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Polarisierung in Corona-Debatte - "Zweierlei Maß"

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Der Philosoph Julian Nida-Rümelin warnt davor, das Meinungsspektrum zu verengen, sich auf eine wissenschaftliche Theorie zu beschränken – und unterschiedliche Maßstäbe anzulegen.

Mehrere Tausend Demonstranten auf dem Königsplatz in München
Im Zusammenhang mit der Demo gegen Rassismus in München am 6. Juni 2020 war kaum Kritik wegen der Nichteinhaltung von Abständen zu hören, sagt Nida-Rümelin. (Archivbild)
Quelle: dpa

ZDFheute: Herr Nida-Rümelin, die Corona-Debatte erhitzt die Gemüter. Zuletzt gab es Unverständnis darüber, dass Großdemos toleriert werden, im Alltag aber weiter Disziplin angemahnt wird.

Julian Nida-Rümelin: In der Tat, bei den sogenannten Hygienedemos – wo manche mit zum Teil völlig absurden Positionen unterwegs waren, aber andere eben auch ehrlich besorgt waren um ihre Grundrechte, ihre wirtschaftliche Existenz – da gab es gleich den Vorwurf, durch die Demonstrationen massiv Gefährdungen auszulösen.

Bei den 25.000, die die Polizei allein in München auf dem Königsplatz geschätzt hat – die ein sehr gutes Motiv hatten, nämlich gegen Rassismus sich einzusetzen – da war diese Kritik kaum zu hören. Das ist schon zweierlei Maß.

ZDFheute: Sie plädieren für eine möglichst breite, inklusive Debatte. Was meinen Sie damit?

Nida-Rümelin: Wir dürfen gerade in einer solchen Krise nicht den Fehler machen, dass wir das Meinungsspektrum verengen. Das macht Demokratie aus, dass sie Differenzen aushält und erst mal alle einbezogen sind – auch diejenigen, die weit abweichende Auffassungen etwa von der Regierungsmeinung vertreten.

Es müssen sich alle wiederfinden in den öffentlichen Debatten. Es darf niemand abgewertet oder ausgegrenzt werden. Ansonsten bekommen wir eine Zweiteilung, die wir schon öfters erlebt haben.

ZDFheute: Welche Folgen befürchten Sie?

Nida-Rümelin: Wir haben ja in der Migrationskrise die Erfahrung gemacht, zu was das führt. Da gab es erst mal diese klare Zweiteilung: die Rechtgläubigen und die Kritiker. Und dann kam die berühmte Silvesternacht, und auf einmal gab es zwei Lager, die sich untereinander bekämpften und sich nicht mehr sachlich miteinander auseinandersetzen wollten.

Das wirkt bis heute nach. Und das sollte uns jetzt bei der Corona-Krise nicht noch mal passieren. Da haben auch die Medien eine große Verantwortung, die öffentlich-rechtlichen zumal: Die Pluralität ist ein Wert an sich.

ZDFheute: Zu Beginn der Krise war entschlossenes Handeln sehr populär. Die Zustimmungsraten für die Regierenden schnellten nach oben. War deshalb wenig Platz für Zweifel?

Nida-Rümelin: Ja, das kann man auch verstehen – dass in einer solch unübersichtlichen Situation Menschen schon aus Angst die Hoffnung haben: Naja, die Politik wird das schon richten. Das habe ich auch immer verteidigt.

Was kritisierbar ist, dass dann aus der Politik – trotz der Ruhe, trotz der Zurückhaltung auch der Opposition – das Ganze zugespitzt wurde mit der Aufforderung, nicht zu diskutieren.

Da habe ich dann doch gedacht: Vorsicht, jetzt geraten wir auf ein falsches Gleis. Das macht die Demokratie aus, dass wir gerade in Krisen diskutieren, streitig diskutieren.

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ZDFheute: Wie beobachten Sie die steigende Erregungskurve im wissenschaftlichen Diskurs?

Nida-Rümelin: Es ist Merkmal moderner Wissenschaft, dass es unterschiedliche Theorien gibt, dass Hypothesen getestet werden und sich als falsch herausstellen können.

Die Erwartung, es gäbe die eine absolut verlässliche Theorie, die uns sagt, was richtig und falsch ist, ist ein ganz schiefes Bild. Und umgekehrt sollten wir uns freuen, wenn es auch unterschiedliche Strategien, unterschiedliche Vorschläge gibt.

ZDFheute: Was ist Ihrer Meinung nach nötig, um einer wachsenden Polarisierung Einhalt zu gebieten?

Nida-Rümelin: Sehr viel wird davon abhängen, wie wir diese Krise weiter bewältigen. Sie hat ja auch einen ökonomischen, sozialen, kulturellen und einen Bildungsaspekt.

Wir sind da auf einem guten Weg insgesamt: Aber die Botschaft, das gehe jetzt irgendwie so weiter und wir müssten uns auf eine neue Normalität einrichten, die mit schweren Belastungen verbunden ist – die wird schwer auszuhalten sein. Das heißt: Wir brauchen jetzt Licht am Ende des Tunnels.

Das Interview führte Daniel Pontzen für Berlin direkt.

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