ZDFheute

Merkels Warnung ist vernünftig

Sie sind hier:

Kommentar - Merkels Warnung ist vernünftig

Datum:

Dieses Mal ist die Kritik an Angela Merkel überzogen. Die Kanzlerin kommuniziert wissenschaftlich fundiert in der Corona-Krise. Und ihre Warnung vor Leichtsinn ist berechtigt.

Angesichts der Lockerungen der Corona-Maßnahmen mahnt Angela Merkel zu Disziplin.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Unglaublich. Ich muss Angela Merkel verteidigen. Die Frau, der wir das schlechte Internet zu verdanken haben. Die schnelles Netz zwar seit 15 Jahren ankündigt, dieses Versprechen aber regelmäßig bricht. Und die sich in Interviews oft dermaßen vage äußert, dass ich es oft als größeres Vergnügen empfände, einen Pudding an die Wand zu nageln. Die gegenwärtige Kritik an ihr kann ich aber nicht nachvollziehen.

Kritik an der Kommunikation der Regierung?

Zunächst einmal: Die Strategie und Kommunikation der Bundesregierung finde ich verständlich. Am Anfang der Pandemie standen vor allem die Tage im Fokus, in denen sich die gemeldeten Infektionen verdoppeln. Das war ein wichtiger Indikator in der Phase exponentiellen Wachstums. Wer wie etwa Kanzleramtschef Helge Braun sagt, die Verdopplungszahl muss auf über zehn, lieber zwölf oder 14 Tage steigen, sagt damit: Wir müssen raus aus dem exponentiellen Wachstum. Also: "Flatten the curve". Das ist inzwischen erreicht.

Die Bundesregierung hat auch kommuniziert: Es gibt weitere Zahlen, die von Bedeutung sind. Zum Beispiel der Reproduktionsfaktor. Also die Frage, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Eine Zahl, die wichtiger wird, wenn das exponentielle Wachstum überwunden ist. Niemand hat das meiner Meinung nach besser erklärt als Merkel. Zwar erst auf Nachfrage eines Journalisten, das stimmt. Aber eben doch so gut, dass zum Beispiel die Berlin-Korrespondentin einer schwedischen Zeitung respektvoll applaudierte.

Kanzlerin Merkel erklärt die Infektionsketten von Corona: "Wenn jeder nur 1,3 Menschen ansteckt, sind wir im Juni an der Belastungsgrenze unseres Gesundheitssystems."

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Fußball, Hotels, Shopping: Zu viele Begehrlichkeiten

Der R-Faktor ist also keine neue Zahl, die plötzlich erfunden wurde. Verdopplungszahlen, Reproduktionsfaktor und auch die Zahl verfügbarer Intensivbetten waren immer Indikatoren für die Strategie der Bundesregierung. Im Moment verfolgt die Bundesregierung das Ziel, den R-Faktor bei etwa unter 1 zu halten. Das finde ich übrigens zu wenig ambitioniert. Ich hätte es gut gefunden, die Beschränkungen weiter aufrecht zu erhalten und Konzepte zu entwickeln, wie wir das organisieren. Beispiel: Kinderbetreuung.

Und da kommt das zugegebenermaßen etwas holprige Wort "Öffnungsdiskussionsorgien" ins Spiel. Merkel sagt, das Eis sei dünn. Wenn überhaupt, dann haben wir einen ersten Schuss frei für Lockerungen. Und als Gesellschaft müssen wir abwägen, welcher Schuss das sein soll. Die Politik hat sich, ähnlich wie die Wissenschaft, für Schulen entschieden. Was war der Effekt? Alle anderen wollen auch öffnen. Fußball, Hotels, verkaufsoffene Sonntage in Köln. Verständlich. Aber gefährlich. Es sind zu viele Begehrlichkeiten auf einmal. Oder, umgangssprachlich: Das artet leicht in Orgien aus. Das zu benennen ist nicht unverschämt, sondern vernünftig.

Natürlich wollen und sollen alle Interessensgruppen für ihr Anliegen streiten. So weit, so normal in der Demokratie. In diese Diskussion gehört aber auch der Beitrag des Magdeburger Bischofs Gerhard Feige, der sich gegen schnelle Öffnungen von Kirchen ausspricht: "Sollten wir als Christen nicht eher verantwortungsbewusst und solidarisch mit dafür Sorge tragen, die lebensbedrohliche Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus einzudämmen, als ähnlich wie verschiedene Lobbyisten versuchen, unsere Partikularinteressen durchzusetzen?"

Solche Äußerungen würde ich mir mehr wünschen. Solidaritätsdiskussionsorgien.

Dominik Rzepka ist Biologe und Redakteur im ZDF-Hauptstadtstudio. Dem Autor auf Twitter folgen: @dominikrzepka

Anders beurteilt Rzepkas Kollege im Hauptstadtstudio, Florian Neuhann, Merkels Kommunikation. Lesen Sie hier seinen Kommentar:

Frau öffnet Ladentür

"Öffnungsdiskussionsorgien" -
Ein Unwort, das nachhallen wird
 

Merkel schweigt nicht mehr - zum Glück. Aber sie macht kommunikative Fehler. Ein Kommentar von ZDF-Korrespondent Florian Neuhann.

von Florian Neuhann, Berlin
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.