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"Deutschland und Italien brauchen sich"

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Italien und die Pandemie - "Deutschland und Italien brauchen sich"

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Bestsellerautor Severgnini hat die Corona-Pandemie in Norditalien miterlebt. Er erklärt im ZDFheute-Interview, wie sie das Verhältnis zu Deutschland und Europa beeinflusst hat.

Der Bestsellerautor hat die Corona-Pandemie in Norditalien hautnah miterlebt. Im Interview erklärt er, was das mit dem Verhältnis zu Deutschland und Europa gemacht hat.

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12 min
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ZDFheute: Wie war für Sie persönlich die Phase des Lockdown?

Guiseppe Severgnini: Es war eine traurige und überraschende Zeit. Ich habe den Lockdown in Crema verbracht, also im Mittelpunkt dieser Sache - nicht nur von Italien, sondern auch von Europa. Für uns war es eine echte Qual.

Das italienische Militär hat ein Feldkrankenhaus in Crema gebaut. Wir hatten 50 kubanische Ärzte und Krankenschwestern, die zum helfen kamen. Es war eine Situation, von der ich nie geglaubt hätte, dass ich sie jemals in meinem Leben in meiner Stadt sehen würde. Und überraschend, weil die Italiener den Lockdown gut gemeistert haben. Es gab keine Proteste, es gab keine Gewalt - einige wollten davon profitieren, ja - aber nur sehr wenige.

Und auch die Mittel- und Süditaliener haben alles sehr gut mitgemacht, obwohl sie das Drama nicht direkt vor ihrer Haustür sahen. In Crema war es für uns einfacher, die Maßnahmen einzusehen, weil wir von morgens bis abends die Sirenen der Krankenwagen gehört haben. In Neapel oder Palermo war das anders. Aber auch da haben sie sich zu Hause eingeschlossen. Also insgesamt waren es wirklich zwei erstaunliche Monate. Wobei es nicht länger hätte dauern dürfen.

ZDFheute: Fühlten sich die Italiener von Europa allein gelassen?

Severgnini: Am Anfang ja. Es gab die Versuchung, jemanden zu finden, auf den man wütend sein konnte, einen Schuldigen zu finden. Denn das tun dann alle Länder - und wir noch mehr als andere. Europa hat dann geantwortet und ich glaube, Ursula von der Leyen hat verstanden, was da auf dem Spiel steht. Nämlich das ganze europäische Projekt. Und in das hat auch Deutschland viel investiert. Vielleicht sogar am meisten.

Antje Pieper reist mit ihrem Team von der Cote d'Azur bis nach Italien. Wie bereiten sich die Küstenorte auf die Touristen vor? Und wie geht eigentlich Urlaub in der Pandemie?

Beitragslänge:
13 min
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Italien wieder auf die Beine zu helfen, bedeutet auch, denen zu helfen, die am Ende deutsche Autos kaufen. Wir sind, glaube ich, der größte Markt in Europa außerhalb Deutschlands. Daher ist es auch im Interesse Deutschlands, dass Italien wieder auf die Beine kommt.

ZDFheute: Wie sieht Italien in diesem Moment Deutschland?

Severgnini: Deutschland war wie immer der ideale Kandidat für Schuldzuweisungen. Einige wie ich und andere sagen aber, dass man es nicht immer einem anderen Land übel nehmen kann. Man muss auch selbst Verantwortung übernehmen. Aber ich glaube, Deutschland hat ernsthaft gezeigt, dass es die ganze Brisanz und Tragweite der Situation verstanden hat. Wir brauchen Deutschland und Deutschland braucht uns.

Wir Italiener sagen, dass das Europa der großen Länder ein Tisch mit vier Beinen ist.
Guiseppe Severgnini, Schriftsteller

Eines der Beine, das britische Bein, ist nicht mehr da. Daher ist der Tisch nicht so stabil. Folglich müssen wir auf die anderen großen europäischen Länder zählen. Allen voran Deutschland und Frankreich. Ein Tisch mit drei Beinen hält vielleicht, ein Tisch mit zwei Beinen nicht.

ZDFheute: Welche Folgen hat die Pandemie für die italienische Regierung um Ministerpräsident Conte?

Severgnini: Die italienische Regierung hat es gut gemacht. Während der Pandemie. Unser Regierungschef Giuseppe Conte ist unerfahren, während Angela Merkel als Kanzlerin -glaube ich- zehn oder elf italienische Regierungschefs gesehen hat. Er war deshalb anfangs wie der Kapitän eines kleinen Kutters - und dann fand er sich beim ersten Einschiffen als Kommandant eines Flugzeugträgers in stürmischer See wieder. Aber er hat sich über Wasser gehalten.

ZDFheute: Spürt man auf den Straßen Mailands noch ein wenig die Angst vor dem Virus?

Severgnini: Ja, die spürt man. Man spürt es, man sieht immer mal wieder ein nervöses Zucken, etwa in Bezug auf die Masken und den Abstand. Das sehen Sie hauptsächlich bei Personen eines bestimmten Alters - also mein Alter und aufwärts.

Die jungen Menschen denken da wesentlich weniger daran. Es hängt jedoch von den Personen ab. Es gibt Personen, die sehr sensibel sind, hypochondrisch, exzessiv. Und dann gibt es Personen, die sind fatalistischer. Doch man spürt deutlich - dies ist nicht die Normalität.

Das Interview führte Antje Pieper

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