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Warum das Coronavirus Italien so stark trifft

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Italien wurde vom Coronavirus in Europa bisher am stärksten getroffen. Ein Blick auf Gesundheitssystem, Wirtschaft und Verwaltung gibt Anhaltspunkte, warum.

In einer Kirche in Serina im Norden Italiens sind mehrere Särge aufgebahrt. Das Land verzeichnete mit 800 Toten an einem Tag einen neuen Opfer-Höhepunkt. Die Regierung ordnete daher den Stopp aller nicht lebensnotwendigen Produktioen an.
Italien hat China als Land mit den meisten Corona-Todesopfern überholt.
Quelle: AP

In Mailand wollte Gianluigi Iorio eigentlich seinen Traum leben und sein Glück finden, als Schauspieler neu anfangen. Jetzt hat er dort – wie so viele andere Italiener auch – einen wahr gewordenen Alptraum erlebt.

Er erinnert sich noch gut an die Anfangszeit, als sich langsam das Klima in der Stadt verändert und eine pulsierende Metropole zur Geisterstadt wird. Kurzerhand beschließt er, zu seiner Familie nach Neapel zu reisen.

Gianluigi Iorio
Der Schauspieler Gianluigi Iorio (28) lebt in Mailand, ist derzeit aber bei seiner Familie in Neapel

Als die Regierung verkündet, ab dem 8. März den Norden zu isolieren, tun es ihm zahlreiche Süditaliener im Norden des Landes gleich: Sie packen ihre Koffer und reisen in den Süden, zu ihren Familien. Eine italienische Völkerwanderung beginnt. Und die Menschen bringen die Viren vermutlich so auch in den Rest des Landes. Stärker als jedes andere Land in Europa befindet sich Italien seit Wochen im Würgegriff der Epidemie. Alles dreht sich derzeit um eine Frage: Warum ausgerechnet Italien, wieso der Norden des Landes?

Die Rolle der italienischen Wirtschaft

Die Frage sei schwer zu beantworten, sagt Emmanuele Pavolini, Professor für Wirtschaftssoziologie in Macerata, Italien. Weder Ökonomen noch Epidemiologen können derzeit testen, ob ein Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und der Ausbreitung der Krankheit besteht:

Pavolini
Emmanuele Pavolini, Professor für Wirtschaftssoziologie und Sozialpolitik an der Universität Macerata

"Was wir wissen ist, dass sich das Virus ziemlich schnell verbreitet und daher in dynamischeren Wirtschaftsbereichen, die stark international verbunden sind, die Wahrscheinlichkeit höher ist, weil viel mehr Menschen aus beruflichen Gründen reisen und sich bewegen", sagt Pavolini.

Die Schattenseiten einer globalen Welt sozusagen. Können die Ursachen für die rasche Ausbreitung auch im italienischen Gesundheitssystem gefunden werden? Trägt es eine "Mitschuld" an den Ausmaßen dort?

In Italien werden Produktionsstätten geschlossen, die als nicht lebensnotwendig gelten. Ministerpräsident Conte spricht von der "schwierigsten Krise seit dem Krieg."

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Die Rolle des italienischen Gesundheitssystems

Claus Wendt forscht seit Jahren zu internationalen Gesundheitssystemen und -verhalten. Laut dem Professor sehe auf dem Papier erstmal alles gut aus. "Italien hat eine ähnlich hohe Ärztedichte wie in Deutschland. Die Dichte an Krankenschwestern und Pflegepersonal ist demgegenüber aber vergleichsweise gering."

Claus Wendt
Claus Wendt, Soziologe der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen
Quelle: Konrad Gös

Aus seiner Sicht müsse man im Hinblick auf Italien mehr auf die Frage nach der Qualität der Versorgung achten, als auf bloße Grunddaten des Gesundheitssystems. Dafür seien Krankenhauskeime ein guter Beweis. "Und hier schneidet Italien im europäischen Vergleich besonders schlecht ab. Damit hätten wir also einen ersten Indikator, dass Italien bei wichtigen Hygienevorschriften im Gesundheitssystem vergleichsweise schlecht aufgestellt ist", so Wendt.

Die einzelnen Verantwortungsbereiche im Überblick:

Zudem keimt die Frage auf, ob auch die Italiener – ähnlich wie bei uns – die Situation im eigenen Land anfangs unterschätzt haben. Hat sich ein Land, dass sich über das "dolce vita" - also die Gemeinschaft bei Aperitif oder am großen Familientisch - definiert, zu spät in Quarantäne begeben?

Die Rolle der italienischen Politik

Gianluigi Iorio gibt zu, dass es zunächst etwas gedauert hat, bis die Botschaft bei den Italienern angekommen ist. Doch mittlerweile stehe selbst in Neapel das Leben weitgehend still. "Endlich haben die Leute Angst und kapiert, dass sie zu Hause bleiben sollen. Bei uns im Süden hat das recht lange gedauert, bis wir das verstanden haben. Jetzt halten wir uns endlich an die Regeln“, erzählt Gianluigi – der die Quarantäne meist auf seinem kleinen Balkon in der Sonne verbringt.

Der Wirtschaftssoziologe Pavolini fordert hingegen noch drastischere Maßnahmen für Italien und ganz Europa. "Ich denke, wir müssen ein 'chinesisches Quarantänemodell' einführen, das noch strenger ist als das unsere, obwohl es kurzfristig einen dramatischen Rückgang des BIP bedeuten wird." Darin sieht er aber die einzige Chance für sein Land.

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