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Sie funktioniert - aber sie wirkt nicht

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Kommentar zur Corona-Warn-App - Sie funktioniert - aber sie wirkt nicht

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Die Erwartungen an die Corona-Warn-App waren hoch. Zu hoch, wie sich mittlerweile zeigt. Sie funktioniert technisch. Aber sie wirkt nicht. Die Bundesregierung feiert sich trotzdem.

100 Tage nach dem Start der Corona-Warn-App gibt es eine Zwischenbilanz. Die App funktioniert technisch zwar gut, jedoch wird sie aktuell noch nicht von genügend Menschen genutzt.

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Sie freuen sich wie die Eltern eines Kindes, das endlich läuft. Ihr Kind, die Corona-Warn-App, wurde in den ersten 100 Tagen mehr als 18 Millionen Mal auf deutschen Handys installiert. Die App muss datenschutzrechtlich niemandem mehr Angst einjagen. Europaweit ist sie einmalig, von Bund, Telekom und SAP so rasch entwickelt, wie es kaum jemand ihnen zugetraut hätte. Die Fehler wurden behoben.

Also freuen sich heute alle: "Mit Abstand" die beste App, sagt Gesundheitsminister Spahn. "Eine Erfolgsgeschichte", findet Staatsminister Braun. Ein "digitaler Leuchtturm", so Telekom-Vorstandschef Höttges.

Doch so ist das mit den Kindern: Da macht und tut man, und dann laufen sie nicht in die Richtung, die Eltern sich so vorgestellt haben. 18,4 Millionen Downloads sagen gar nichts, wenn die App unbenutzt auf dem Handy schlummert. Und wenn die Zahl derjenigen, die ihr positives Testergebnisse auf Corona zur Warnung ihrer Kontakte in der App melden, verschwindend gering bleibt.

Maximal zehn Prozent melden Ergebnis

So ganz genau weiß man es wegen der zurecht gewollten datenschutzrechtlichen Zurückhaltung nicht. Aber mehrere Berechnungen kommen zu dem Schluss: Sowohl digital als auch per Teletan haben maximal zehn Prozent der Getesteten ihr positives Ergebnis gemeldet, damit andere durch die App gewarnt werden konnten.

Im Juni 2020 ging die deutsche Corona-Warn-App an den Start. Alles in allem funktioniert die Kontaktnachverfolgung mit der App – trotzdem gibt es noch einige Baustellen, die behoben werden müssten. Eine Bilanz nach drei Monaten.

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Mit diesem mauen Ergebnis kann man auf drei Arten umgehen. Man kann sich wie Gesundheitsminister Spahn freuen: "Das ist doch schon sehr viel!" Wenn jeder der 5.000 vielleicht 20 Kontakt habe, wären schon 100.000 Menschen gewarnt worden.

Man kann es wie Kanzleramtsminister Braun relativieren: Mit den analogen Methoden wäre alles noch viel langsamer. Oder man kann es wie Staatsministerin Bär und die Vertreter von SAP und Telekom mit der moralischen Keule verbinden. Sein Ergebnis hochzuladen sei ein "Liebesbeweis" an seine Nächsten, sagt Bär. Es sei "moralische Pflicht", sagt Jürgen Müller von SAP, eine "Akt der Solidarität", findet Telekom-Chef Höttges.

Man könne sich aber auch ehrlich machen: Wenn so wenige die App nutzen, dann wirkt sich nicht und ist auch keine Erfolgsgeschichte. Das Vertrauen, dass die mehr als 18 Millionen Downloader als Vorschuss gegeben haben, ist völlig verpufft.

Keine Entlastung für Ämter, der Haken ...

Vielleicht weil nicht alle Labore angebunden sind und manchen das ganze Verfahren viel zu aufwändig ist. Weil ein Formular nötig ist, um mit einem kleinen Häkchen die Einwilligung zur Weitergabe des Testergebnisses an die App erteilt werden muss. Weil man oft gar nicht weiß, was man nach einer Warnung in grün nun machen soll.

Weil Android-Nutzer weniger als Apple-Nutzer erreicht werden und die mit älteren Handymodellen gar nicht. Weil die Probleme, warum die App im Öffentlichen Nahverkehr kaum funktioniert, nicht behoben sind. Und weil im Winter der Bluetooth-Austausch zwischen den Kontakten durch dicke Daunenjacken noch fraglicher wird.

Und schließlich: Weil die Gesundheitsämter, die die Kontakte der Infizierten nachverfolgen müssen, durch die App bislang so gut wie gar nicht entlastet werden.

Die Erwartungen waren überzogen

Die Erwartungen an diese Warn-App waren von Anfang an völlig überzogen. Es war die Bundesregierung selbst, die sie geschürt hat. Eine Pressekonferenz 100 Tage nach der Einführung der App, bei der man Probleme wegredete und sich selbst nur feiert, macht es alles nicht besser, sondern noch schlimmer.

Wenn die Bundesregierung auch durch die App die Infektionszahlen im kommenden Herbst und Winter beherrschbar halten will, hat sie viele Aufgaben. Vertrauen zurückgewinnen muss die erste sein. Weniger Rumstrunzen die zweite.

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