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Fleißiger Norden, fauler Süden?

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Corona-Krise und Nationalismus - Fleißiger Norden, fauler Süden?

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Über die Corona-Bonds ist es zum Streit in der EU gekommen, vor allem zwischen Deutschland und Italien. Historiker versuchen jetzt, aufkeimenden Nationalismus einzudämmen.

Eine Frau auf ihrem Balkon in Rom am 13.03.2020
Eine Frau auf ihrem Balkon in Rom: Als Konsequenz aus dem Euro müssen die Euro-Länder mehr gemeinsame Instrumente entwickeln, fordern Historiker.
Quelle: ap

Gemeinsam mit deutschen und italienischen Historikern hat Christian Jansen ein Dokument verfasst - als Gegenstimme gegen "eine Verfestigung nationaler Stereotype und nationalistischer Engstirnigkeit in der öffentlichen Meinung".

Begleitet wird das Dokument von einem Offenen Brief an die EU-Regierungen und Institutionen: "Ohne mutige Entscheidungen und ohne ein vorausschauendes und beispielloses Eingreifen der EU könnte die heutige Krise zu einem demokratischen Notstand führen." Den Brief haben 400 deutsche, italienische, spanische und französische Historiker unterschrieben.

Im Video: Die Forderungen zum EU-Gipfel

Wie können Finanzhilfen für die Mitgliedsstaaten in der Coronakrise konkret aussehen? Ministerpräsident Conte fordert gemeinsame Schulden.

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2 min
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Bei ZDFheute erklärt Christian Jansen, warum diese Initiative notwendig war.

ZDFheute: Sie sprechen von einer "absichtlich manipulatorischen Nutzung der Vergangenheit" gerade in italienischen Medien. Was genau beobachten Sie?

Christian Jansen: Thema in Nachrichtensendungen oder auch in sozialen Netzwerken ist häufig, dass Deutschland im Zweiten Weltkrieg Europa zerstört und dennoch nach 1945 großzügige internationale Hilfe erfahren habe.

Das ist richtig, aber vergessen wird, dass auch Italien faschistisch war, im Bündnis mit Hitler Länder auf dem Balkan und die Sowjetunion überfiel und ebenso wie Deutschland nach dem Krieg Wiederaufbauhilfe aus dem Marshallplan bekam.

Die Aufarbeitung der eigenen faschistischen Vergangenheit ist in Italien defizitär, man sieht sich gerne nur als Opfer der Geschichte.

ZDFheute: Schürt vielleicht auch die italienische Politik solche Ressentiments, um Sündenböcke zu schaffen?

Jansen: Nicht so sehr die Regierung unter Ministerpräsident Conte, aber vor allem die rechte Opposition. Der Sparkurs aus Berlin und Brüssel sei schuld daran, dass es Italien schlecht gehe. Dass aber Schattenwirtschaft grassiert und viele Reiche keine Steuern zahlen, wird nicht thematisiert.

Italien selbst trägt eine ernsthafte Verantwortung für die Ineffizienz seines Gesundheits- und Steuersystems.

Trotzdem wollen wir als HistorikerInnen klar machen, dass es kein kollektives Verschulden der Menschen in den europäischen Schuldnerländern wie Italien gibt. So, wie wir gelernt haben, dass es keine kollektive Schuld für Faschismus und Krieg gibt.

Im Video: Die EU und die Solidarität in Corona-Zeiten

Südeuropa fordert Solidarität.

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1 min
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ZDFheute: Worin sehen Sie denn Ihre besondere Aufgabe als deutscher Historiker?

Jansen: Das wiedervereinigte Deutschland sollte nicht vergessen, dass seine ökonomische Kraft auch auf dem Entgegenkommen der Siegermächte beruht. Auch Deutschland hat von einem erheblichen Schuldenerlass profitiert, als 1953 in einem Londoner Schuldenabkommen die internationalen Gläubiger auf die Bedienung der Vorkriegsschulden des Deutschen Reiches verzichteten.

Ein Land, das wie kaum ein zweites von der europäischen Einigung profitiert hat, trägt eine besondere historische Verantwortung.

Daran wollen wir erinnern. Und ebenso daran, dass die europäische Einigung 70 Jahre Frieden und Wohlstand gebracht hat, während zuvor der Nationalismus Europa in Kriege und Elend gestürzt hatte.

Ein Computermodell des Coronavirus

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ZDFheute: Aus der Vergangenheit in die Zukunft: Was genau wollen Sie bewirken?

Jansen: Der Norden ist fleißig, der Süden ist faul, das ist ein altes europäisches Klischee. Historische Forschung und auch unser Offener Brief versuchen, diese Stereotype zu überwinden.

Als Konsequenz aus der gemeinsamen Währung müssen die Euroländer auch zu einer gemeinsamen Finanzpolitik einschließlich Eurobonds finden ebenso wie zu einheitlichen Sozial- und Umweltstandards oder zu einer europäischen Arbeitslosenversicherung.

Das Interview führte Eva Schmidt, Redakteurin und Moderatorin beim Wirtschaftsmagazin makro.

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