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Priesemann vs. Streeck : Das Experten-Streit-Virus

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Wie besiegen wir die Corona-Pandemie? Physikerin Viola Priesemann und Virologe Hendrik Streeck berieten das niedersächsische Parlament - mit sehr unterschiedlichen Positionen.

Viola Priesemann, Hendrik Streeck
Viola Priesemann, Hendrik Streeck
Quelle: ZDF/dpa

Wie lange müssen wir auf das normale Leben verzichten, um die Ansteckungszahlen dauerhaft zu senken? Wie weit wird die Geduld der Deutschen reichen? Wo kommen all die neuen Infektionen eigentlich her? Wenn Antworten auf der Hand lägen, müssten sich nicht alle paar Wochen Ministerpräsidenten und Kanzlerin treffen und gemeinsam im Nebel stochern. Für den Virologen Hendrik Streeck zumindest bleibt es der Kampf gegen eine Nebelwand: "Wir treffen weitreichende Entscheidungen auf breitem Unwissen".

Während Angela Merkel und die Länderchefs sich vor ihren Entscheidungen am Dienstag wieder von führenden Wissenschaftlern "briefen" lassen, ziehen auch die Länderparlamente Experten zu Rate. Einem Sonderausschuss Corona standen in Niedersachsen die Göttinger Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann und der Bonner Professor Streeck Rede und Antwort - und beide vertraten klare und in Teilen sehr unterschiedliche Positionen. Wir haben sie zusammengefasst:

Sind noch schärfere Anti-Corona-Maßnahmen wirklich nötig?

Viola Priesemann: Ja. Wir haben nur ein kurzes Zeitfenster, um die Infektionszahlen runterzubringen. Es ist jetzt eine Frage von ganz oder gar nicht. Lieber vier Wochen härtere, aber wirkungsvolle Maßnahmen, statt vier Monate so weitermachen. Damit wir so schnell wie möglich die Schulen wieder sicher aufmachen können. Eine halbe Sache wäre weder eine Strategie noch mittelfristig eine Erleichterung.

Hendrik Streeck: Nicht unbedingt. Dafür wissen wir zu wenig darüber, was wirklich wirkt und wie. Was nützt uns ein fragiler Gewinn durch einen harten Lockdown? Wir müssten viel mehr kooperativ die Wirkungszusammenhänge erforschen. Es gibt unglaublich viele Einzelstudien, ohne dass bisher die Ergebnisse vernünftig zusammengebunden oder die Anstrengungen kombiniert würden. Wir bräuchten längst einen von der Bundesregierung benannten Forschungskoordinator für Corona.

Warum soll das Ziel unbedingt sein, auf einen Schnitt von 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Menschen zu kommen?

Viola Priesemann: Weil die Gesundheitsämter dann wieder eine Chance der Nachverfolgung haben. Im Frühjahr wird uns wahrscheinlich ein saisonaler Effekt helfen, aber der wird durch schneller ansteckende Mutationen wahrscheinlich auch gleich wieder aufgehoben. Je niedriger die Zahlen, desto besser halten wir sie im Griff. Bei einem Reproduktionswert von 0,9 (ein Mensch steckt rechnerisch knapp unter einem Menschen an) halbieren wir die Fallzahlen in einem Monat - bei einem R-Wert von 0,7 halbieren wir die Fallzahlen in einer Woche.

Hendrik Streeck: Der 50er-Wert war und ist eine politische Entscheidung. Mir wäre lieber, wenn wir klären würden, wie viele Neuinfektionen verkraftbar sind. Wie viele sind zu viele, in der jeweiligen Situation und Saison? Bei Schweinen, die auch an Coronaviren erkranken, haben wir festgestellt, dass die saisonalen Effekte in jedem Jahr immer in ähnlicher Weise kommen und gehen. Die Infektionszahlen sind mal hoch, mal niedrig. Warum, wissen wir allerdings bis heute nicht.

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Woher kommen denn die Infektionen wohl, deren Spur man inzwischen verloren hat?

Viola Priesemann: Wir wissen es nicht. Aber eine Hauptansteckung findet sicher im Familienrahmen statt, in den Haushalten. Indem wir Mobilität eingrenzen, können wir dafür sorgen, dass es sich dann nicht sofort sehr weit weiterverbreitet. Ich bin aber dafür, dass man sich einen Partnerhaushalt suchen kann, mit dem zusammen man durch diese Zeit geht. So lässt sich zum Beispiel die Kinderbetreuung auf mehrere Schultern verteilen.

Hendrik Streeck: Auch hier fehlen uns leider verwertbare Daten. Warum haben die Gesundheitsämter nicht vor Monaten begonnen, nach den Berufen der Infizierten zu fragen? Oder ob sie in Großraumbüros arbeiten? Wir wollen Menschen auseinanderziehen, aber indem wir sie in die Wohnungen verbannen, sorgen wir dann doch dafür, dass sie sich heimlich treffen und anstecken.

Welche Maßnahmen sollten unbedingt umgesetzt werden - und wann sehen wir Licht am Ende des Tunnels?

Viola Priesemann: Schnelltests in Firmen sind nötig. Mehr Tests, mehr Impfungen, mehr Erfahrungen bedeuten, dass es in den kommenden Monaten immer leichter werden wird, mit dem Virus umzugehen. Wir müssen die Zeit jetzt nutzen, um die Kontrolle wiederzubekommen.

Hendrik Streeck: Wir brauchen das Skalpell, nicht den Hammer. Bei der Nachverfolgung müssen wir mehr auf die Eigenverantwortung der Menschen pochen. Ich habe zu Anfang der Pandemie gesagt, wir müssen mit dem Virus leben lernen. Jetzt würde ich es so formulieren: Wir werden nicht mehr ohne das Virus leben. Sars-CoV-2, von dem es schon 4.000 Mutationen gibt, verhält sich bisher ähnlich wie seine Verwandten. Und wenn es sich im Laufe der Zeit abschwächt, werden wir mit ihm auch leben können.

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