hat in der Regel innerhalb der Briefwähler bessere Ergebnisse erzielt als in der Gruppe der Urnenwähler.

Umgekehrt haben wir insbesondere bei rechtspopulistischen oder rechtsextremen Parteien in der Briefwahl immer ein unterdurchschnittliches Ergebnis. 

Projektion Baden-Württemberg 11.03.2021

Politbarometer Extra - Amtsinhaber in beiden Ländern deutlich vorn 

Bei den Wahlen in Baden-Württemberg könnten die Grünen mit Abstand stärkste Kraft bleiben. In Rheinland-Pfalz läge die SPD klar vorne. Das zeigt das ZDF-Politbarometer Extra.

ZDFheute: Auch der Wahlkampf ist in der Pandemie ein anderer. Klassische Veranstaltungen fallen weg. Welche Bedeutung haben da die sozialen Medien?

Jung: Die sozialen Medien werden ja sehr stark überschätzt im Hinblick auf die Wirkung im Wahlkampf oder überhaupt auch bei der politischen Reichweite.

Das fängt damit an, dass ich damit immer nur einen Kreis erreichen kann, der sich schon in irgendeiner Art Beziehung zu den jeweiligen Kommunikatoren befindet.

Im Superwahljahr 2021 ist wegen der Pandemie vieles anders. Statt Haustürwahlkampf und Infoständen: digitale Angebote.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Die Funktionen etwa eines klassischen Wahlplakats, das jeden Wähler prinzipiell erreichen kann, die schaffe ich mit sozialen Medien einfach nicht.

ZDFheute: Ergeben sich Vorteile für einzelne Parteien?

Jung: Ich glaube, insgesamt entstehen nennenswerte Vorteile für einzelne Parteien nicht aufgrund der unterschiedlichen Nutzungsfähigkeit digitaler Medien. Aber die Corona-Situation führt dazu, dass Wahlkämpfe nicht mehr so präsent sein können.

Das hat insbesondere große Nachteile für Oppositionsparteien, die nur über ihre Landtagsarbeit eine Möglichkeit haben, sich darzustellen. Während die Parteien, die sich in der Landesregierung befinden - gerade auch ein Regierungschef - ganz eindeutig im Vorteil sind.

Es ist der erste große Wahlsonntag seit Beginn der Pandemie. Das bedeutet: mehr Briefwähler und spätere, erste Hochzählungen.

Beitragslänge:
4 min
Datum:

ZDFheute: Briefwahl-Boom, Corona-Bedingungen – was bedeutet das für die Wahlforschung, auch mit Blick auf die Methodik?

Jung: Das Geschäft für uns, insbesondere am Wahlsonntag, wird ausgesprochen schwierig. Wir haben ja eine Prognose um 18 Uhr zu machen. Das basiert im Wesentlichen auf einer Befragung vor den Wahllokalen. Wir erfassen dann aber nur Urnenwähler. Genau wie wir zunächst mal vor allen Dingen ausgezählte Urnenwahlergebnisse für die Hochrechnungen bekommen.

Und da ein wesentlich größerer Teil dieses Mal eben Briefwähler sind, die uns dabei zunächst mal nicht zur Verfügung stehen, werden wir größere Korrekturen vornehmen müssen, die sich durch das unterschiedliche Wahlverhalten zwischen Briefwählern auf der einen und Urnenwählern auf der anderen Seite ergeben.

ZDFheute: Was heißt das für die Zahlen?

Jung: Das versuchen wir zu berücksichtigen, da können wir aber nur mit Erfahrungswerten arbeiten, von denen wir aber nicht wissen, ob sie auch unter den aktuellen Voraussetzungen gelten. Und deshalb ist das Risiko recht hoch, dass die Abweichung diesmal sowohl bei der 18-Uhr-Prognose als auch bei den ersten Hochrechnungen größer sind als wir das in der Vergangenheit gewohnt waren.

Das Interview führte Nora Liebmann.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.