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Kontaktsperre und Co gefährlicher als Corona?

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Epidemiologe alarmiert - Kontaktsperre und Co gefährlicher als Corona?

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Nicht nur die Wirtschaft warnt vor den Folgen der Anti-Corona-Maßnahmen: Der Epidemiologe Gérard Krause befürchtet, dass sie zu mehr Toten führen könnten als das Virus selbst.

Epidemiologe Gérard Krause im Interview.

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ZDFheute: Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen?

Prof. Gérard Krause: Diese schwerwiegenden gesamtgesellschaftlichen Maßnahmen müssen wir so kurz und so niedrig intensiv wie möglich halten, denn sie könnten möglicherweise mehr Krankheits- und Todesfälle erzeugen als das Coronavirus selbst.

Obwohl mein Schwerpunkt Infektionskrankheiten sind, bin ich der Auffassung, dass wir die Auswirkungen auf andere Bereiche der Gesundheit und der Gesellschaft unbedingt beachten müssen. Wir dürfen uns als Gesellschaft nicht allein auf die Opfer durch das Coronavirus fokussieren.

ZDFheute: Welche Auswirkungen befürchten Sie?

Krause: Wir wissen, dass zum Beispiel Arbeitslosigkeit Krankheit und sogar erhöhte Sterblichkeit erzeugt. Sie kann Menschen auch in den Suizid treiben. Einschränkung der Bewegungsfreiheit hat vermutlich auch weitere negative Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung.

Solche Folgen kann man nicht so einfach direkt ausrechnen, aber sie finden trotzdem statt und sie können möglicherweise schwerwiegender sein als die Folgen der Infektionen selbst.

Es ist eine ethische Frage: Welchen Preis zahlt die Gesellschaft für die Rettung der Corona-Patienten? Die Bedrohung durch Corona ist noch überwältigend– aber das Nachdenken über die Zukunft beginnt: Was setzen wir aufs Spiel zur Bekämpfung der Krise?

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ZDFheute: Sehen Sie Unterschiede in den weltweiten Folgen?

Krause: Hier in Deutschland ist mein Eindruck, dass wir das schon gut abpuffern werden, weil wir ein reiches Land sind. Aber die Auswirkungen auf andere Länder sind noch gar nicht richtig absehbar.

Der Bundesrat hat das Hilfspaket gegen die Corona-Krise beschlossen. Es enthält Maßnahmen zur Rettung von Arbeitsplätzen und Unternehmen sowie weitere Sicherungen.

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Ich bin viel in Kontakt beruflich mit Kollegen in Afrika und Südamerika und dort sind die sozialen Strukturen sehr viel fragiler, dort gibt es eine Vielzahl von Menschen, die wirklich von der Hand in den Mund leben und wenn die nicht arbeiten können, bedeutet das sofort Versorgungsengpässe für die Familien mit den entsprechenden gesundheitlichen Folgen.

ZDFheute: Sind denn die derzeitigen Maßnahmen aus Ihrer Sicht zu weitgehend?

Krause: Ich möchte mir nicht anmaßen, das bessere Augenmaß zu haben als andere. Ich möchte nur betonen, dass es wichtig ist, die negativen Auswirkungen immer im Blick zu haben und deswegen auch frühzeitig diese Maßnahmen wieder zu lockern. Man muss aufpassen, dass man aus Ohnmacht vor dieser Situation nicht überschießende Handlungen vornimmt, die möglicherweise mehr Schaden anrichten können als die Infektion selbst.

Denn die Auswirkungen sind möglicherweise sehr viel weitreichender als wir im Moment diskutieren und sie finden auch verzögert statt und betreffen andere sehr wichtige Werte und Güter, nicht allein die Gesundheit.

ZDFheute: Mit welchen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen rechnen sie?

Krause: Wir haben ja zum Greifen nah zusätzliche neue Instrumente in der Hand. Wir haben bald mehr Kenntnisse über die Risikogruppen. Das kommt jetzt sehr, sehr schnell und da ist ganz massiv daran gearbeitet worden und das wird jetzt Früchte tragen.

Das alles wird uns helfen, diese sehr pauschalen Maßnahmen runterzufahren und die fokussierten gezielten Maßnahmen, die ja auch viel direkter wirken, zu verstärken und aufrechtzuhalten. Und damit können wir hoffentlich sehr bald einen Werkzeugkasten zur Anwendung bringen, der sehr viel gezielter wirkt und weniger unerwünschte Wirkung hat.

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ZDFheute: Was meinen Sie mit gezielten Maßnahmen?

Krause: Ganz klar ist dies der Schutz des medizinischen Personals und der Schutz der Risikogruppen, also der Menschen, von denen wir wissen, dass sie schwere Erkrankung haben.

ZDFheute: Wäre also die Isolierung von Risikogruppen sinnvoll?

Krause: Isolierung im Sinne von Bewahren vor Infektionsrisiken - wie wir es bei manchen Krebserkrankungen kennen -, ja. Das ist nicht immer einfach, aber es soll nicht verwechselt werden mit Isolierung dieser Menschen vor der Umwelt. Da gibt es schon auch Möglichkeiten, diese unerwünschten Effekte einer Isolierung abzudämpfen.

Ich denke zum Beispiel an Altersheime, an Geriatrien. Ich denke an Menschen, die durch Heimpflege versorgt werden. Die müssen geschützt werden, nicht zu deren Lasten, sondern zu deren Schutz.

ZDFheute: Und durch Schutz der Risikogruppen könnten dann Ausgangsbeschränkungen wieder aufgehoben werden?

Krause: Ich möchte nicht von "Entweder-oder" sprechen, ich möchte von einer Schwerpunktverschiebung sprechen. Ich bin der Meinung, dass wir den Schwerpunkt unserer Aufmerksamkeit und auch unserer Ressourcen auf den Schutz des Risikogruppen richten sollten und dass wir versuchen sollten, möglichst schnell diese sehr generalisierten Ausgangsbeschränkungen und Geschäftsschließungen zu lockern, so früh es geht. Wir sollten uns darauf einstellen, das frühzeitig und zugleich vorsichtig zu tun.

ZDFheute: Aber Berechnungen zeigen, dass es auch bei Isolierungen der Risikogruppen zu Engpässen bei der medizinischen Versorgung kommen wird.

Krause: Ja, ich muss leider zugeben, dass es dann trotzdem noch Erkrankungen und Todesfälle auch bei jungen Menschen geben wird. Es  könnte auch hier in Deutschland eine Phase geben, in der möglicherweise nicht jeder beatmet werden kann, der beatmet werden müsste.

Ich glaube nicht, dass die Maßnahmen, wie auch immer sie verschärft werden, in der Lage sind, das komplett zu verhindern. Wir müssen als Gesellschaft verstehen, dass es Naturereignisse gibt, die man nicht komplett ungeschehen machen kann.

Das Interview führte Felix W. Zimmermann.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "heute journal" am 29. März 2019. Das Interview wurde für die Sendung von Felix Zimmermann geführt, ZDFheute veröffentlicht programmbegleitend das Transkript in Auszügen.

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