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Interview

Virologe zu Astrazeneca - Stiko geht den "sicheren Weg"

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Jüngere, mit Astrazeneca Geimpfte, sollen bei der zweiten Dosis einen anderen Impfstoff erhalten - schreibt die Stiko. Ein Virologe verteidigt das Vorgehen.

Archiv: Eine Ampulle mit Corona-Impfstoff von AstraZeneca wird in einem Impfzentrum beschriftet.
Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca wird in Deutschland nur noch für Menschen ab 60 empfohlen.
Quelle: dpa

Die Ständige Impfkommission (Stiko) legte gestern Abend eine Entwurfs-Empfehlung zu Astrazeneca vor. Wer jünger als 60 Jahre ist und die erste Dosis des Vakzins erhalten hat, soll für die zweite auf einen mRNA-Impfstoff umsteigen - derzeit sind das die Mittel von Biontech/Pfizer oder Moderna.

Für Außenstehende mag das wie ein weiteres Hin und Her beim Impfstoff von Astrazeneca wirken. Denn erst hatte die Stiko das Vakzin nicht für über 65-Jährige empfohlen. Begründung damals: zu wenige Daten.

Mitte März folgte ein kompletter Impfstopp, weil es Verdachtsfälle auf Hirnvenenthrombosen nach Impfungen gegeben hatte. Die EMA empfahl danach, Astrazeneca weiter zu impfen, denn der Nutzen übersteige die Risiken bei Weitem - Deutschland impfte weiter.

31 Thrombose-Verdachtsfälle bei 2,7 Millionen Impfungen

Diese Woche empfahl die Stiko dann einen Impfstopp mit Astrazeneca für Jüngere, denn die Hirnvenenthrombosen waren vorwiegend bei ihnen aufgetreten. Bislang sind 31 Verdachtsfälle bei 2,7 Millionen verimpften Astrazeneca-Dosen aufgetreten.

Jüngere sollen nun also bei der zweiten Dosis umschwenken - sie müssen es aber nicht. Doch zu gemischten Impfserien gibt es "noch keine wissenschaftliche Evidenz zur Sicherheit und Wirksamkeit", schreibt die Stiko selbst. Stiko-Chef Thomas Mertens schrieb auf Anfrage von ZDFheute:

Niemand zieht eine mögliche negative Auswirkung der heterologen Impfung in Betracht.
Thomas Mertens, Stiko-Chef*

Damit ist gemeint, dass mit Astrazeneca Erstgeimpfte bei der zweiten Dosis ein anderes Vakzin bekommen.

Für den Frankfurter Virologen Martin Stürmer ist das Vorgehen der Fachkommission logisch, wie er im ZDFheute-Interview erklärt:

ZDFheute: Herr Stürmer, wie ordnen Sie den Entwurf der Stiko ein?

Stürmer: Bei anderen Impfungen sind Kreuzimpfungen - also die Kombination zweier unterschiedlicher Impfstoffe - nicht unnormal.

Mit ihrer Empfehlung geht die Stiko den sicheren Weg.
Martin Stürmer, Virologe

Warum sollte ich einen Impfstoff, der für eine bestimmte Gruppe ein erhöhtes, wenn auch niedriges Risiko mit sich bringt, ein zweites Mal verimpfen, wenn ich Alternativen habe? Falsch macht die Stiko mit der Entscheidung jedenfalls nichts.

ZDFheute: Aber solche Kreuzimpfungen sind für Corona-Impfstoffe noch gar nicht getestet. Und mRNA-Impfstoffe sind ganz neu auf dem Markt, es gibt zu ihnen also keine Langzeit-Erfahrungen.

Stürmer: Ich hätte mit einer soliden Studie zu gemischten Corona-Impfserien auch ein besseres Gefühl.

Meine Erfahrung als Virologe sagt mir aber: Ich sehe keinen Grund, warum man nicht solche Kreuzimpfungen machen sollte.
Virologe Martin Stürmer

Schwere Erkrankungen verhindern wir mit Vektor- und mit mRNA-Impfstoffen - höchstwahrscheinlich auch, wenn wir kreuzen.

Für mich stellt sich eher noch die Frage: Was ist der optimale Abstand zwischen den beiden Impfungen, sowohl was die Schutzwirkung als auch die Impfreaktionen angeht? Bei Astrazeneca wird ein Abstand von drei Monaten empfohlen, bei Biontech/Pfizer sind es drei Wochen.

ZDFheute: Die Stiko empfiehlt im Entwurf drei Monate zwischen erster Astrazeneca-Impfung und der zweiten Dosis mit einem mRNA-Impfstoff.

Stürmer: Da muss man schauen, ob man gegebenenfalls noch nachjustieren muss. Aber solche Anpassungen sind ganz normal.

ZDFheute: Der Stiko-Text wirkt wie ein weiteres Hin und Her - dabei ist es nicht mal eine klare Empfehlung, sondern nur ein Entwurf. Hat die Stiko ein Kommunikationsproblem?

Stürmer: Das mag auf Laien so wirken, aber für Fachleute sind diese Anpassungen total nachvollziehbar.

So funktioniert Wissenschaft und auch die Entwicklung von Impfstoffen.
Martin Stürmer, Virologe

Aus einer Studie folgt die Zulassung, im Alltag erfolgt die Feinjustierung, ob es nicht doch eine Patientengruppe gibt, wo ein Impfstoff sicherer ist als bei anderen. Es kann auch sein, das wir die Empfehlungen bei anderen Impfstoffen noch ändern müssen, wenn wir mehr Erfahrungen gesammelt haben - etwa Anpassungen bei bestimmten Grunderkrankungen.

ZDFheute: Wie können dann solche Entscheidungen besser vermittelt werden?

Stürmer: Vielleicht müssten Ministerien und Stiko noch plakativer und offensiver erklären, dass sie nicht willkürlich entscheiden, sondern die Gründe besser erklären.

Wegen der Empfehlung, Astrazeneca nur noch an Über-60-Jährige zu verimpfen, glühen in den Impfzentren und Service-Hotlines die Leitungen. Stornieren, umplanen, umbuchen - und vor allem: viele Frage beantworten.

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2 min
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ZDFheute: In Großbritannien läuft eine Studie zu Kreuzimpfungen. Nach einer ersten Impfung mit Astrazeneca wird eine zweite Dosis mit Biontech/Pfizer gespritzt - allerdings sind die Probanden älter. Hätte man die Ergebnisse nicht wenigstens abwarten sollen?

Stürmer: Noch ist das ja keine endgültige Empfehlung der Stiko, wie ich das verstehe. Und wir haben Anfang Februar das erste Mal in Deutschland mit Astrazeneca geimpft. Man hat also ohnehin noch etwas Zeit, bis die ersten, damals Geimpften, ihre zweite Dosis bekommen müssen.

Das Interview führte Julia Klaus.

*Die Aussage von Stiko-Chef Thomas Mertens wurde am 3.4.2021 ergänzt.

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