ZDFheute

"Corona könnte alles Erreichte zerstören"

Sie sind hier:

Pandemie in Afrika - "Corona könnte alles Erreichte zerstören"

Datum:

Die Corona-Krise könnte Afrika noch schwerer treffen, als die Zahlen vermuten lassen. Wissenschaftler Robert Kappel meint, das Virus könnte den Kontinent sogar weit zurückwerfen.

Archiv: Bewohner drängen durch ein Tor, während einer geplanten Verteilung von Nahrungsmitteln, aufgenommen am 10.04.2020 in Kenia, Nairobi.
Bewohner in Kenias Hauptstadt Nairobi drängen während einer geplanten Verteilung von Nahrungsmitteln durch ein Tor (Archivbild).
Quelle: dpa

ZDFheute: Die Infektionszahlen sind auf dem afrikanischen Kontinent eher niedrig, aber sehr unterschiedlich. Woran liegt das?

Robert Kappel: In ganz Afrika wird extrem wenig getestet. Wir kennen die Infektionslage schlicht nicht. Die Corona-Pandemie hat zunächst vor allem Länder getroffen, die relativ gut an die globale Wirtschaft angeschlossen sind, und hier vor allem die Ballungsräume. Dort ist der Waren- und Menschenaustausch mit bereits stärker infizierten Ländern intensiver.

ZDFheute: Wie sind die afrikanischen Gesundheitssysteme für die Pandemie gerüstet?

Kappel: Man ist da weitgehend hilflos. Es gibt kaum Beatmungsgeräte und Ärzte, keine Masken und in vielen Orten nicht einmal Krankenhäuser. Dort gibt es nur kleine Krankenstationen, die die Menschen gerade mit dem Allernötigsten versorgen können.

In ganz Malawi mit 19 Millionen Einwohnern gibt es nur 50 Ärzte - so viele wie in Birmingham.

ZDFheute: Woran liegt diese Unterversorgung?

Kappel: Es rächt sich, dass viele Länder in den 1990er Jahren aufgrund ihrer Überschuldung vom Internationalen Währungsfonds einen strengen Sparkurs verordnet bekamen und ihre schwachen Gesundheitssysteme nicht ausgebaut haben.

ZDFheute: Müssen wir also mit einer Katastrophe rechnen?

Kappel: Eine Pandemie ist kein Automatismus. Wenn die lokalen Gesundheitsorganisationen den Menschen vermitteln können, wie sie sich verhalten sollen, können sie auch mit geringen Mitteln etwas gegen das Virus erreichen. 

Das hat sich auch bei Ebola-Ausbrüchen gezeigt: Da muss man auf die Innovationskraft der Menschen vor Ort bauen.

Hilfsorganisationen befürchten, dass in Afrika wegen der Corona-Pandemie die Bekämpfung anderer Krankheiten - wie Malaria oder Masern – massiv beeinträchtigt wird. Ein Bericht aus Kenia und dem Kongo.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDFheute: Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Corona-Krise für Afrika?

Kappel: Die ILO (Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen, die Redaktion) rechnet damit, dass durch die Pandemie 20 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen und weitere 110 bis 120 Millionen Menschen in Armut geraten könnten.

Durch die Lockdowns in den entwickelten Ländern sind viele Menschen nicht mehr einkaufen gegangen, was beispielsweise der äthiopischen Textilindustrie enorm geschadet hat. In den Städten fallen Jobs für die Mittelschicht weg, was wiederum viele weitere Jobs im informellen Sektor gefährdet.

Ein Computermodell des Coronavirus

Nachrichten | In eigener Sache -
Jetzt das ZDFheute Update abonnieren
 

Sie wollen morgens und abends ein praktisches Update zur aktuellen Lage? Dann abonnieren Sie unser ZDFheute Update.

ZDFheute: Sind ländlichere Gegenden weniger gefährdet?

Kappel: Auf dem Land können die Bauern und Kleinbauern wegen der Transporteinschränkungen ihre Waren nicht mehr verkaufen.

80 Millionen Menschen sind akut von "Ultra-Armut" bedroht, das heißt, ihre Ernährungssicherheit ist nicht mehr gegeben.

Hinzu kommt, dass viele im Westen lebenden Migranten ihre Jobs verloren haben und kein Geld mehr nach Hause schicken können. Ganze Familien hängen von diesen Zahlungen ab und stehen nun vor dem Nichts.

Afrika muss nun nicht nur eine Gesundheitskrise bewältigen, sondern auch noch eine gesellschaftliche Krise, deren Auswirkungen viel schlimmer sein könnten als das Virus. Corona könnte alles, was in den letzten 20 Jahren erreicht wurde, wieder zerstören.

Das Interview führte Doris Ammon, Redakteurin beim Wirtschaftsmagazin makro.

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Das Netcare Sunninghill Hospitla in Südafrika ist eines von vielen afrikanischen Krankenhäusern, die unter den steigenden Coronazahlen leiden. 09.07.2020.

Nachrichten | heute journal -
Corona-Virus trifft Südafrika hart
 

Seit Wochen steigt die Zahl der Neuinfektionen, in der Spitze sind es bis zu 10.000 pro Tag. Das Land ist der Corona-Hotspot Afrikas. Um einen Kollaps der Wirtschaft zu …

von Sandra Theiß
Aerosole in Innenräumen

Nachrichten | heute - in Deutschland -
Aerosole in Innenräumen
 

Forscher der TU Berlin untersuchen, wie groß die Gefahr einer Corona-Infektion in geschlossenen Räumen sein …

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.