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Raus aus dem "starren" Schulkorsett?

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Wie uns Corona verändert - Raus aus dem "starren" Schulkorsett?

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Ist die Corona-Pandemie eine tiefe Zäsur für das herkömmliche Schulsystem? Kritiker fordern radikale Reformen. Ihr Ziel: selbstbestimmtes, selbstgesteuertes Lernen der Schüler.

Hamburg, Deutschland, 19.10.2020
Schüler sitzen mit Masken im Klassenzimmer
Quelle: dpa

Vielleicht löst die Corona-Pandemie neben mancher Schockwelle auch jene Impulse aus, die das deutsche Schulsystem aus der "Kreidezeit" hinein ins digitale Zeitalter katapultieren.

Lehrer wünscht sich radikale Bildungsreform

Das ist zumindest die Hoffnung von Schulpraktikern wie Oliver Hauschke, Lehrer, Vater von zehn Kindern und Autor des Buchs "Schafft die Schulen ab". Hauschke sieht in der Pandemie eine Zäsur für das herkömmliche Schulsystem und dessen "überholte Inhalte".

Man müsse raus aus dem "starren Korsett". In seinem Beitrag für das Buch "Das Schuljahr nach Corona - Was sich nun ändern muss", schreibt Hauschke:

Ziel einer Lehrkraft im Lernprozess muss sein, sich immer mehr überflüssig zu machen, von einer haltenden und steuernden Hand zu einer auffangenden werden.
Oliver Hauschke, Buchautor

Unter Kolleginnen und Kollegen hat Hauschke neben Befürworten auch zahlreiche Kritiker, die ihm vorwerfen, er wolle eine "Revolution" im Bildungssystem anzetteln – und viel Bewährtes zerstören.

Fehlende Technik für Home-Schooling

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4 min
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Angebote für Digitalunterricht: "Wie auf dem Früchtebasar"

Ganz ohne Hauschkes Zutun ist diese Revolution Corona-bedingt längst im Gange. Denn in einer Zeit, in der die Covid-19-Infektionen und Verdachtsfälle auch unter Schülern massiv zunehmen, braucht es für möglichen Fernunterricht technikbasiere, alternative Lernkonzepte.

Lernplattformen, digitale Schulverwaltungsprogramme und Lernmaterial sind inzwischen in großer Vielzahl auf dem Markt. Mit Blick auf das große Angebot an Gratis-Unterrichtsmaterial, schreibt der Mathematik- und Physiklehrer Sebastian Funk, es gehe zu "wie auf einem Früchtebasar, wo man an jedem Stand naschen und probieren kann".

Wenn das Kinderzimmer zum Physiklabor wird

Von der ersten Corona-Welle sei er erwischt worden, als er in der Klasse 7 gerade das Thema "Elektrischer Strom" behandelte. Eigentlich ein tolles Thema für Experimente inklusive des Geruchs von "durchgebrannten Sicherungen im Physiksaal". Das fiel aus, aber via Videoschalte ließ Funk seine Schüler einfach ihr Zuhause in Forschungslabore umwandeln.

Sicherungskästen wurden fotografiert und mit der Klasse geteilt, Schaltpläne der einzelnen Räume gefertigt und zum Abschluss alle Erkenntnisse in einem Podcast zusammengefasst.
Sebastian Funk, Physik- und Mathelehrer

Funk berichtet, dass sich die Schüler ihre Arbeitszeit frei einteilen durften – die Ergebnisse hätten sich sehen lassen können.

Grafik Aerosolverbreitung in Klassenzimmer

Nachrichten | Panorama -
Corona-Risiko im Klassenzimmer
 

Wie schnell sich Aerosole verbreiten können.

Ziel: Selbstbestimmt lernen

Oliver Hauschke geht noch einen Schritt weiter: Schulkonzept müsse künftig sein, es Schülern zu ermöglichen, "eigene Interessen, Talente und Fähigkeiten zu erkennen, zu entwickeln und zu fördern, damit sie sich im Verlauf der Schulzeit immer stärker selbstbestimmt und selbstständig diesen widmen".

In einem solch individuellen Lernprozess müssten auch "die Lernpartner und die lernbegleitenden Personen auswählbar sein", so Hauschke. Es spiele dabei weniger eine Rolle, ob die Lernpartner im gleichen Alter seien. Verbindend sei das Interesse an den Fachgebieten und Themen.

Digitale Revolution in der Bildung? Das ist Quatsch mit Soße!
Grundschullehrerin in Rheinland-Pfalz

Während Hauschke die Ansicht vertritt, dass digitale Angebote das Lernen motivierender machen und Schüler ihre Kompetenzen damit frei entwickeln könnten, stellen sich anderen Schulpraktikern die Nackenhaare auf beim Thema "digitale Revolution".

"Das ist Quatsch mit Soße", sagt eine Grundschullehrerin aus Rheinland-Pfalz. "In unserer Schule haben wir nicht mal funktionierendes Internet. Und selbst wenn: Guter Unterricht lebt von zwischenmenschlicher Nähe, dem aktiven Miteinander in einem Klassenraum."

Deutschland ist im Teil-Shutdown. Doch Bildung bleibt ein hohes Gut – und die Schulen deswegen geöffnet. Über Hygienekonzepte streitet nicht nur die Politik.

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1 min
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Fünf Schul-Laptops – für 300 Schüler

Eine Gymnasiallehrerin aus Thüringen ergänzt: "Bislang scheitert es oft an banalen Dingen wie dem Zugang zu schnellem Internet oder den Geräten."

Sie berichtet von "hybridem Unterricht" seit dem Frühling, in dem digitale Konzepte erprobt werden. "Allerdings machen die Schüler ihre Aufgaben dann auf Handys, wenn kein Laptop vorhanden ist", so die Lehrerin.

Wie andere Lehrkräfte aus anderen Bundesländern berichtet auch die Thüringer Gymnasiallehrerin, dass von den im August versprochenen Laptops für Lehrer bislang kein einziger an ihrer Schule angekommen sei. Und für die Schüler? "Wir haben zehn Laptops, von denen fünf einsatzfähig sind – für mehr als 300 Schüler".    

kiel, deutschland, 19.10.2020

Corona-Streitpunkt Schule -
Bildungsverbände pochen auf Wechselunterricht
 

Bildungsgewerkschaften sehen eiligen Nachbearbeitungsbedarf von Bund und Ländern bei klaren Corona-Maßnahmen im Schulunterricht - vor allem beim Thema Wechselunterricht.

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