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Corona spitzt Lage in Migrantencamps zu

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Erste Infektionsfälle in Moria - Corona spitzt Lage in Migrantencamps zu

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Erste Covid-19-Erkrankungen verschärfen die Lage Tausender Geflüchteter auf den griechischen Inseln. "Ärzte ohne Grenzen" fordert eine Teil-Evakuierung der Lager.

Flüchtlingscamp Moria
Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" fordert, Covid-19-Verdachtsfälle außerhalb des Lagers Moria zu isolieren.
Quelle: reuters

Der Projektleiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", Marco Sandrone, hat monatelang vor einem Corona-Ausbruch im Migrantenlager Moria auf Lesbos gewarnt - nun ist der Ernstfall eingetreten. Ein 40-Jähriger Somalier wurde positiv auf das Virus getestet. Laut Sandrone böten die Zustände im Camp idealen Nährboden für eine Ausbreitung des Virus.

Den Ärzten zufolge fehlt es vor allem an Raum, um Sicherheitsabstand halten zu können, aber auch an Toiletten, Duschen, Seife, Desinfektionsmitteln.

Ärzte ohne Grenzen: "Hygienezustände in Moria miserabel"

Als "miserabel" bezeichnet Sandrone die Hygienezustände im Lager, das einst maximal 2.840 Asylsuchende aufnehmen sollte. Jetzt halten sich hier rund 15.000 Menschen auf.

"Ärzte ohne Grenzen" fordert nun, zumindest 234 Menschen mit hohem Risiko für eine Covid-19-Schwersterkrankung aus dem Lager herauszuholen und aufs griechische Festland oder in andere EU-Staaten zu bringen.

Angst, Opfer von Aggressionen zu werden

Das griechische Migrationsministerium verhängte indes eine 14-tägige Quarantäne über Moria. Durch das Haupttor des Lagers dürfen schwangere Frauen aber zumindest in die gegenüberliegende Klinik. Auch kranke Kinder werden dort behandelt.

Nachdem die Corona-Neuinfektionen sich zuletzt gehäuft haben, hat Griechenland die Schutzmaßnahmen verschärft. Einschränkungen gibt es vor allem in Touristenregionen.

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1 min
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Dora Vangi, Sprecherin der "Ärzte ohne Grenzen", berichtete im Gespräch mit ZDFheute aber von großer Unruhe und Sorge unter den Lagerbewohnern. Auch herrsche die Angst, erneut Opfer von Aggressionen zu werden.

Am 20. August hatten Teilnehmer einer Anti-Migranten-Demonstration außerhalb der Klinik ein Feuer entzündet, das von Mitarbeitern von "Ärzte ohne Grenzen" gelöscht werden musste. Zudem sei das 50-köpfige medizinische Team bedroht und die Klinik mit Steinen beworfen worden. 

Anspannung wegen Corona beeinträchtigt Arbeit von Hilforganisationen

Auch andere Hilfsorganisationen berichten von einer Zunahme aggressiven Verhaltens gegen Migranten und Vertreter humanitärer Organisationen. Toula Kitromilidi, die Gründerin des "Chios Eastern Shore Response Teams" sagt etwa im Videogespräch mit ZDFheute:

Corona macht die Situation nicht einfacher, die Nerven vieler Menschen hier sind arg strapaziert.
Toula Kitromilidi

Dass vor zwei Wochen im stark überfüllten Lager von Vial auf der griechischen Insel Chios fünf Menschen positiv auf Covid-19 getestet worden sind, hat Kitromilidis Arbeit erschwert, aber nicht beendet. Seit Jahren versorgen sie und ihr Team Migranten mit Lebensmitteln, Kleidung und Hygieneartikeln. "Das machen wir weiter - und schließen damit eine Lücke", sagt Kitromilidi.

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Trotz Asylstatus durchs Raster gefallen

Eine Lücke für Menschen, die "längst einen anerkannten Asylstatus" besäßen und somit durch das Sozialsystem abgesichert werden müssten. "Aber sie fallen durchs Raster", sagt Kitromilidi.

Moritz Reitschuster von der Organisation "Intereuropean Human Aid Association" (IHA) berichtet von etwa 10.000 Geflüchteten mit anerkanntem Asylstatus in Griechenland. Viele sähen sich "kaum überwindbaren bürokratischen Hürden" gegenüber, wenn es um die Frage einer Grundabsicherung gehe. 

Streit um Isolationszentrum für Covid-19-Verdachtspatienten

Auf Lesbos fordert "Ärzte ohne Grenzen" derweil, Covid-19-Verdachtsfälle außerhalb des Lagers Moria zu isolieren. Ende Juni war ein von der Organisation errichtetes Behelfs-Isolationszentrum durch lokale Behörden aufgrund von "Verstößen gegen die Stadtplanungsverordnung" geschlossen worden - und musste abgebaut werden.

Stephan Oberreit, Landeskoordinator der Ärzte ohne Grenzen in Griechenland, warnte: 

Das Gesundheitssystem auf Lesbos wäre schlicht und einfach überfordert, mit einem Ausbruch von Covid-19 in Moria umzugehen.
Stephan Oberreit

Ein alternatives Isolationszentrum, von den Niederlanden finanziert, und von Griechenlands Staatsoberhaupt am 20. August feierlich auf Lesbos eingeweiht, hat seine Arbeit bislang noch nicht aufgenommen.

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