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Interview

Oppositionsführer in Nepal - "Es wird immer schlimmer"

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Nach Indien steht nun auch im Nachbarstaat Nepal das Gesundheitssystem vor dem Kollaps. "Viele Menschen sind in Panik", sagt Oppositionsführer Gagan Thapa.

Nepal, Kathmandu: Patienten warten vor dem Krankenhaus.
Nepal, Kathmandu: Patienten warten vor dem Krankenhaus.
Quelle: Reuters

ZDF: Herr Thapa, wie beschreiben sie die aktuelle Lage in Nepal?

Gagan Thapa: Sie ist sehr traurig. Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation, die momentan eskaliert. Die Anzahl der Corona-Fälle verdoppelt sich momentan alle drei Tage. Unsere Bevölkerung ist erst zu einem Prozent geimpft. Viele Menschen sind in Panik. Wir verzeichnen mehr als 4.000 Tote, allein 683 in den vergangenen 14 Tagen. Viele hätten gerettet werden können.

ZDF: Was ist schiefgelaufen?

Thapa: Wir haben es versäumt, für genügend Sauerstoff, Betten und Ventilatoren zu sorgen. Die Krankenhäuser sind überfüllt.

Alles, was ich in den vergangenen beiden Tagen selbst erlebt habe, macht mir klar: Es wird immer schlimmer.

ZDF: Hat die Regierung ausreichend gehandelt?

Thapa: Überhaupt nicht. Der Premierminister hat vor ein paar Tagen im Fernsehen gesagt, dass die Situation unter Kontrolle ist. Aber ich konnte mich in Kathmandu selbst von der Lage überzeugen. Die Aussagen von ihm entbehren jeder Grundlage. Leider hat die Regierung es versäumt, das Land nach der ersten Corona-Welle nicht auf die nächste vorbereitet zu haben. Wir hatten die Zeit, es war der pure Luxus.

In Indiens Nachbarstaat Nepal steigt die Zahl der Neuinfektionen und Toten. Auch weil tausende Wanderarbeiter, die im indischen Lockdown arbeitslos wurden, nach Nepal zurückkehren und die ansteckendere Mutante mitbringen.

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ZDF: Warum passierte nichts?

Thapa: Der Premierminister hatte da bereits den Sieg über das Virus verkündet. Er hat die Bevölkerung nicht nur in die Irre geführt, sondern gleichzeitig gesagt, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Aber wir hätten gewarnt sein sollen von der Situation in Indien, haben nun 90 Tage Vorsprung vergeudet. Es war völlig klar, dass die Probleme aus Indien zu uns herüberschwappen würden. Wir sind nun komplett zurückgeworfen worden.

ZDF: Beschuldigen Sie Indien für Ihre Misere? Schließlich blieben die Grenzen geöffnet.

Thapa: Nein, das wäre völlig unfair.

Es war unser Fehler, auch von meiner Partei, dass wir die Grenzen geöffnet ließen.

Niemand weiß, wie die dritte Welle verlaufen wird. Aber die Grenze einfach so zu schließen, ist für uns aus kultureller und praktischer Sicht nicht leicht. Nein, wir müssen an uns selbst arbeiten und nicht Indien verurteilen.

Bei einem Video-Gipfel der EU mit Indien wurde jüngst nach Hilfsmöglichkeiten gesucht.

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ZDF: Bezüglich der Impfstoffe waren Sie abhängig von Indien.

Thapa: Genau, das war unser Fehler. Wir wären nun in einer besseren Situation, hätte die Regierung sich nicht nur auf Indien verlassen, sondern auch woanders Impfstoffe bestellt. Niemand weiß, wie lange die Krise in Indien anhält, also sollten wir uns in naher Zukunft nicht nur auf Indien verlassen. Wir müssen unsere Strategie ändern.

ZDF: Was sollte die Regierung tun?

Thapa: Der Premierminister muss erst einmal akzeptieren, dass wir uns mitten in einer Krise befinden. Er muss akzeptieren, dass wir eine solide Antwort des Gesundheitssystems benötigen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.

Wir müssen das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen, weil sie den Glauben an die Regierung verloren hat.

Und schließlich müssen wir proaktiv und aggressiv das Impfen voranbringen. Es geht nicht, dass die Menschen zu Hause sitzen und darauf hoffen, dass eines Tages irgendjemand mit einer Tasche voller Impfstoff vorbeikommt.

Das Interview führte André Groenewoud vom ZDF-Studio Singapur

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