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Interview

Risklayer zu Corona-Daten - "Die Zahlen werden weiter steigen"

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Nach über einem Jahr Pandemie hat Deutschland beim Sammeln von Corona-Zahlen wenig dazugelernt. Risklayer-Chef Daniell, der mit Freiwilligen Daten aufbereitet, über die Gründe.

Zwei Passantinnen gehen in einer Fußgängerzone hinter einem Schild vorbei, auf dem «Maskenpflicht» steht, aufgenommen am 21.10.2020 in Heilbronn
Fußgängerzone in Heilbronn (Archivfoto Oktober 2020)
Quelle: dpa

Hinweis in eigener Sache: ZDFheute verwendet für viele seiner Corona-Grafiken Zahlen der Firma Risklayer, die zusammen mit Mitarbeitern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mehrmals täglich Zahlen direkt aus Veröffentlichungen der Gesundheitsämter der Städte und Kreise sammelt.

ZDFheute: Sie schätzen eigentlich Schäden von Naturkatastrophen ab. Inwieweit hilft Ihnen das jetzt bei Corona?

James Daniell: Es ist jedes Mal gleich: Daten kommen auf lokaler Ebene rein und werden auf nationaler Ebene kumuliert. Manche Länder haben das verstanden, es gibt Datenaustausch und Systeme, die das zusammenfassen. Leider haben wir während Corona erfahren, dass es in Deutschland anders ist. Hier gab es zu Beginn der Pandemie nur eine Liste mit ein paar Kreisen.

ZDFheute: Warum ist das in Deutschland so?

Ich glaube, Deutschland hat bislang einfach nicht mit so vielen Katastrophen zu tun gehabt.
James Daniell

Daniell: Deshalb gibt es weniger Verständnis dafür, dass es während einer landesweiten Katastrophe, was Corona eigentlich ist, ein besseres System zum Austausch zwischen Bundesländern und Kreisen bräuchte. Konkrete Daten gibt es daher nur, wenn die Kreise diese auch wirklich übermitteln. Dann werden sie beim RKI gesammelt, das dauert alles.

ZDFheute: Was machen Sie anders als das RKI, das auf behördlich gemeldete Daten wartet?

Daniell: Wir sind rund zwölf Freiwillige und sammeln die Daten direkt von den Webseiten der Kreise. Am Anfang waren wir nur zu zweit - wir dachten, wir müssten das nur drei Wochen machen. Niemals hätte ich geglaubt, dass es 13 Monate später immer noch so ist, weil es immer noch nicht alle Daten aktualisiert und zusammengefasst auf Bundesebene gibt. In einer schnelleren Katastrophe wie bei einem ein Erdbeben wäre das sehr problematisch.

ZDFheute: Sie kümmern sich hauptberuflich um Naturkatastrophen, das Risklayer erstellen Sie nebenbei, ist das richtig?

Daniell: Ja, wir machen unsere normale Arbeit und machen das nebenbei in Kaffeepausen und nach der Arbeit abends, weil es uns wichtig ist. Ich sammele Daten, seit ich ein Kind bin - meine Mutter ist Historikerin und mein Vater ein Hochwasseringenieur, so habe ich über Jahre die größte Naturkatastrophen-Datenbank der Welt gesammelt. Es lässt sich vieles davon auf Corona ableiten.

ZDFheute: Wie wichtig ist Schnelligkeit?

Daniell: Sehr wichtig. Es geht um die Pause, die entsteht, nachdem die Daten reingekommen sind und bis wann sie an die Politik übermittelt werden. Wenn die Daten nicht schnell kommen, haben die Entscheidungsträger nicht die entsprechenden Infos und können nicht reagieren. Das ist wichtig für die Zukunft, um Mutationen schnell eingrenzen zu können.

ZDFheute: Wie sind Sie mit dem Meldeverzug über Ostern umgegangen?

Daniell: Wir waren davon auch betroffen. Aber einige Kreise hatten trotzdem ans Land gemeldet, so konnten wir darüber die Daten einholen. Dieses Problem gab es bereits über Weihnachten.

Das ist schon interessant in Deutschland: Dass so getan wird, als würde eine Katastrophe einfach mal Pause machen.
James Daniell

Ab Mittwoch oder Donnerstag sind die Zahlen aber wieder voll aussagekräftig.

ZDFheute: Wieso ließ sich über Weihnachten eine Entspannung der Zahlen beobachten und über Ostern nicht?

Daniell: Wir haben nun vor allem einen starken Einfluss durch die B.1.1.7-Mutation, sie ist viel schneller übertragbar. Zudem werden in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern viel weniger PCR-Tests gemacht, sodass wir nicht alle Fälle erfassen und nachverfolgen können.

ZDFheute: Wieso wird parallel die Toleranzgrenze der Inzidenz immer weiter nach oben gehängt?

Daniell: Es gibt unter anderem aus Datenschutzgründen nicht ausreichend Kontaktverfolgung - und die Gesundheitsämter sind überlastet. Vermutlich verstehen Entscheidungsträger auch nicht alle Veränderungen der Zahlen und haben Druck, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Es ist in Katastrophen aber nicht möglich, alle glücklich zu machen.

Es helfen nur datenbasierte einheitliche Entscheidungen, zudem verstehen viele die unterschiedlichen Regeln nicht mehr.
James Daniell

ZDFheute: Was ist Ihre Prognose, wenn Sie jetzt auf die Zahlen schauen?

Daniell: Die Zahlen werden weiter steigen und es kommt auf die politischen Maßnahmen an, die nun getroffen werden. Werden Schulen und Kitas geschlossen, wird es mehr Homeoffice geben, weniger Kontakte im Privaten? Wenn dies nicht passiert und weitere Mutationen hinzukommen, werden die Zahlen weiter ansteigen. Es ist wie bei einem Erdbeben: Du musst die Menschen aus den Häusern bekommen, bevor es ein weiteres Nachbeben gibt.

Das Interview führte Alica Jung

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