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Pflegenotstand in Krankenhäusern - Pfleger redet Tacheles mit Spahn

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Manchmal geht ein Schuss nach hinten los. Minister Spahn wollte mit Intensivpfleger Lange zeigen, wie schlimm die Corona-Lage in Krankenhäusern ist. Und landet selbst am Pranger.

Hohe körperliche und psychische Belastung: Ricardo Lange beschreibt auf der Bundespressekonferenz mit Jens Spahn den Alltag auf den Intensivstationen und kritisiert die Politik.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lädt sich zu seiner wöchentlichen Pressekonferenz zur Corona-Lage gerne einmal Gäste ein. Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, ist immer dabei. Den dritten Platz auf dem Podium bekam diesmal Ricardo Lange. Lange ist Intensivpfleger in Berlin. Und was er zu sagen hatte, hat dem Minister nicht nur gefallen.

Lange: "Die seelische Belastung ist gestiegen"

Lange hatte sich bei Spahn gemeldet, nachdem sich der Minister öffentlich mit Schauspieler Jan Josef Liefers über die Aktion #allesdichtmachen gestritten hatte. Die Lage auf den Intensivstationen, findet Lange, müsse bei dieser Debatte, ob die Corona-Maßnahmen zu hart sind, auch berücksichtigt werden. Das findet Spahn auch und hatte ihn deswegen zur Pressekonferenz eingeladen. Die Intensivstationen sind "in vielen Städten zu voll", sagte Spahn. "Die Zahlen müssen runter."

Mit einer satirischen Protestaktion gegen die Corona-Politik haben 53 Schauspielerinnen und Schauspieler eine Kontroverse ausgelöst. Dafür gab es auch scharfe Kritik von Kollegen.

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Dem widerspricht Lange nicht. Eindrücklich schildet der 39-Jährige seinen Arbeitsalltag:

Die Kollegen arbeiten seit einem Jahr an der Belastungsgrenze und darüber hinaus.
Ricardo Lange

Nicht nur die Pfleger, auch die Reinigungskräfte, die Ärzte. Nicht nur, dass das Arbeiten in Schutzanzügen und mit Masken beschwerlich ist. "Die seelische Belastung ist deutlich gestiegen", sagt Lange.

Er berichtet von Covid-19-Patienten, die noch wach und ansprechbar eingeliefert werden und die Nacht nicht überleben. Von der wochen-, teils monatelangen Pflege von Patienten, die es dann doch nicht schaffen. Von denen sich die Familie nur in voller Schutzmontur verabschieden darf - ohne die Hand zu halten und sie beim Sterben zu begleiten.

"Das macht was mit einem", sagt Lange. Er selbst kann den Leichnam nur noch in den schwarzen Plastiksack legen und den Reißverschluss zuziehen. Kein Waschen, kein Aufbahren in einem Abschiedsraum des Krankenhauses, kein Aussegnen, nichts.

Hauptproblem: Personalmangel

Für diese Pandemie-Situation kann Minister Spahn erst einmal nichts. Für die organisatorische schon, findet Lange. Schon vor Covid-19 waren die Intensivstationen an der Belastungsgrenze. Die Pandemie sei nur dazu gekommen. Und wenn jetzt Menschen mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder anderen Krankheiten auf andere Stationen verlegt werden müssen, dann sei die Sache klar: "Die Intensivstationen sind voll, da gibt es keinen Interpretationsspielraum", sagt Lange

Klar gebe es genügend Betten, was fehle, sei das Personal. Das wisse man aber schon seit Jahren.

Hätte man vor drei oder vier Jahren gehandelt, dann hätten wir heute eine deutlich entspanntere Situation, weil viel mehr Betten belegt und betreut werden könnten.
Ricardo Lange

Spahn: Mehr passiert als "viele, viele Jahre zuvor"

Natürlich lässt Spahn das nur ungern auf sich sitzen. "Viele, viele Jahre", sagt er, sei es in der Pflege in die falsche Richtung gegangen. Weder in zwölf noch in 24 Monaten lasse sich das umkehren:

In den letzten drei Jahren ist in der Pflege mehr verändert worden als in vielen Jahren zuvor.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Spahn listet auf: Dass die Personalkosten nicht mehr zum Budget gerechnet werden, sei in der Pflege die "größte Veränderung seit 20 Jahren" gewesen. Tariferhöhungen würden besser finanziert, die Ausbildung in der Pflege sei reformiert worden, er habe Personaluntergenzen auf Stationen eingeführt. "Auf Ministerverordnungen, weil die Selbstverwaltung von Krankenhäusern und Krankenkassen dazu nicht in der Lage war", betont Spahn.Trotz der Pandemie seien diese Personalvorgaben seit Februar wieder in Kraft. "Alles vor der Pandemie bereits begonnen."

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Mit einem, sagt Spahn, habe Lange aber recht. In der Politik habe man das Gefühl, das Problem Pflegenotstand werde "aus vollen Rohren" angegangen. Und vor Ort habe man das Gefühl, es komme "nur der Tropfen auf dem heißen Stein" an.

Bonus? Welcher Bonus?

Einen Pflegebonus hat Lange übrigens nicht bekommen. Meistens hätten ihn nur Angestellte erhalten, die in landeseigenen Häusern arbeiten. Er ist angestellt bei einer Zeitarbeitsfirma. "Ich bin raus aus der Bonusdebatte."

Dieser Bonus habe die Kollegenschaft ohnehin eher gespalten. "Erst wird man beklatscht und bejubelt." Dann habe niemand mehr hingeschaut, als im Sommer die Infektionszahlen sanken. Nichts änderte sich. Erst im Herbst, mit der zweiten Welle, fiel wieder das fehlende Pflegepersonal auf. Lange sagt, dieser Bonus habe seinen "Sinn nicht erfüllt".

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