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Corona im Skiparadies: "Thema kleingeredet"

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Viren-Turbo Ischgl - Corona im Skiparadies: "Thema kleingeredet"

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Es ist wie Mallorca, aber mit Schnee: Ischgl in Tirol ist die Party-Destination für Skifahrer. Doch nun hat es sich einen weiteren Ruf erarbeitet - als Corona-Hotspot in den Alpen.

Skiurlauber drängen sich dicht an dicht in einer Apres-Ski Hütte – heute unvorstellbar. Allerdings hätte das Treiben in Ischgl auch schon Anfang März verhindert werden müssen – sagen Mitarbeiter des Ski-Paradieses.

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Das Video zeigt, warum gerade hier das Virus so erfolgreich war: die Trofana Alm in Ischgl ist gerammelt voll, der DJ in Lederhosen heizt die Menge an: "Alle zusammen! Alle gemeinsam!" - "Alle infiziert!", denkt man sich beim Zusehen.

Das Video wurde aufgenommen am 4. März 2020. Am Tag danach erklärt Island als erstes Land den Ort Ischgl zur Risikozone, denn mehrere isländische Touristen hatten sich dort offenbar infiziert. Auch unter Mitarbeitern der Gastronomie in Ischgl war die Rede von mindestens einem positiv getesteten Fall in ihren Reihen. Der sei "nun nicht mehr hier", beruhigte angeblich ein Arbeitgeber. Erst am 7. März wurde ein positiv getesteter Fall offiziell und am 9. März schlossen schließlich die Apres-Ski-Bars.

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Wie viele Deutsche steckten sich in Ischgl an?

Doch nach unseren Recherchen könnten sich in der Trofana Alm bereits in der ersten Märzwoche Urlauber aus Deutschland infiziert haben. Denn sie feierten nur hier, kehrten am 6. bzw. 7. März infiziert heim - also noch bevor in Ischgl die erste Infektion zugegeben wurde.

Auf unsere Anfrage erklärte Bürgermeister Werner Kurz: "Am 7. März wurde bekannt, dass der Test eines Barkeepers - ein 36-jähriger Deutscher mit norwegischem Namen - positiv ausfiel. Daraufhin wurden die Behörden tätig, umgehend die Öffentlichkeit informiert, die betroffene Person isoliert, die Mitarbeiter in Quarantäne genommen und im Rahmen der routinemäßigen behördlichen Abklärungen mögliche - nicht enge - Kontaktpersonen angehalten, ihren Gesundheitszustand für die kommenden zwei Wochen zu beobachten."

Keine Infos für fiebrige und hustende Skigäste

Die Gäste, mit denen wir sprachen, bekamen aber Informationen über Ischgls infektionäre Fragwürdigkeit nur von Außen mit. "Von Ischgl selbst haben wir zu keinem Zeitpunkt irgendetwas bekommen", sagt einer, der in der letzten Ischgl-Woche dort war und der, wie alle, lieber anonym bleiben will. Selbst als er auf dem Balkon seiner Ferienwohnung bemerken musste, dass die urlaubenden Skifahrer nicht nur, wie gewohnt, alkoholbeseelt gröhlten, sondern auch oft husteten, gab es keine Information.

Irgendwann schlossen nur nach und nach die Bars, erzählt er, und irgendwann begriff er, dass wohl auch er selbst infiziert sein musste: Er hustete und hatte Fieber.

War es Absicht, Nachlässigkeit oder schlicht Naivität der Gemeinde und des Gastgewerbes? In Ischgl sind die beiden Bereiche ziemlich deckungsgleich: Im Gemeinderat geben Männer mit Familiennamen den Ton an, die man im Ort auch kennt als Hotel-Eigner, als Teilhaber der Bergbahnen. Hier leben alle mittelbar und unmittelbar vom Tourismus.

Unsere Fragen waren den Behörden nicht angenehm - es wurde überreagiert. Bezirkshauptmann Markus Maaß schrieb dem ZDF:

In diesem Zusammenhang ersuche ich um Übermittlung der Daten (Namen, Adressen, Kontkatdaten, usw.) Ihrer Informanten.
Bezirkshauptmann Markus Maaß

Doch auch in Österreich ist Quellenschutz gesetzlich verankert.

Corona-Infektionen in Ischgl: "Thema kleingeredet"

In Gesprächen mit Mitarbeitern schält sich heraus, dass das Problem wohl eher nicht gesehen werden sollte. "Man hat das Thema kleingeredet und zur ganz normalen Arbeit aufgerufen", erzählt ein Angestellter, der ebenfalls anonym bleiben will, denn die nächste Saison kommt ja bestimmt. "Es hat auch sonst keine Vorkehrungen gegeben, keine zusätzlichen Desinfektionsstationen oder irgendwelche Veränderungen, die einem ein bisschen mehr Sicherheit gegeben hätten."

Man hat einfach so weiter getan, als ob gar nichts ist und von den Mitarbeitern verlangt, dass sie weiter ihre Arbeit ausübten.
Gastronomie-Angestellter (anonym)

Die Recherchen des Bloggers Markus Wilhelm bestätigen den Eindruck, dass Schließungen nur widerwillig vorgenommen wurden. In seinem Blog zitiert Wilhelm unter anderem Franz Hörl, Landesobmann des Tiroler Wirtschaftsbundes, der den Wirt der Apres-Ski-Bar anfleht, die Schließung vorzunehmen: 

Das ganze Land schaut auf euer Lokal - wenn eine Kamera den betrieb sieht, stehen wir Tiroler da wie ein Hottentotten Staat und stehen ganz schnell auf der Deutschen Liste!
Wörtliches Zitat von Franz Hörl, Landesobmann Tiroler Wirtschaftsbund

Man merkt auch, dass selbst von sogenannten Entscheidungsträgern die Lage zu dem Zeitpunkt wohl nicht vollständig erkannt wurde: "Nach einer Woche 10 Tagen ist viell Grad [gemeint ist wohl "viel Gras", Anmerkung der Redaktion] über die Sache gewachsen und dann kannst eh weiter entscheiden

Trotz Corona: Abreise überstürzt, planlos, ungetestet

Am Freitag, den 13. März, wird Ischgl unter Quarantäne gestellt. Die meisten Gäste erfahren davon auf der Piste oder kurz danach: "Sie müssen sofort abfahren", sagte eine Wirtin. Die Mitarbeiter seien schon fort, "geflohen". 

Doch die Mitarbeiter erzählen eine andere Geschichte. "Man hat ihnen einfach erklärt, dass die Saison jetzt zu Ende ist und dass das natürlich einvernehmlich sein solle und manche wurden auch genötigt, die Verträge zu unterschreiben, oder diese Auflösungen zu unterschreiben. Viele haben es leider auch getan", erzählt einer: "Das macht mir am meisten Sorgen, dass die Menschen raus sind ohne irgendeinen Test. Man weiß teilweise gar nicht mehr, wo sie hin sind."

Auch die Abreise der Gäste geschah überstürzt und planlos: Österreichische Medien berichten, dass auch Gäste zur Abreise genötigt wurden, die erst am nächsten Tag einen Flug nach Hause hatten - sie suchten sich ein Hotel in Innsbruck. Bis zu 400 Gäste aus Ischgl legten anscheinend ungetestet und ungebremst noch einen Zwischenstopp in der Stadt ein.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz.

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Der Gast, der die Ischgler Urlauber gröhlen und husten gehört hatte, erzählt auch, wie die unkoordinierte Abfahrt andere gefährdete: Mit dem Zug wollte seine Reisegruppe nicht mehr fahren. Einen Mietwagen gab es nicht. Sie entschieden, ein Taxi zu nehmen, bis Friedrichshafen, dann weiter mit dem Mietwagen. Doch es war klar: Es ist ein Risiko für den Taxifahrer. Das war dem wohl bewusst, eine Maske hatte er aber nicht. Er beschwerte sich während der Fahrt, es sei ja bekannt, dass in Ischgl viel Corona sei. Aber der Chef habe ihm gesagt, so erzählt es der Urlauber: Wenn er die Gäste nicht fährt, dann wird er fristlos entlassen.

Behördenversagen oder Egoismus im Gastgewerbe? Staatsanwaltschaft ermittelt

Auf unsere Frage, warum Taxifahrer des Unternehmens angeblich nicht mit Schutzmasken ausgerüstet war, und ob es stimme, dass Druck ausgeübt wurde, Gäste trotz des Risikos zu fahren, bat er nur mit diesen Worten zitiert zu werden: kein Kommentar. 

Ischgl war ein Viren-Turbo. Ob Behördenversagen und der Egoismus des Gastgewerbes erheblich zur Verbreitung des Virus in Tirol und in ganz Europa beigetragen haben, soll nun die Staatsanwaltschaft klären. 

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