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Interview

Rückkehr an die Uni : "Aufbruch in ein neues Normal"

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Vier Corona-Semester liegen hinter den deutschen Unis. Diese Zeit hat "tiefe Stimmungslöcher", aber auch "ganz neue Freiheiten" mit sich gebracht, so Bildungsexpertin Evelyn Korn.

Studierende sitzen in einem Hörsaal
Volle Hörsäle sollen spätestens im Sommersemester wieder normal sein.
Quelle: dpa

ZDFheute: In Ihrer Arbeit als Professorin und Vizepräsidentin der Uni Marburg stehen Sie im engen Austausch mit vielen Menschen. Wie geht es den Leuten im Uni-Betrieb nach vier langen Corona-Semestern?

Evelyn Korn: Uns beschäftigt sehr, wie junge Menschen auf ihrem Übergang ins Erwachsenenleben in der Corona-Krise lange von der Politik vergessen worden sind. Wenn die Bildung wie vielfach proklamiert wirklich das höchste Gut wäre, dann hätte das Bemühen um ein Offenhalten von Schulen und Hochschulen eine viel höhere Priorität haben müssen.

ZDFheute: Was hat die Uni Marburg unternommen, um die Studierenden in dieser schweren Zeit zu unterstützen?

Korn: Wir haben uns sehr bemüht, ein offener Ort zu bleiben. Wir hatten im März 2020 zwar die vier Wochen Lockdown, wo alles dicht war, aber danach haben wir die Gebäude soweit möglich wieder geöffnet, um die Uni den jungen Leuten als sozialen Ort zurückzugeben. Das ist an vielen anderen Hochschulen auch so gewesen.

ZDFheute: Trotzdem mussten Studierende überall in Deutschland für lange Zeit allein daheim studieren. Was hat das mit ihnen gemacht?

Korn: Vielen ging es schlecht. Sie sind in tiefe Stimmungslöcher gefallen. Unter anderem, weil ihnen der soziale Austausch gefehlt hat.

Sie haben sich verantwortungsbewusst in eine Art Selbstisolation begeben, um besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen zu schützen.
Evelyn Korn, Professorin Uni Marburg

Dafür gebührt ihnen ein großer Dank. Um Studierenden in schwierigen Situationen zu helfen, haben wir die psychosozialen Beratungsangebote erweitert. Ich gehe davon aus, dass wir diese Kapazitäten noch einige Zeit benötigen werden, weil vielen die Pandemie-Erfahrung noch tief in den Knochen steckt.

Die Hoffnung war groß auf mehr Präsenz an den Universitäten. Doch auch das vierte Semester verbringen viele Studenten in digitaler Isolation. Eine starke Belastung.

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ZDFheute: Inzwischen lockert die Politik die Corona-Maßnahmen. Wie wirkt sich das auf den Uni-Betrieb aus?

Korn: Wie in anderen Universitäten wollen wir in Marburg im Sommersemester wieder völlig zur Präsenzlehre zurückkehren.

Es herrscht gerade so etwas wie eine vorsichtig-freudige Aufbruchstimmung in ein neues Normal.
Evelyn Korn, Professorin Uni Marburg

Dabei müssen wir aber auch dafür sorgen, dass etwa durch Vorerkrankungen vulnerable Menschen mitkommen können und nicht allein zurückgelassen werden. Ohne Masken in Innenräumen wird es deshalb wohl vorerst nicht gehen. 

ZDFheute: Bedeutet eine Rückkehr zur Präsenzlehre ein Herunterfahren des digitalen Angebots oder gehen beide Formen eine neue Symbiose ein?

Korn: Ich beobachte eine enorme Innovationsfreude an den Hochschulen. Ich erlebe sie derzeit als Orte des Aufbruchs. Das sehen wir in der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gerade mit Blick auf Digitalisierungsprojekte im ganzen Land. Die Kombination aus Präsenz- und Digitallehre bietet ganz neue Freiheiten.

Wir haben jetzt einen viel volleren Besteckkasten, um die Lehre je nach Bedürfnissen sinnvoll auszugestalten. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass Hochschulen als soziale Orte erhalten bleiben. Würden wir nur noch auf digitale Lehre setzen, würden wir vielleicht Gefahr laufen, junge Menschen unterwegs zu verlieren.

Anderthalb Jahre haben Studierende ihre Uni nicht von innen gesehen, im Wintersemester 2021/2022 sind Präsenzveranstaltungen wieder möglich.

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ZDFheute: Wie nutzen Sie persönlich dieses "neue Besteck"?

Korn: Ich unterrichte theoretische Volkswirtschaftslehre, also keine ganz leichte Kost. In der Pandemie habe ich meine Vorlesungen in kurze Online-Videoclips aufgeteilt. Als Feedback kam, dass das doch sehr praktisch sei, sich das Material zur selbst gewählten Zeit anschauen und auch mal zurückspulen zu können. Fragen habe ich dann per Videoschalte beantwortet. Letzteres machen wir künftig hoffentlich wieder in Präsenz.

ZDFheute: Sie haben erwähnt, dass Sie Universitäten derzeit als Orte des Aufbruchs erleben. Geht das über die Lehre hinaus?

Korn: Ich erlebe es so, dass Hochschulen in einer aufgewühlten Zeit mit starken gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen ihre große gesellschaftliche Verantwortung sehr bewusst wahrnehmen. Das geht los bei den Fragen: Wie diskutieren wir miteinander? Wie können wir einen Raum für Fakten und wissenschaftsbasiertes Argumentieren schaffen? Wie gehen wir mit anderen Meinungen um? Da sehe ich viel Lebendigkeit, viel Schwung, das ist toll.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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von Moritz Baumann

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