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Interview

Tübinger Fallzahlen steigen - Ist Ihr Modell gescheitert, Herr Palmer?

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Vom Vorzeigeprojekt zum Problemfall: In Tübingen steigen die Corona-Infektionszahlen rapide an. Oberbürgermeister Palmer verteidigt das Modell im ZDFheute-Interview dennoch.

Einige Menschen sitzen auf dem Tübinger Rathausplatz in Cafes
In Tübingen können Menschen überall in der Stadt kostenlose Corona-Tests machen.
Quelle: dpa

Es fing vielversprechend an: Vor rund zwei Wochen, beim Start des Modellprojekts "Öffnen mit Sicherheit", hatte Tübingen eine niedrige Coronavirus-Inzidenz. Am 18. März lag sie bei knapp 20. Doch mit Öffnung der Läden und Außengastronomie stiegen die Infektionszahlen. Sie steigen noch immer, inzwischen liegt die Inzidenz bei rund 90, die 100 werden wohl bald erreicht sein.

Das Vorzeige-Modell des Grünen-Oberbürgermeisters Boris Palmer war gerade erst bis Mitte April genehmigt worden, nun ist fraglich, ob es überhaupt weitergehen kann: Es müsse "geprüft werden, inwieweit das Projekt ausgesetzt werden muss", wenn die Inzidenzen weiter auf die 100 zugehen oder diese Marke überschreiten, heißt es auf Anfrage von ZDFheute aus dem baden-württembergischen Sozialministerium.

Viel testen, um die Inzidenz mittelfristig zu senken - das ist das "Böblinger Modell". Mindestens zwei Corona-Schnelltests pro Woche kann jeder bekommen.

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Sozialministerium: "Selbst das Bundeskanzleramt schaut auf uns"

Der Sprecher sagte, Tübingen sei zu einem bundesweiten Pilgerort für Shopping-Touristen geworden, "selbst das Bundeskanzleramt schaut auf uns". Palmer hat nun einen Zwischenbericht erstellt, der dem Sozialministerium vorliegt. Das Ministerium muss nun entscheiden, ob die Ausnahmegenehmigung für das Modellprojekt weiter erteilt wird. Das werde aber nicht nur vom Inzidenzwert abhängig gemacht, so der Sprecher.

Weitere Modellprojekte wird es in Baden-Württemberg vorerst nicht geben - solche Öffnungen seien angesichts steigender Inzidenzen "vorerst nicht angebracht", hieß es aus Stuttgart. Boris Palmer verteidigt das Modellprojekt im ZDFheute-Interview weiterhin.

ZDFheute: Herr Palmer, heute vor einer Woche lag die Inzidenz in Tübingen noch bei 34. Jetzt bei rund 90, sie geht stark auf die 100 zu. Ist Ihr Modellprojekt gescheitert?

Boris Palmer: Nein. Wir sind in Deutschland sehr schnell mit so einem Urteil: Erst wird es als bundesweit vorbildlich gelobt. Jetzt werde ich gefragt, ob alles gescheitert ist. Richtig wäre es, sich einmal die Zahlen genauer anzuschauen. Die formale Inzidenz von Tübingen kann man mit dem Rest der Republik nicht mehr vergleichen. Denn: Wer viel testet, findet viel.

Tübinger OB Boris Palmer. Archivbild
Tübinger OB Boris Palmer: Wer viel testet, findet viel. (Archivbild)
Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

ZDFheute: Wie hat sich die Inzidenz durch die zusätzlichen Tests denn verändert?

Palmer: Zunächst einmal haben wir die Ausgangs-Inzidenz von 34, die ist ja nicht verschwunden. Dann kommen 20 obendrauf, die wir nicht hätten ohne Test-Stationen, weil die Leute gar nicht entdeckt worden wären. Und wir hatten einen Ausbruch in der Landeserstaufnahmestelle für Geflüchtete, der dort hinter Stacheldraht stattfindet. Auch das hat die Inzidenz um mindestens 15 nach oben getrieben. Und dann bleibt noch eine Differenz von 20 für die Stadt übrig, die noch nicht aufgeklärt ist. Und dafür halte ich das normale Infektionsgeschehen in Deutschland für eine ausreichende Erklärung.

ZDFheute: Ihre Pandemiebeauftragte Lisa Federle wird zitiert mit den Worten, die Menschenansammlungen in der Stadt seien "furchtbar". Glauben Sie nicht, dass es einen Einfluss auf die Inzidenzen hat, wenn sich plötzlich so viele Menschen in der Stadt tummeln?

Palmer: Das tun die aber erst seit Montag. Das kann in der Inzidenz noch gar nicht drin sein, dafür ist die Inkubationszeit zu lang.

Was Frau Federle zu Recht besorgt, ist die Impertinez von auswärtigen Gästen, die hier rumgeturnt sind, Party gemacht haben und ungetestet durch die Stadt gegangen sind, weil die Schlange zu lang war - und ohne Maske gefeiert haben.
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

Und deswegen haben wir das beendet und die Auswärtigen nach Hause geschickt. Das was gestern war, ging ganz sicher nicht.

Tübingen geht einen Sonderweg in der Pandemiebekämpfung. ZDF-Reporterin Sandra Susanke spricht mit einer Café-Betreiberin, einer Notfallärztin und dem Oberbürgermeister.

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ZDFheute: Seit heute gibt es keine Tagestickets mehr für Auswärtige, Sie sagen mittlerweile "zu viele auswärtige Gäste zerstören das Tübinger Infektionsgeschehen".

Palmer: Richtig.

ZDFheute: Nun hatten Sie dieses Projekt immer wieder als Erfolgsmodell gefeiert, in den Medien und bei Facebook Werbung gemacht. Da müssen Sie sich doch nicht wundern, wenn alle Welt zu Ihnen kommen will, zum Shoppen und Kaffee trinken - und dann die Infektionszahlen steigen.

Palmer: Wenn Sie meine Facebook-Posts anschauen, werden Sie feststellen, dass ich seit einer Woche immer wieder gesagt habe: Auswärtige, bleibt weg! Wir empfangen Gäste gerne, aber erst wieder, wenn die Pandemie vorbei ist.

Ich hätte Sie hören wollen, wenn ich vor einer Woche gesagt hätte "Tübingen den Tübingern" - dann hätt's ja wohl geheißen, der hat sie nicht alle an der Waffel - mit Bundesmitteln macht der sich ein schönes Leben und die anderen sollen draußen bleiben ...
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

So ein Versuch geht nur, wenn man jeden Tag die Situation wieder neu bewertet. Das machen wir. Dabei macht man auch Fehler. Aber wir haben die Lage wieder unter Kontrolle gebracht. Und die These, dass das Infektionen verbreitet hat ist nicht belegt.

ZDFheute: Sie waren mit Tübingen Vorbild für Kommunen überall in Deutschland. Was sagen Sie denen jetzt? Sorry, lasst es lieber? Oder halten Sie daran fest, dass das Modellprojekt eine gute Idee ist?

Palmer: Weder noch. Ich sag das gleiche wie vorher: Das ist ein Versuch. Das Ergebnis kennen wir nicht, sonst müssten wir den Versuch nicht machen. Aber mit Stand heute gibt es keinen Grund, ihn abzubrechen.

Das Interview führte Oliver Klein. Dem Autor bei Twitter folgen: @OliverKlein

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