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Boris Johnson meinte, er wisse es besser

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Im Kampf gegen das Coronavirus - Boris Johnson meinte, er wisse es besser

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Auch in Großbritannien steigt die Zahl der Corona-Infizierten stetig an. Doch Premierminister Johnson wehrte sich gegen drastische Maßnahmen und pochte auf Gelassenheit. Bis jetzt.

Boris Johnson bei einer Pressekonferenz zum Coronavirus in London.
Boris Johnson bei einer Pressekonferenz zum Coronavirus in London.
Quelle: EPA

Je schwieriger die Zeiten desto tröstlicher, dass manche alten Gewissheiten weiter gelten. Die Sache mit den Briten und dem Tee etwa.

"Keep calm and carry on" ist vorbei

Im Supermarkt gestern lange Schlangen und auch hier, wo man sich sonst mit dem sprichwörtlichen Hang der Nation zum Ruhe-bewahren brüstet – keep calm and carry on – bricht langsam Panik aus. Eine Frau hat den halben Einkaufswagen voller P&G Packungen, sechs extra große mit 240 Beutel pro Packung. 1.440 Tees kann sie damit trinken und lange, lange abwarten.

Auch der Premier pochte bis heute auf Gelassenheit in Sachen Coronavirus. Vergangene Woche warnte er zwar: "Sehr viele mehr werden sich von geliebten Menschen vor der Zeit verabschieden müssen." Doch im Gegensatz zu ziemlich allen anderen Ländern setzt man in Downing Street auf Berechnungen, die sagen, es sei besser, wenn sich eine große Anzahl der gesunden Bevölkerung mit dem Virus infiziere und so Immunität erlange.

Plötzlicher Sinneswandel bei Johnson?

Heute allerdings hieß es plötzlich, man solle sich grundsätzlich von Kneipen, Clubs, Theatern und Veranstaltungsorten fern halten. Wer Symptome zeige, solle 14 Tage zu Hause bleiben.

Doch anstatt drastische Maßnahmen zu ergreifen, die das normale Leben der Mehrheit stören würden, kündigte Johnson nur an, dass Menschen mit Vorerkrankungen, über 70-Jährige und Schwangere sich bald isolieren sollten.

Johnson beruft sich dabei auf seinen medizinischen Berater Chris Whitty und den wissenschaftlichen Berater Patrick Vallance. Diese glauben, dass die Unterdrückung des Virus nur in einer noch größeren und daher noch gefährlicheren zweiten Welle von Infektionen resultieren wird. Bis heute beschränkten sich die britischen Empfehlungen daher auf Auftritte des Premiers, beim Händewaschen zweimal "Happy Birthday" zu singen. Getestet werden überhaupt nur diejenigen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Das führt dazu, dass die offizielle Zahl der Infizierten bei 1.543 liegt, während tatsächlich von bis zu 10.000 ausgegangen wird. Seit heute beträgt die Zahl der Todesfälle 36.

WHO: "Testet, testet, testet!"

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Zweifel an dem britischen Sonderweg geäußert. Nichtstun sei gefährlich, auch weil es gar nicht sicher sei, inwieweit vormals Kranke später immun gegen das Virus sind. Der Generaldirektor der WHO Tedros Adhanom Ghebreyesus machte heute klar, es sei wichtig zu wissen, wer und wie viele Menschen infiziert seien: "Testet, testet, testet", so rief er es den Regierungen in aller Welt zu.

Doch die Briten wollen ihr Vorgehen nicht ändern und halten die 44.000 durchgeführten Tests für ausreichend. Südkorea mit einer ähnlich großen Bevölkerung hat allerdings 250.000 Tests durchgeführt und die Zahl der Neuinfektionen reduziert.

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Viele, auch britische Experten, halten die demonstrative Ruhe auf den britischen Inseln für Wahnsinn. Sie rechnen aus, dass bis zu acht Millionen Menschen so schwer krank werden könnten, dass sie ins Krankenhaus müssten – im ganzen Land gibt es aber nur 5.000 Betten auf Intensivstationen.

Zum Vergleich: Deutschland hat 29.000 solcher Betten. Der britische Gesundheitsdienst NHS ist schon zu normalen Zeiten in vielen Bereichen deutlich überlastet und dramatisch unterfinanziert, nun drohen gefährliche Engpässe. 20 bis 30 Prozent des medizinischen Personals könnten ausfallen, weil sie selbst krank werden. Jenny Vaughan vom britischen Ärztebund warnte am Donnerstag:

Wir wissen jetzt schon, dass wir Kollegen beerdigen werden.
Jenny Vaughan, britischer Ärztebund

Strukturelle Probleme werden offenbar

Das Virus legt viele strukturelle Probleme offen: In Großbritannien gibt es die sogenannten zero-hour-contracts: Arbeitskräfte, die solche Verträge abschließen, werden nur bezahlt, wenn der Arbeitgeber sie braucht. Eine knappe Million Briten arbeitet unter diesen Bedingungen, besonders viele in der Gastronomie, ihnen droht nun massiver Einkommensverlust.

Ein weiteres Problem sind die drei Millionen britischer Kinder, denen ein gratis Schulessen zusteht, weil das Einkommen ihrer Eltern so gering ist. Häufig ist das "school lunch" die einzige richtige Mahlzeit des Tages. Die Sorge ist nun, dass diese Kinder monatelang nicht genug zu essen bekommen könnten, wenn die Schulen doch noch schließen sollten, was die Regierung heute weiterhin ablehnt.

Viele Eltern schicken ihre Kinder allerdings einfach nicht mehr in die Schulen. Hier, wie auch in anderen Bereichen, warten die Briten nicht auf Ansagen ihrer Regierung. Die Museen sind leer, die U-Bahn hat 20 Prozent der Passagiere verloren, die Fluggesellschaften canceln bis zu 80 Prozent ihrer Flüge und bitten um Rettungspakete, Sport-Events und Musikfestivals werden abgesagt. 

Autos zu Beatmungsgeräten!

Die Antworten der Regierung beruhigen nur wenige. Deren "Kriegspläne" sorgen vielmehr für eine Mischung aus Amüsement und Angst. Die Versorgung mit medizinischem Gerät soll verbessert werden, indem Autohersteller dazu aufgerufen werden, ihre Produktion umzustellen: Autos zu Beatmungsgeräten!

Medizinisches Personal in der Ausbildung soll noch vor dem Abschluss in den Krankenhäusern aushelfen, Privatkrankenhäuser werden dazu aufgefordert, Betten zur Verfügung zu stellen. Ohnehin momentan kaum gebuchte Hotels sollen Krankenhäusern mit Zimmern aushelfen. Vertrauen weckt das nicht.

Der FTSE, Großbritanniens wichtigster Aktienindex, ist heute auf den niedrigsten Stand seit 2011 gefallen und das Pfund hat gegenüber dem Euro deutlich verloren.

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