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Interview

Pandemie-Bekämpfung der Politik - Gabriel: Mehr auf Eigenverantwortung setzen

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Die deutsche Pandemie-Bekämpfung ist auf Schlingerkurs. Ein Philosoph erklärt, warum Vergleiche mit anderen Ländern nichts bringen und mehr Eigenverantwortung notwendig ist.

Zu sehen ist der Philosoph Prof. Dr. Markus Gabriel im Videointerview mit einer erklärenden Geste.
Beim Krisenmanagement der Bundesregierung plädiert Philosoph Gabriel für weniger staatliche Eingriffe.
Quelle: zdf

ZDFheute: Der kulturhistorische Umgang mit der Pandemie ist in allen Ländern anders. Warum?

Markus Gabriel: Nun ist es so, dass verschiedene Menschengruppen, und damit Kulturen, ganz verschiedene Werturteile haben; diese können sogar von Kiez zu Kiez unterschiedlich sein. Und deswegen ist es so, dass es nicht eine einzige sinnvolle und alternativlose Reaktion auf die Präsenz einer biologischen Gefahr im Sinne einer Pandemie geben kann. Das heißt, es gibt keine kultur- und wertfreie Lösung einer pandemischen Lage. Prinzipiell nicht.

ZDFheute: Warum ist der Vergleich von Ländern untereinander schwierig?

Gabriel: Es ist so, dass Nationalstaaten leider immer auch mit einer bestimmten Ideologie, also mit nationalistischen Selbstbildern von sich selbst, operieren. Dazu gehört zum Beispiel das inzwischen hoffentlich widerlegte, irrige Bild, dass wir in Deutschland so etwas wie Corona-Weltmeister sind. Wir sind Schlusslicht der Pandemie-Bekämpfung. Spanien beispielsweise ist durch den Winter erheblich besser gekommen als wir, und auch Portugal hat die riesige zweite Welle besser gemeistert.

Eine Pandemie ist ein globales Phänomen. Pandemie, von griechisch pandemios, heißt "alle Völker betreffend". Man kann eine Pandemie prinzipiell nicht nationalstaatlich lösen. Nationalstaatlich kann man Impfstoffe verteilen, Impfstoff-Zulassungen auf eine bestimmte Weise prüfen, Statistiken erheben, Gesundheitssysteme finanzieren, aber keine Pandemie überwinden.

ZDFheute: Warum ist das so?

Gabriel: Deutschland hat sich eingenistet in der Vorstellung seiner eigenen Überlegenheit. Das bedeutet, dass wir nicht bereit sind, von den Besten zu lernen. Ich sehe vieles im Einzelnen anders als sie, aber die NoCovid-Vertreter*innen haben zurecht darauf hingewiesen, dass wir uns an den Besten orientieren müssen und nicht am Mittelfeld oder sogar an den schlechtesten.

Deutschland sei kein Corona-Weltmeister, sondern im Gegenteil eher Schlusslicht in der Pandemie-Bekämpfung sagt Markus Gabriel. Warum ist das so?

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Ein Vergleich zum Beispiel mit dem US-Gesundheitssystem wäre vor der Pandemie unvorstellbar gewesen. Wir waren uns doch immer so sicher, dass unser Gesundheitssystem so viel besser sei als das amerikanische. Auf einmal vergleicht man sich aber mit diesem, statt mit dem von Japan oder Taiwan.

Das bedeutet konkret, dass wir auf Augenhöhe mit anderen Menschen, auch mit dem sogenannten globalen Süden, sein sollten. Es gibt einige Länder, auch in Afrika, die sehr viel erfahrener mit noch viel gefährlicheren Pandemien wie Ebola oder großen Aids-Ausbrüchen sind. Wir müssen lernen, von Menschen zu lernen, die wir aufgrund unserer nationalistischen Selbstüberschätzung, aufgrund eben auch unserer kolonialistischen Vergangenheit, leider zu gering schätzen. Ich glaube, was uns hier ins Fleisch schneidet, sind unsere eigenen Blindheiten und verwerflichen Vorurteile.

ZDFheute: Aktuell geht es sehr konfus zu - vergleichbar mit dem Passierschein A38 aus Asterix. Kommen wir da wieder raus?

Gabriel: Aus dem bürokratischen Gehedder, den vielen Widersprüchen, in denen wir uns verfangen haben, können wir wieder herauskommen, aber nur wenn wir mehr auf Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit der demokratisch geschulten Bürger*innen setzen. Wir brauchen eine andere Pandemie-Bekämpfung, die zum Beispiel nicht sagt, Maskenpflicht im Freien auf der Straße A, aber nicht auf der Straße B, aber nur von 10 bis 20 Uhr, aber nicht von 23 bis 9 Uhr. Man versteht nicht warum. Das sind zu viele Widersprüche.

Die Lösung ist aber nicht zu verschärfen, sondern die Menschen weiterhin darüber aufzuklären, welche Risiken für sie bestehen, damit die Menschen selbst ihre Risikoeinschätzung vornehmen. Wer der begründeten Meinung ist, an der Alster ohne Maske spazieren gehen zu wollen, der soll bitte auch ohne Maske spazieren gehen können. Das heißt, weniger staatliche Eingriffe in unsere freiheitliche Selbstbestimmung.

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Wir müssen aufhören zu glauben, dass die Landesregierungen in Kooperation mit der Bundesregierung diese Pandemie lösen können. Die Lösung der Pandemie liegt in der Hand der Vielen. Das heißt, in der Hand des Souveräns, und der Souverän im demokratischen Rechtsstaat sind wir alle. Das schließt selbstverständlich die Exekutive mit ein.

ZDFheute: Wir sollten also mehr auf Eigenverantwortung setzen?

Gabriel: Richtig. Der Fehler in einem Jahr Pandemie-Bekämpfung war, dass wir die Pandemie staatlich orchestriert, also durch Spitzenpolitik, lösen wollten. Das hat in der ersten Welle sehr gut funktioniert, in der zweiten spätestens nicht mehr. Das liegt daran, dass wir in der ersten Welle einfach nur Glück hatten, wie Christian Drosten uns auch sehr früh eingeschärft hat. Wir haben nichts Besonderes gemacht, wir hatten Glück.

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Jetzt in der zweiten Welle stellen wir fest, dass der Gedanke einer Top-Down-Lösung, von der Spitzenpolitik runter auf den Einzelnen, vollkommen gescheitert ist. Man muss sich nur die letzten sechs Monate anschauen, da hatten wir teilweise höhere Sterbezahlen - relativ auf 100.000 Einwohner - als Donald Trumps Amerika. Wenn das nicht Scheitern ist nach unseren eigenen Maßstäben, dann kenne ich kein Scheitern. Deswegen würde ich sagen, wir müssen umstellen auf Eigenverantwortung und insbesondere auf transdiziplinäre Forschung.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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