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Instinkt und Gesetz - Cummings unterläuft die Pandemie-Vorschriften

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Der Skandal will nicht verebben. 59 Prozent der Briten finden, Boris Johnsons Chefberater Cummings müsse gehen. Der Vorwurf: während des Lockdown Vorschriften gebrochen zu haben.

Archiv: Dominic Cummings beantwortet Fragen der Reporter im Garten der Downing Street 10.
Archiv: Dominic Cummings beantwortet Fragen der Reporter im Garten der Downing Street 10.
Quelle: dpa

Es war eine extrem ungewöhnliche Pressekonferenz im Rosengarten von Downing Street. Normalerweise treten Regierungsberater nicht in die Öffentlichkeit. Dominic Cummings aber, im hochgekrempelten Hemd betont lässig, las zunächst eine Erklärung vor und beantwortete dann eine Stunde lang Fragen der britischen Presse.

Eine Reise trotz Ausgangssperre

Es ging um Pinkelpausen, Tankfüllungen und Sehstörungen, übergeordnet aber darum, ob die Regierung von ihren Bürgern mehr verlangt als von ihren eigenen Mitgliedern. Ende März war der 48-jährige Tech- und Effizienzfreak Cummings mit seiner an Corona erkrankten Frau und dem gemeinsamen vierjährigen Kind von London ins 430 Kilometer entfernte Durham gefahren.

Es war kurz nachdem Boris Johnson eine relativ strikte Ausgangssperre verhängt hatte, das Gebot lautete denkbar eindeutig: Stay Home. Ausnahmen gab es nur für Einkäufe, die Versorgung kranker Menschen und einmal am Tag Sport. Wer Symptome zeigte, musste und muss sich für 14 Tage von der Außenwelt abschirmen.

Dominic Cummings aber, wie er im Rosengarten offenbar auf Mitleid hoffend berichtete, befürchtete, selbst an Corona zu erkranken – was er später auch tat – , hatte Sorge darum, wer sich dann um das Kind kümmern könnte und packte also Frau und Kind ins Auto, um sich in einem separaten Gebäude auf dem Anwesen seiner Eltern zurückziehen zu können, wo eine Schwester und Nichte im Notfall zur Stelle gewesen wären.

Premierminister Johnson gerät wegen seiner Unterstützung für seinen Chefberater Cummings zunehmend unter Druck. Cummings soll gegen die Ausgangsbeschränkungen verstoßen haben.

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Regeln befolgen - oder Instinkten folgen

Der Premier hatte Cummings am Sonntag verteidigt. Angestrengt und ungewöhnlich spitz beantwortete er die Fragen der Presse. Sein Berater habe "verantwortlich, rechtskonform und integer" gehandelt, und er sei "den Instinkten eines jeden Vaters gefolgt".

Genau da aber liegt das Problem. Warum sich an Regeln halten, so fragen sich nun viele Briten, wenn die Oberen ihren Instinkten folgen dürfen? Tausende haben in den vergangenen Wochen ihre kranken Angehörigen nicht besucht, den Abschied von sterbenden Eltern verpasst, sind Beerdigungen ferngeblieben, haben also sehr schmerzliche Entscheidungen getroffen, um sich an die Regeln zu halten.

Viele tausend Eltern waren krank, oft mit nicht nur einem Kind und sind trotzdem nicht durchs ganze Land gereist, um sich komfortabel versorgen zu lassen. Der Vorwurf an Cummings lautet daher nicht nur auf Regelverstoß, sondern auch Arroganz.

Cummings verteidigt sich weiter

Der Mann, der die Regeln mit aufgestellt hat, glaubt, er habe es nicht nötig, sie zu befolgen. Und schlimmer noch: sein Verhalten, so befürchten viele,  untergrabe die Autorität der Regierung und mache es deutlich schwieriger, die Briten davon zu überzeugen, sich künftig an Vorschriften zu halten.

Und doch, Cummings bewegt sich nicht. Er könne nachvollziehen, dass nicht alle seinen Ausführungen folgen könnten, doch bereue er nichts, so sagte er. Auch nicht, dass er, angeblich um seine durch Corona beeinträchtigte Sehkraft zu testen, mit der gesamten Familie im Auto an einen 50 Kilometer entfernten Ausflugsort gefahren sei. Es war zufällig der Geburtstag seiner Frau. Und ein zweiter Regelverstoß.

Johnson stellt sich vor Cummings, weil er ihn braucht

Bei vielen der konservativen Abgeordneten ist Dominic Cummings wegen seines arroganten Benehmens, seiner Rücksichtslosigkeit und vermutlich auch wegen seiner Sonderstellung bei Boris Johnson ohnehin verhasst – und das obwohl er es war, der der Partei den Brexit auf den letzten Metern gerettet hat. 40 von ihnen fordern öffentlich seinen Rücktritt, viele berichten von massenhaften Anrufen ihrer empörten Parteimitglieder. Waren am Freitag noch 52 Prozent der Briten der Ansicht, Cummings müsste gehen, so sind es heute 59 Prozent (Quelle: yougov).

Doch Johnson hat Cummings sowohl den Sieg beim Brexit-Referendum als auch den bei den Wahlen 2019 zu verdanken. In der Corona-Krise allerdings hat das Duo versagt.

Offiziell haben 37.000 Briten ihr Leben an das Virus verloren, wochenlang war die Regierung nicht in der Lage, Schutzkleidung und Tests zu organisieren. In der Krise haben die Briten zu ihrer Regierung gehalten, aber jetzt, da das Schlimmste vorüber zu sein scheint, bricht die Unzufriedenheit sich Bahn.

Ein Berater, der meint, er stünde über den Dingen, zieht da viel ohnmächtige Wut auf sich. Die trifft nun auch den Premier, der sich breitschultrig vor seinen Wahlkampfstrategen gestellt hat. Johnson setzt die Glaubwürdigkeit seiner Regierung für einen Mitarbeiter aufs Spiel. Das könnte man ihm als Treue auslegen, die meisten allerdings erkennen darin nur eins: Schwäche. Johnson will auf Cummings nicht verzichten, weil er nicht auf ihn verzichten kann.

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20.09.2021
von Fabian Köhler
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