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Corona und Geschlechterrollen - "In der Krise verfallen wir in alte Muster"

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Christine Bergmann war - unter anderem - Familienministerin im Kabinett Schröder. Bei ZDFheute warnt sie davor, wegen der Corona-Krise in alte Geschlechterrollen zu verfallen.

In Krisenzeiten drohen alte Rollenbilder wieder durchzubrechen, warnt die ehemalige Familienministerin Christine Bergmann. Die Sorgearbeit lande überwiegend bei den Frauen.

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ZDFheute: Würden Sie sagen, dass in Krisenzeiten Familienpolitik noch viele Baustellen hat?

Christine Bergmann: Wir sehen jetzt, wie sehr die Sorgearbeit wieder bei den Frauen landet. Die gerechtere Verteilung zwischen Familien- und Erwerbsarbeit ist noch kein großes Feld geworden. Wenn es um Sorgearbeit (Anm. der Redaktion: das bedeutet zum Beispiel Kindererziehung, Angehörigen-Pflege, Haushalt) geht , sind das nach wie vor die Frauen.

Dazu kommt der andere Skandal: Wir reden seit Jahrzehnten über die Lohnlücke. Frauen verdienen im Schnitt 21 Prozent weniger als die Männer. Klassische Frauenberufe sind unterbewertet, im Ansehen und in der Bezahlung. Und das sind die Berufe, die jetzt den Laden am Laufen halten.

Das sind Berufe in der Pflege, im Supermarkt, in der Dienstleistung, die als systemrelevant eingeschätzt sind, aber nach wie vor schlecht bezahlt sind. Wir reden seit 30 Jahren immer wieder über dieses Thema und wenig hat sich getan.

ZDFheute: Sie sagen, in der Krise kristallisieren sich die eigentlichen Probleme heraus. Was empfehlen Sie jetzt in dieser Lage?

Christine Bergmann: Es geht unter anderem um das Thema Lohngerechtigkeit. Ich freue mich schon auf die Auseinandersetzung und hoffe, dass sich viele Frauen in diese Diskussion miteinbeziehen.

Die Situation der Alleinerziehenden ist seit Jahren unmöglich, sie haben aber eigentlich gar keine Kraft, sich in die öffentliche Debatte hinein zu begeben. Die Gesellschaft muss leisten, hier eine Verbesserung hinzubekommen.

Ein Aufkleber mit den Symbolen für Männlichkeit und Weiblichkeit - Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sieht die Gleichstellung zwischen Mann und Frau in Zeiten der Corona-Krise in Gefahr.

Belastung in Corona-Krise - Giffey sieht Rückschritt bei Gleichstellung  

Trotz Doppel- und Dreifachbelastung während der Corona-Krise werden Frauen laut Familienministerin Giffey schlechter bezahlt als Männer und haben weniger Aufstiegschancen.

ZDFheute: In der Empfehlung der Leopoldina zur Lockerung der Corona-Beschränkungen tauchen Eltern und Kinder mit einem Satz auf. Die Arbeitsgruppe besteht hauptsächlich aus Männern, wie kann das sein?

Christine Bergmann: In dieser Arbeitsgruppe waren zwei Frauen und 24 Männer, das kann heutzutage eigentlich nicht mehr sein. Es gibt genug kompetente Frauen, die man einbeziehen kann und muss.

Da werden große gesellschaftliche Themen behandelt, die Frauen in gleicher Weise etwas angehen. Man merkt am Ergebnis, dass es ein sehr ausgeprägtes Männerdenken war.

So klang die Einschätzung der Leopoldina zu Schulen vor einem knappen Monat:

ZDFheute: Wieso kristallisieren sich in der Krise alte Muster heraus?

Christine Bergmann: Das sitzt doch schon ziemlich fest. Denken Sie zum Beispiel daran, dass die Frauen nach dem zweiten Weltkrieg alles gemacht haben. Als der Krieg zu Ende war und die Männer wieder da waren, hat sich das gewandelt.

Es müssen sich all die zusammen tun, die eine modernere, solidarische Gesellschaft möchten. Das ist schon leistbar.

ZDFheute: Was muss man jetzt in dieser Krise tun, um danach anders zu sein?

Christine Bergmann: Man muss sich jetzt sehr ehrlich vor Augen halten, dass alte Rollenmuster wieder durchkommen. Natürlich gibt es jetzt schon mehr Männer in der Fürsorgearbeit, aber Erwerbs- und Sorgearbeit  sind zwischen Frauen und Männern noch nicht gleich verteilt. Da kann man noch einiges machen.

Das Interview führte Britta Spiekermann.

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