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Ein marodes Gesundheitssystem steht am Limit

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Coronavirus in Frankreich - Ein marodes Gesundheitssystem steht am Limit

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Millionen Franzosen leben in "medizinischen Wüsten": wenig Ärzte, schlechte Versorgung, mangelhafte Informationsketten. Und jetzt das Coronavirus. Ein Lagebericht.

Frankreichs Gesundheitssystem war schon vor der Verbreitung des Coronavirus unfit. Auf 1.000 Franzosen kommen nur 3,2 Ärzte.

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Lacroix-Saint-Quen liegt im Epizentrum der französischen Coronaepidemie - im Departement Oise, nördlich von Paris. 5.000 Einwohner hat der kleine Ort, vier Coronainfizierte und einen verbliebenen Hausarzt, Doktor Benoit Reynauld. Der andere Hausarzt ist selbst erkrankt.

In den französischen Abendnachrichten war in der Praxis von Benoit Reynauld nun eine Szene zu beobachten, die viel über die aktuelle Gesundheitskrise in Frankreich sagt: Doktor Reynauld öffnet einer Frau, die sich krank fühlt, die Tür. Er trägt keine Schutzkleidung, keine Schutzmaske, er schüttelt der Frau die Hand, er umarmt sie zum Abschied.

Coronavirus trifft desolates Gesundheitssystem in Frankreich

Niemand habe ihn informiert, erklärt der Arzt im Interview, niemand habe ihm Ausrüstung zur Verfügung gestellt.

Ich versuche, die Patienten zu beruhigen, aber ich bin selbst überfragt.
Benoit Reynauld, Hausarzt in Lacroix-Saint-Quen

Diese Szene ist Ausdruck der Krise, die Frankreich gerade mit doppelter Wucht trifft. Das Coronavirus prallt auf ein desolates Gesundheitssystem. Und besonders hart trifft es Regionen wie das Departement Oise, wo mittlerweile 99 Menschen mit dem Virus infiziert sind - und das schon seit langem als "désert médicaux" gilt, als "medizinische Wüste". Wenig Ärzte, schlechte Versorgung, kaum funktionierende Informationsketten.

Frankreichs "medizinische Wüsten"

3,8 Millionen Franzosen leben in solchen medizinischen Mangelgebieten. Teilweise kommen dort auf 10.000 Einwohner weniger als fünf Ärzte. Laut Gesundheitsministerium fehlen in 11.329 französischen Kommunen Allgemeinmediziner. Jeder zweite französische Arzt ist heute über 60. 2018 kündigte Präsident Emmanuel Macron eine umfassende Gesundheitsreform an: "Ma Santé 2022". Die Reform verläuft schleppend.

Das ist nur eine von vielen Reformen in Frankreich, die nicht richtig gelingen.
Jean-Paul Hamon, Präsident der französischen Ärztekammer

"Und während sie noch auf den Weg gebracht wird, breitet sich die medizinische Wüste in unserem Land immer weiter aus", sagt der Präsident der französischen Ärztekammer Jean-Paul Hamon im ZDF-Interview.

Hier können Sie das komplette Interview sehen:

Der französische Arzt Jean-Paul Hamon kritisiert Frankreichs Umgang mit dem Coronavirus. Er beklagt, dass die Regierung Macron Hausärzte im Stich lasse.

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Mehr als 700 Corona-Infizierte zählt Frankreich derzeit. Viele davon in so genannten "déserts médicaux": zum Beispiel Morbihan, Grand Est, Val d’Oise. "Wir haben fast weniger Angst vor dem Virus als davor, dass die wenigen Ärzte, die es noch gibt, ausfallen und sich dann niemand mehr um die Patienten kümmern kann", sagt Hamon. Und es könnten viele ausfallen, weil sie für den Kontakt mit Infizierten schlecht ausgestattet und schlecht vorbereitet sind.

Regierung Macron nicht vorbereitet

Hamon ist nicht nur Präsident der französischen Ärztekammer, er ist auch selbst Hausarzt mit Praxis in einem Vorort von Paris. Und Hamon ist in diesen Tagen ein viel gefragter Mann. Denn er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um das Versagen der Regierung angesichts der Gesundheitskrise geht: "Die Regierung sagt, wir wären vorbereitet. Sind wir nicht."

Wie kann eine Regierung 15 Tage lang zusehen, wie wir uns auf eine Epidemie zubewegen - und es doch nicht schaffen, ausreichend Schutzmasken an 50.000 Hausärzte zu verteilen?
Jean-Paul Hamon

Diese Woche nun hat Präsident Macron die Coronakrise zur Chefsache erklärt. Seit Dienstag lässt er Schutzmasken beschlagnahmen. Zehn Millionen Stück werden landesweit an medizinisches Personal und Risikopatienten verteilt.

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Die Realität dieser Maßnahmen beobachtet Jean-Paul Hamon in seiner Praxis: "Das klingt nach viel, ist es aber nicht. In meiner Praxis sind wir fünf Ärzte. Wir haben 35 bis 40 Patienten am Tag - und gerade mal vier Kisten mit Masken erhalten." Außerdem solle die Praxis Rezepte für Risikopatienten ausstellen, so Hamon, Diabetiker zum Beispiel, Herzpatienten, Asthmatiker. "Ich habe also heute in der Apotheke angerufen und gefragt, wie so ein Rezept aussehen soll. Da haben die gesagt: Das Rezept ist egal, wir haben schon wieder keine Masken mehr."

Chirurgische Schutzmasken gegen Coronavirus?

Und dann zeigt Jean-Paul Hamon die Masken, die verteilt wurden: einfache chirurgische Masken. Zum Vergleich zieht er aus einer Schublade die Schutzausrüstung, die 2005 während der Vogelgrippe verteilt wurde und die er aufgehoben hat: eine FFP2-Maske und eine Schutzbrille. "Sie erklären uns jetzt, dass die FFP2-Masken gar nicht notwendig seien, dass die einfachen chirurgischen Masken reichen", sagt Hamon.

Archiv: Eine Frau trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske.

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Viele französische Ärzte fühlen sich allein gelassen. Auch in den Krankenhäusern wächst der Unmut. Francois Salachas, Neurologe im renommierten Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière, in dem der erste Franzose an Corona starb, ließ den Präsidenten bei einem Besuch vergangene Woche nicht aus der Verantwortung.

"Gesundheitssystem fackelt ab wie Notre-Dame"

Minutenlang schüttelte er dessen Hand, um ihm zu sagen, was falsch läuft: "Wir haben getan, was wir konnten. Wir können nicht mehr."

Ohne schnelle Hilfen haben unsere Krankenhäuser dieser Krise nichts entgegenzusetzen.
Francois Salachas, Neurologe in Paris

Seitdem ist Salachas, der auch Mitglied der Krankenhausgewerkschaft ist, in Frankreich eine kleine Berühmtheit. Vor allem ein Satz seiner Rede an Macron blieb den Franzosen im Ohr: "Als die Notre-Dame brannte, waren viele erschüttert. Jetzt müssen die öffentlichen Krankenhäuser gerettet werden. Denn unser Gesundheitssystem fackelt gerade genauso schnell ab wie die Notre-Dame."

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