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Rentengerechtigkeit - Wie sich Corona auf die Rente auswirkt

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Die Corona Pandemie verschärft die Probleme in der Gesellschaft, macht sie sichtbar, auch bei der Altersarmut. Ein Problem, das die Politik schon lange vor sich herschiebt.

Seniorin hält ihren Rentenbescheid in der Hand
Seniorin hält ihren Rentenbescheid in der Hand
Quelle: dpa

Vierzig Prozent der Menschen, die in das Obdachlosenrestaurant der Stadtmission in Berlin kommen, sind altersarm. Viele waschen ihre Wäsche aus Kostengründen in der Bahnhofsmission. In 15 Jahren wird voraussichtlich jeder fünfte Rentner als arm gelten.

Reformen wegen des demografischen Wandels werden verschleppt

Dabei geht es der heutigen Rentnergeneration vergleichsweise gut. Die junge Generation dagegen startet ins Leben mit dem Problem, dass die Politik seit Jahrzehnten Reformen verschleppt, die das Rentensystem auf den demografischen Wandel vorbereiten würden. "Die Rente wird, wenn wir 20, 30 Jahre in die Zukunft schauen, darunter leiden, dass wir relativ viele alte Menschen haben", erklärt Professor Axel Börsch-Supan, Leiter des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, "und relativ wenig junge".

Deswegen werden die Beitragssätze weiter raufgehen müssen und die Rentner werden nicht mehr das bekommen, was sie heute gewohnt sind.
Professor Axel Börsch-Supan, Leiter des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik

Börsch-Supan begleitet die Rentenpolitik der Bundesregierungen seit Jahrzehnten, legte gegen verschleppte Reformen immer wieder sein Veto ein.

Rentengerechtigkeit ausgehebelt?

Doch bisher sinkt das Rentenniveau nicht so, wie es nötig wäre, um den demografischen Wandel abzufedern - im Gegenteil. Der Grund: Bis ins Jahr 2025 zog die Bundesregierung die sogenannte doppelte Haltelinie in die Rente ein. So darf das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent fallen und die Beitragssätze nicht über 20 Prozent steigen. In den beitragsstarken Jahren, vor der Pandemie, fiel dies nicht weiter auf.

Nun aber entblößt die Corona-Krise die Vorteile der sogenannten Rentengarantie für die Rentner und ihre Nachteile für die Beitragszahler. Denn eigentlich ist die Rente fest an die Entwicklung der Löhne gekoppelt. Wenn die Löhne fallen, wird bei den Renten nachjustiert; die Politik nennt das Nachholfaktor. Letztes Jahr sank das Lohnniveau, auch wegen pandemiebedingter Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Die Renten jedoch bleiben auf dem gleichen Niveau. Dies bestätigt das zuständige Bundesarbeitsministerium dem ZDF.

Es gilt das Prinzip, dass die Renten grundsätzlich den Löhnen folgen. Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich rechnerisch eine Negativanpassung ergeben, die jedoch durch die sogenannte Rentengarantie verhindert wird. Danach ist gesetzlich geregelt, dass die Rente nicht gekürzt wird.
Bundesarbeitsministerium

2018 schaffte die Große Koalition aus Union und SPD den sogenannten Nachholfaktor ab und richtete die Rentengarantie ein. So wird nun das Gleichgewicht zwischen Beitragszahlern und Rentnern ausgehebelt, zugunsten der Rentner.

"Der Arbeitsmarkt schlägt nicht mehr auf die Rente durch. Das heißt, die Rente wird bezahlt, selbst wenn die Löhne sinken. Die Rente kann nicht sinken. Aber irgendjemand muss das bezahlen und das sind dann die Beitragszahler", kritisiert Professor Börsch-Supan.

Sollten die eingezahlten Beiträge dafür nicht ausreichen, muss der Steuerzahler einspringen: 2020 wurde das Umlagesystem Rente mit 106 Milliarden Euro Steuergeldern gestützt. Dies entspricht etwa einem Drittel des gesamten Bundeshaushaltes, neue Kredite zur Corona-Bekämpfung herausgerechnet. Versicherungsfremde, aber politisch versprochene Leistungen, wie die abschlagsfreie Rente mit 63, Mütterrente, Grundrente belasten das System zusätzlich.

Rentensteigerung trotz sinkender Löhne?

Und es könnte noch verrückter werden: Würden die Löhne nach der Krise wieder anziehen, würden diese von einem niedrigeren Niveau starten, die Renten aber bleiben, wegen des fehlenden Nachholeffekts, auf höherem Niveau. Die Folge: Es könnte, so Professor Börsch-Supan, 2022 zu einer Rentenerhöhung kommen. Diese würde den Beitragszahler dann wohl weitere Milliarden kosten.

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Auf Nachfrage des ZDF, ob geplant sei, den Nachholeffekt wieder einzuführen, um diese Entwicklung abzufedern, teilt das Bundesministerium mit, "dass es trotz der rechnerischen Mindestanpassung, die sich schon allein aus der rückläufigen Lohnentwicklung aus 2020 ergibt, nicht zu einer Rentenkürzung kommt". Und, dass dies, "bis 2025 verlässlich geregelt" sei.

Der Generationenvertrag wankt

Keine Bewegung also in der Rentenpolitik, dabei wackelt das Umlagesystem bereits wegen der Demografie. Finanzierten 2020 zwei Beitragszahler eine Rente, werden es wohl 2050 nur noch 1,2 sein. Die junge und mittlere Generation belastet diese Rentenpolitik in Zukunft doppelt: Sie werden immer mehr zahlen müssen und immer weniger herausbekommen.

Die dringliche private Vorsorge für das Alter werden sich damit immer weniger Beitragszahler leisten können. Dies trifft die mittlere Generation, wenn sie sich auf die gesetzliche Rente verlassen hatte, besonders hart, da ihr kaum noch Zeit für die Vorsorge bleibt. Junge Menschen wären dagegen bereits beim Start ins Leben Verlierer des Systems. Auf diesen Missstand hingewiesen, antwortet das zuständige Bundesarbeitsministerium:

Wer heute mit 20 in das Erwerbsleben einsteigt, wird in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts in Rente gehen. Die Höhe seiner Rente wird durch das bestimmt sein, was dann erwirtschaftet werden wird.
Bundesarbeitsministerium

Zukunftsorientierte Rentenpolitik sieht anders aus. Dabei sind die Beitragszahler von heute die Rentner von morgen und jede Generation hat das Recht, sich vor Armut im Alter zu schützen. Ob dafür, bei steigenden Sozialabgaben, noch etwas übrigbleibt, ist in Zukunft fraglich.

Stephanie Gargosch arbeitet im ZDF-Studio Berlin.

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