Sie sind hier:

In Belgien und den Niederlanden - Was die gewalttätigen Corona-Proteste auslöst

Datum:

Mehrere Menschen mit Schussverletzungen und brennende Autos. Am Wochenende gab es in Städten Belgiens und der Niederlande schwere Proteste gegen Corona-Regeln. Was treibt sie an?

In den Niederlanden ist es die dritte Nacht in Folge zu Ausschreitungen gekommen. Vielerorts waren die Corona-Maßnahmen Auslöser für die Unruhen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Polizeibeamte, die auf gewalttätige Demonstranten schießen: Die niederländische Hafenstadt Rotterdam erlebte am Wochenende in den Worten von Bürgermeister Ahmed Aboutaleb eine "Orgie der Gewalt". Vier Personen wurden mit Schussverletzungen in Krankenhäusern behandelt.

Nicht nur in mehreren Städten der Niederlande, sondern auch in Belgien eskalieren seit Samstag Proteste gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen. Fünf Hintergründe zu den Corona-Krawallen.

1. Regierungen mussten mehrfach Lockerungen zurücknehmen

Seit dem 13. November sind die Niederlande in einem erneuten Teil-Lockdown. Auch Belgien verschärfte seine Maßnahmen, Premier Alexander De Croo betonte jedoch, einen Lockdown verhindern zu wollen. Für beide Länder ist es nicht das erste Mal, dass Öffnungsschritte zurückgenommen werden müssen.

Die Politik hat an Glaubwürdigkeit eingebüßt: "In den Debatten im Sommer hieß es: Nein, wir können keinen Impfpass für Restaurants einführen. Wir können Geimpfte nicht bevorzugt behandeln. Wir werden medizinisches Personal nicht zur Impfung zwingen. Die Demonstranten glauben noch immer an diese Versprechen. Leider hat sich die Situation aber sehr schnell geändert", berichtet Prof. Marc Hooghe, Politikwissenschafter an der Katholischen Universität Löwen in Belgien ZDFheute.

Wegen dieser Versprechen im Sommer fühlen sich die Menschen etwas verraten.
Prof. Marc Hooghe, Katholische Universität Löwen

Für ZDF-Brüssel-Korrespondent Florian Neuhann ist auch in den Niederlanden die Politik mitverantwortlich: "Dass die Proteste so eskalieren, hat auch mit dem Schlingerkurs der geschäftsführenden Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte in Sachen Corona zu tun. Zweimal hat die Regierung in diesem Jahr bereits beinahe alle Maßnahmen beendet – zweimal musste sie wenig später wegen überlasteter Intensivstationen wieder zurücksteuern."

2. Protest zieht völlig unterschiedliche Gruppen an

Eine Mischung aus Verschwörungstheorien, Misstrauen und Unzufriedenheit treibe die Proteste an, sagt Hooghe, der zum Verhältnis zwischen Staat und Bürgern forscht. "Es ist nicht so, dass sich besonders arme oder arbeitslose Menschen an den Protesten beteiligt haben. Was man sieht, ist ein generelles Misstrauen – Menschen, die nicht daran glauben, dass Politik oder Wissenschaft zur Lösung des Problems beitragen."

In der letzten Nacht ist es in mehreren niederländischen Städten wieder zu Unruhen und gewaltsamen Ausschreitungen gekommen. "Auch in den Niederlanden gibt es eine immer radikalere Minderheit von Impfgegnern", so ZDF-Korrespondent Florian Neuhann.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Ein eindeutiges Bild ergeben die Proteste bislang nicht. In Brüssel selbst sind die Impfquoten zwar niedriger als im Rest des Landes, gleichzeitig sind viele der rund 35.000 Demo-Teilnehmer aus anderen Landesteilen angereist. Auch Rechtsextremisten sollen darunter gewesen sein.

"Man kann es etwas mit der Gelbwesten-Bewegung vergleichen, das war auch eine Kombination aus sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen, die alle ihre eigene Motivation hatten", erklärt Hooghe.

3. Es geht um viel mehr als nur Corona

An den Ausschreitungen in Rotterdam haben sich neben Jugendlichen auch zahlreiche Fußball-Hooligans beteiligt. "Sie wollen auf diese Weise verdeutlichen, dass sie nicht akzeptieren, was die Regierung macht", sagt Gerrit van de Kamp, Vorsitzender der niederländischen Polizeigewerkschaft ACP.

Wir haben der Bevölkerung Brot und Spiele vorenthalten. Man kann nicht mehr in Restaurants oder zu Fußballspielen.
Gerrit van de Kamp, Polizeigewerkschaft ACP

Man habe jahrelang vor sozialen Problemen gewarnt, betont van de Kamp. "Die Probleme im sozialen Niveau sind groß, das kommt alles zusammen. Junge Leute [können] keine Wohnungen bezahlen." Die 2G-Maßnahmen seien ein Katalysator für diese Probleme, so van de Kamp. "Die Polizei allein kann das nicht schaffen, das ist zu groß, das ist zu viel."

Corona-Proteste in Niederlanden - Rutte verurteilt gewalttätige "Idioten" 

In den Niederlanden wird heftig gegen Corona-Maßnahmen protestiert. Ministerpräsident Rutte erklärt, es sei inakzeptabel, dass "Idioten reine Gewalt" gegen Hilfskräfte gebrauchen.

Videolänge
1 min

4. Eine verrohte Debatte befeuert die Gewalt

"Die Polarisierung in den Niederlanden ist ziemlich groß. (...) Ich denke, dass man erwarten konnte, dass so etwas passiert", sagt der Historiker Dr. Hanco Jürgens von der Universität Amsterdam dem ZDF. "Die Debatte ist aus dem Ruder gelaufen, weil Parlamentarier die Corona-Krise mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichen, Opfer des Zweiten Weltkriegs gleichsetzen mit Ungeimpften."

Viele Menschen seien davon ausgegangen, dass Corona inzwischen vorüber sein würde. "Das erklärt auch, warum die Stimmung heute viel aggressiver ist als in den ersten Monaten 2020", so Hooghe. Die Gewalt sei jedoch kein Alleinstellungsmerkmal: Auch in anderen Ländern sei es bei Corona-Protesten zu Ausschreitungen gekommen.

5. Die Corona-Lage droht noch schlimmer zu werden

Beide Länder haben mit 73 bzw. 74 Prozent eine bessere Impfquote als Deutschland. Dennoch sind die Infektionszahlen besorgniserregend, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt jenseits der 800. Dass die Proteste vom Wochenende die Politik zur Umkehr bewegen werden, glaubt Hooghe nicht. "Nicht die Gewalt, sondern die Zahl der Menschen in den Krankenhäusern wird die politische Reaktion bestimmen. Die aktuellen Prognosen zeigen, dass die Lage schlimmer wird, also müssen die Maßnahmen strenger werden, da gibt es keine Alternative."

Die jetzt verkündeten Maßnahmen könnten nur der Anfang eines langen Lockdown-Winters sein. Das ist vielen Demonstranten bewusst.

Demos in Wien und Rotterdam - Wie radikal werden die Corona-Proteste noch? 

Schärfere Maßnahmen gegen die Pandemie führen auch wieder zu heftigeren Protesten gegen eben jene Maßnahmen. Wie radikal werden die Gegner der Corona-Politik in diesem Winter?

Videolänge
1 min
von Jan Schneider

Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise

Zahlreiche Passanten sind auf der Zeil, der zentralen Fußgängerzone in der Frankfurter Innenstadt unterwegs

Sinkende Corona-Inzidenz - Ist das die Trendwende? 

Seit Tagen sinkt die Inzidenz. Doch Experten warnen: Das ist keine Trendwende. Zwar wirken auch die Maßnahmen, doch das Infektionsgeschehen hat sich in Wirklichkeit kaum verändert.

von Oliver Klein
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.